FAZ 22.01.2026
13:19 Uhr

Tomoni Mental Health: „Wer Jugendliche psychisch stärken will, kann vieles falsch machen“


Um die mentale Gesundheit junger Menschen steht es schlecht – daran will das gemeinnützige Unternehmen Tomoni etwas ändern. Pädagogen und Wissenschaftler beraten die Initiative. Eine von ihnen ist die Suizidforscherin Ute Lewitzka.

Tomoni Mental Health: „Wer Jugendliche psychisch stärken will, kann vieles falsch machen“

Ein kleines Büro im Erdgeschoss der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universitätsmedizin in Frankfurt-Sachsenhausen, auf dem Tisch steht eine Kanne Tee. Doch einen Schluck davon trinken wird Ute Lewitzka in den nächsten eineinhalb Stunden nicht. Weil sie so viel zu erzählen hat. Weil sie davon berichtet, wie herausfordernd die ersten Monate in Frankfurt für sie waren, wie überrascht sie davon war, von zahlreichen Anfragen – zu Interviews, Vorträgen, Gesprächen – „überrollt“ zu werden. Weil sie beschreibt, warum ihr ihre Arbeit so am Herzen liegt. Ute Lewitzka, Jahrgang 1972, hat seit Ende 2024 an der Frankfurter Goethe-Universität die deutschlandweit erste Professur für Suizidforschung inne. Andreas Reif, der Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, hat sie aus Dresden nach Frankfurt geholt. Drei Stiftungen finanzieren Lewitzkas interdisziplinär angelegte Forschung für zunächst fünf Jahre. Ihr langfristiges Ziel ist es, ein deutsches Zentrum für Suizidprävention in Frankfurt aufzubauen. Die unterschiedlichen Kenntnisse darüber, wie sich Selbsttötungen verhindern lassen, wie man Verzweifelten helfen kann, will sie bündeln. Netzwerke aufbauen, Menschen zusammenbringen, andere in ihrer Arbeit unterstützen: Darin hat Lewitzka viel Erfahrung. In Dresden hat die Forscherin das nach ihrem akademischen Mentor benannte Werner-Felber-Institut für Suizidprävention mit gegründet. Der Psychiater Felber hat schon zu DDR-Zeiten zu Suiziden geforscht und einen Beratungsdienst initiiert – eine Pionierleistung gegen Widerstände, denn „offiziell durfte damals von Suiziden nicht gesprochen werden“, erklärt Lewitzka. Die Scham ist groß, über psychische Probleme zu sprechen Aktiv ist sie auch als Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention und als Beraterin des Bundesgesundheitsministeriums. In Dresden hat sie mit ihrem Team das Schulprojekt „Heylife“ evaluiert: In Workshops wurden sächsische Schüler angeleitet, über psychische Probleme zu sprechen, Bewältigungsstrategien wurden ihnen vermittelt. Aber auch in Frankfurt unterstützt Lewitzka ein Projekt, das sich der mentalen Gesundheit von jungen Menschen widmet: das gemeinnützige Unternehmen Tomoni Mental Health. Das Ehepaar Alix und Oliver Puhl hat Tomoni aus eigener Betroffenheit gegründet: Ihr Sohn Emil, der an einer lange unerkannten psychischen Erkrankung litt, hat sich 2020 mit 16 Jahren suizidiert. Nach seinem Tod sprachen die Puhls mit vielen Menschen, die ihnen von ähnlichen Leidensgeschichten berichteten. Sie merkten: Aus Scham fällt ein offenes Sprechen über psychische Probleme vielen noch immer schwer. Daran wollen sie etwas ändern – und mit einer eigenen Initiative aufklären und aufzeigen, welche Auswege es aus Krisen gibt, auf welche Hilfsangebote Betroffene zurückgreifen können. Zwei Jahre nach Emils Tod hat das Paar Tomoni gegründet. Für das Projekt sammelt die F.A.Z. nun – mit der Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ – Spenden. Mit dem Geld will das Unternehmen in seine Mitarbeiter investieren und das Projekt noch bekannter machen. „Es braucht das ganze Dorf“ Der Fokus von Tomoni liegt auf der Früherkennung von Anzeichen psychischer Erkrankungen bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Mit digitalen Fortbildungen werden Lehrer, Sporttrainer und Eltern darin geschult, psychische Probleme schneller zu erkennen, die Betroffenen adäquat anzusprechen und ihnen dabei zu helfen, professionelle Unterstützung zu finden. Adressiert werden soll das gesamte Umfeld der jungen Menschen. Darum haben die Puhls als Namen für ihr Unternehmen das japanische Wort für „zusammen“ gewählt. Der Leitspruch von Tomoni lautet: „Es braucht das ganze Dorf.“ Schon vor der Gründung ihres Unternehmens ist dem Paar klar geworden: Wer junge Menschen psychisch stärken will, kann dabei auch vieles falsch machen – gerade wenn er „nicht vom Fach“ ist. Darum haben sie früh den Kontakt zu Wissenschaftlern und Pädagogen gesucht. Andreas Reif von der Frankfurter Universitätsmedizin war einer der Ersten, der die Puhls beriet. Und er stellte auch die Verbindung zu Ute Lewitzka her, die damals noch in Dresden arbeitete. Reif und Lewitzka sind bis heute im wissenschaftlichen Beirat von Tomoni aktiv. Andere Mitglieder sind etwa Alexandra Philipsen, die die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn leitet, oder Marcel Romanos, der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Würzburg. Daneben gibt es auch einen pädagogischen Beirat, in dem sich Lehrer, Schulpsychologen und Sozialarbeiter einbringen. In ihm ist auch die in Frankfurt bekannte frühere Lehrerin Birgit Vollrath engagiert, die lange am Heinrich-von-Gagern-Gymnasium unterrichtete. Beim „Deutschen Lehrkräftepreis“ wurde die Frankfurterin 2022 als eine der zehn besten Lehrer und Lehrerinnen Deutschlands ausgezeichnet. Darüber hinaus gehören zum Tomoni-Netzwerk noch ein „Parents Circle“, mit dem sich die Puhls regelmäßig austauschen, und die sogenannten Game Changer: Jugendliche, teils selbst von psychischen Erkrankungen betroffen, die sich als „Experten des Alltags“ an der Arbeit des Sozialunternehmens beteiligen. Entstehen soll demnächst außerdem ein Beirat aus dem Feld des Sports. Das Netzwerk um Tomoni ist „das Herz“ des Unternehmens Für sie sei diese reflektierende Unterstützung zentral, sagt Unternehmensgründerin Alix Puhl, das dabei entstandene Netzwerk nennt sie „das Herz“ von Tomoni: „Wir können uns vieles am Schreibtisch ausdenken, doch ob es auch in der Praxis funktionieren kann, für diese Einschätzung brauchen wir die Experten.“ Außerdem würden die Beiräte ihr helfen, „am Ball zu bleiben“: Über aktuelle Entwicklungen in der Forschung und neue Studien sei sie durch den häufigen Austausch mit ihnen gut informiert. Auch die Suizidforscherin Ute Lewitzka sagt, dass die Arbeit im wissenschaftlichen Beirat von Tomoni ihr wichtig sei. Das liege vor allem an der „Offenheit und Ehrlichkeit“ der Puhls. „Ich gehöre sicherlich zu den kritischen Stimmen im Beirat“, sagt Lewitzka. „Doch ich merke auch, dass meine Zweifel, wenn ich dort etwas hinterfrage oder kritisiere, ernst genommen werden. Mein Gefühl ist: Wenn wir im Beirat mit Argumenten kommen, warum etwas gut oder schlecht ist, dann wird das auch wirklich aufgegriffen.“ Gerade in der Anfangszeit habe sie einige Ideen kritisiert, erinnert sich Lewitzka. Sie habe gespürt, dass die Puhls aus ihrer Betroffenheit heraus „unbedingt und um jeden Preis etwas anstoßen wollten“. Das sei natürlich verständlich, trotzdem habe sie die beiden zu mehr Reflexion und Vorsicht aufgefordert. „Gerade in der Suizidprävention muss man genau überprüfen, welche Ideen wirklich hilfreich sind.“ Lewitzka berichtet, dass sie im Gegenzug auch einiges von den Puhls gelernt habe. Weil sie ihr Projekt von Anfang an als Unternehmen aufbauten, habe es schnell an Schlagkraft gewonnen: „Ich bin beeindruckt von der Energie der beiden.“ Aus einer Katastrophe, aus „dem Schlimmsten, was einem als Elternteil zustoßen kann“, sei ein wegweisendes Projekt entstanden. Doch es sei auch eine Gefahr, wenn eine Initiative wie Tomoni auf Dauer zum bestimmenden Lebensinhalt wird: „Es muss irgendwann noch einmal etwas anderes geben.“ Sport und Musik sind gut für die Entwicklung des Gehirns Mehr als 10.000 Menschen nehmen sich in Deutschland Jahr für Jahr das Leben – der Großteil unter ihnen hat davor unter einer psychischen Erkrankung gelitten. Besonders unter Jugendlichen hat die seelische Instabilität zuletzt stark zugenommen, das bestätigen mehrere Studien. Von einer Generation im Dauerkrisenmodus ist längst die Rede. Was kann helfen, die Situation zu verbessern? Eine einfache Antwort darauf ist nicht zu finden. So sieht es auch die Suizidforscherin Lewitzka. Doch es gibt einige Stellschrauben, an denen man drehen könnte. Lewitzka blickt dabei vor allem auf die Bildungspolitik, auf das Schulsystem. „Wir müssten den jungen Menschen viel dringender Lebenskompetenz als die Berechnung von Dreifachintegralen beibringen“, meint die Wissenschaftlerin. Auch mehr Musikunterricht und mehr Sport wären wichtig: „Das ist wesentlich für die Entwicklung des Gehirns.“ Von der Gesellschaft würde sie sich wünschen, dass sie sich stärker gegen eine immer weiter fortschreitende Individualisierung stemmen würde. Hilfreich wäre auch, wenn soziale Medien im Leben junger Menschen eine weniger wichtige Rolle spielen würden. „Wir müssen darauf achten, dass das solidarische Miteinander nicht immer mehr verloren geht.“ Dringenden Nachholbedarf sieht Lewitzka in Deutschland auch ganz konkret bei der Suizidprävention. „In anderen Ländern wird das Thema deutlich ernster genommen“, sagt sie. Als Beispiele nennt sie Japan, Australien und Großbritannien. Welche Änderungen würde sie sich wünschen? Auch auf diese Frage antwortet Lewitzka differenziert. Wieder gibt es nicht eine, sondern mehrere Stellschrauben. Lewitzka ärgert es etwa, dass Medikamente, mit denen Menschen sich töten können, noch immer allzu oft in Großpackungen gehandelt werden. Sie plädiert dafür, Bauwerke, an denen häufig Suizide durchgeführt werden, besser abzusichern. Sie wünscht sich mehr Mittel für Forschung, Aufklärungsarbeit und Initiativen wie Tomoni oder Schulprogramme wie „Heylife“. Und mehr Hilfsangebote, mehr psychiatrische und psychologische Betreuung. Es ist noch viel zu tun: Daran besteht kein Zweifel.