Wenn Karolin an ihre Mutter denkt, wird ihr Herz schwer. „Meine Mama war eine starke Frau. Sie hat sich nie unterkriegen lassen, war hilfsbereit und voller Lebensfreude“, sagt sie. Klaudia zog mit ihrem offenen Wesen viele Menschen an. Sie war eine Macherin, immer unterwegs, selten zur Ruhe kommend – Eigenschaften, die auch Karolin in sich trägt. „Natürlich gab es auch mal Diskussionen. Aber wenn es darauf ankam, war sie immer für mich da. Das ist mir erst richtig bewusst geworden, seitdem sie nicht mehr da ist“, erzählt sie. Die Nachnamen beider Frauen sollen für diese Geschichte keine Rolle spielen. Klaudia, gebürtige Frankfurterin, war Architektin und leidenschaftliche Ruderin. Bei den Olympischen Sommerspielen 1984 ruderte sie für Deutschland und belegte mit ihrer Mannschaft den sechsten Platz. Im August 2022 kam Klaudia bei einem sogenannten Dooring-Unfall ums Leben: Die Sechzigjährige fuhr an einem Dienstagabend mit dem Fahrrad an der Frankfurter Taunusanlage entlang zu ihrem Frauenruderverein, als ein Taxifahrer in einer Parkbucht seine Autotür öffnete, ohne auf den Radverkehr zu achten. Er wollte einem Fahrgast beim Gepäck helfen. Klaudia hatte keine Chance mehr auszuweichen. Ein Autofahrer berichtete später, er habe „die Frau förmlich an sich vorbeifliegen sehen.“ Trotz sofortiger Hilfe und einer Notoperation starb sie am Tag darauf an ihren schweren Kopfverletzungen. Karolin war damals 25 Jahre alt. Die Nachricht kam plötzlich. „Deine Mutter hatte einen Unfall. Du musst sofort ins Krankenhaus kommen.“ In der Notaufnahme verstand Karolin das Ausmaß erst nach und nach. „Das waren die schlimmsten Minuten meines Lebens.“ Ihre Mutter lag regungslos da, bis auf die Kopfverletzung unversehrt. Karolin schrie sie an: „Du kannst jetzt nicht sterben. Du hast meine Hochzeit noch nicht miterlebt, du bist noch nicht Oma geworden, ich bin doch gerade erst fertig mit dem Studium, und du hast noch so viel vor dir, du bist viel zu jung zum Sterben!“ Doch zu diesem Zeitpunkt war ihre Mutter schon hirntot. Am nächsten Morgen musste sie entscheiden, ob die Maschinen abgeschaltet werden sollten. Karolin entschied sich dafür. Ihr Vater stand ihr zur Seite; die Eltern hatten sich kurz zuvor scheiden lassen. „Das hat mein Vertrauen in die Justiz erschüttert“ Die folgenden Wochen waren für Karolin wie ein fremdgesteuertes Leben. Es kam ihr vor, als wären sie beide gestorben, aber nur ihre Mutter hatte aufgehört zu atmen. Ihre Überlebensstrategie: funktionieren. Karolin musste sich um alles allein kümmern: Bestatter, Anwälte, die Wohnung ihrer Mutter. „Ich wusste, ich bin die einzige Tochter – ich musste einfach funktionieren.“ Ihr Vater war für sie da, doch wegen der Scheidung nicht mehr bevollmächtigt. Karolins Partner, Freunde, Familie und Bekannte halfen, doch der Schmerz blieb. Jeden Tag habe irgendwer auf der Matte gestanden, erinnert sich Karolin. „Trotzdem dachte ich, dass ich nie wieder glücklich werde.“ Manchmal vergingen Stunden, in denen sie auf dem Sofa saß und einfach nur ins Leere starrte. Rund zehn Monate nach dem Unfall musste sich der 32 Jahre alte Taxifahrer wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten. Er wirkte ehrlich betroffen – aber eine Entschuldigung an die Familie blieb bis heute aus. Am Ende wurde er zu einer Geldstrafe von 1500 Euro verurteilt, den Führerschein durfte er behalten. „Das hat mein Vertrauen in die Justiz erschüttert“, sagt Karolin. Die Unfallstelle ist für Karolin ein „Ort der Brutalität“, den sie meidet. Wenn sie einen Ort zum Trauern sucht, geht sie lieber zum Friedhof. Umso dankbarer ist sie für das Ghostbike, das dort seit September 2022 steht. „Das Ghostbike macht den Ort weniger schlimm“, sagt Karolin. Hin und wieder bringt sie einen neuen Korb mit Blumen zur Unfallstelle, bepflanzt ihn und befestigt ihn mit Kabelbindern am Gepäckträger des Ghostbikes. Auch Freundinnen ihrer Mutter legen Blumen oder kleine Dekorationen ab. Doch oft sind die Gestecke nach kurzer Zeit verschwunden, zerstört oder sogar vermüllt. „Vielen ist wahrscheinlich gar nicht bewusst, dass das Fahrrad ein Mahnmal ist“, sagt Karolin. Gerade deshalb schmerzt der Vandalismus besonders. Für sie ist es wichtig, immer wieder Zeichen zu setzen „Alle sollen sehen, dass hier ein Mensch gestorben ist.“ Hinter dem weißen Fahrrad steht die Initiative „Ghostbikes Frankfurt“, die seit mehr als zehn Jahren für jeden tödlich verunglückten Radfahrer – sofern die Angehörigen zustimmen – ein solches Mahnmal aufstellt. Einer der sechs Ehrenamtlichen ist Falko Görres, der sich als Stadtverordneter der Grünen auch politisch für sichere Mobilität engagiert. Die Initiative kümmert sich nicht nur um das Aufstellen, sondern auch um die Pflege der bestehenden Mahnmale. Aktuell stehen 21 dieser weißen Räder in der Stadt. „Eine positive Nachricht gibt es: In diesem Jahr mussten wir bislang noch kein Ghostbike aufstellen“, sagt Görres. Gleichwohl bleibt das Risiko für Radfahrende in Großstädten wie Frankfurt hoch. Laut der Verkehrsunfallstatistik des Polizeipräsidiums Frankfurt gab es im vergangenen Jahr 1087 Fahrradunfälle in der Mainmetropole, 83 Radfahrer wurden schwer und 628 leicht verletzt. Besonders häufig sind Abbiege- und Dooring-Unfälle. Laut dem Hessischen Statistischen Landesamt sind vergangenes Jahr vier Radfahrer in Frankfurt tödlich verunglückt. Im Jahr 2022 und 2023 sind jeweils zwei Menschen bei einem Fahrradunfall in Frankfurt ums Leben gekommen – Klaudia war einer davon. In den beiden vergangenen Jahren sind nach Angaben des Statistischen Landesamts in ganz Hessen jeweils 21 und im Jahr davor 28 Fahrradfahrer bei Verkehrsunfällen tödlich verunglückt. „Die Zahlen mögen nüchtern wirken. Man könnte meinen, dass zwei Tote im Jahr für eine Stadt wie Frankfurt nicht viele sind, doch hinter jedem Opfer steht eine Geschichte mit vielen Beteiligten, deren Leben sich dadurch verändert; der Partner oder die Partnerin, Eltern, Kinder, Geschwister, Freunde und auch derjenige, der für den Tod verantwortlich ist“, sagt Görres. Sie alle gingen in den Statistiken verloren. Wie unwahrscheinlich es war, dass ausgerechnet ihre Mutter zu den Opfern zählt, beschäftigt Karolin bis heute. „Wäre sie nur eine Sekunde früher oder später losgefahren, hätte sie vielleicht eine Ampel verpasst – dann wäre sie wahrscheinlich noch am Leben.“ „Der rote Streifen auf der Straße reicht nicht“ Für Görres und die Initiative ist jedes Ghostbike ein Zeichen gegen das Vergessen – und eine Mahnung an alle Verkehrsteilnehmer. „Die Anlässe sind immer sehr traurig, aber die Rückmeldungen der Angehörigen sind sehr positiv“, sagt Görres. Das Ziel, in Frankfurt eines Tages keine Unfalltoten mehr zu beklagen – die sogenannte Vision Zero – scheint noch immer weit entfernt. „Das ist ein langer Kampf, den wir führen.“ Karolin ist überzeugt, dass sich an der Verkehrsinfrastruktur grundsätzlich etwas ändern muss. Jedes Mal, wenn sie lese, dass Frankfurt als fahrradfreundliche Stadt bezeichnet werde, sei das für sie wie ein Schlag ins Gesicht. „Der rote Streifen auf der Straße reicht nicht. Wir brauchen echte, sichere Radwege, die in der Höhe abgehoben von der Straße sind, so wie in Dänemark“, sagt sie. Zu oft würden Autofahrer die Markierungen einfach ignorieren. Sie wünscht sich, dass mehr für die Sicherheit von Radfahrenden getan wird – damit weniger Familien ein solches Schicksal erleben müssen. Der Verlust hat Karolin verändert. Sie ist vorsichtiger geworden, fährt inzwischen wieder Fahrrad – langsam, mit Helm, und vor allem in Mainz, wo sie heute lebt. „Es hat mich sehr viel Überwindung gekostet, aber die Flexibilität hat mir gefehlt“, sagt sie. Die Erfahrung, wie schnell sich das Leben ändern kann, hat sie geprägt. „Für mich kann das Leben jede Sekunde vorbei sein“, sagt die Achtundzwanzigjährige. Seitdem ist sie besonders abgesichert, hat viele Versicherungen abgeschlossen, von denen sie vorher nicht einmal wusste, dass sie existieren. Die Bilder aus dem Krankenhaus holen sie seltener ein, Panikattacken und Schlafstörungen sind weniger geworden. Heute strahlt Karolin wieder Wärme und Lebensfreude aus. „Nach einem schweren Schicksalsschlag hat man die Wahl: Entweder man gibt auf, oder man macht weiter. Aufgeben war für mich nie eine Option.“ Kraft geben ihr das enge Verhältnis zu ihrem Vater, ihre Freunde und die Weggefährten ihrer Mutter. „Sie sind für mich ein Stück meiner Mama – und sie sagen mir, dass ich für sie ein Stück von ihr bin.“ Manchmal, in den schweren Momenten, hört Karolin die Stimme ihrer Mutter auch heute noch ganz deutlich. „Lass dich nicht so hängen, Mund abputzen, weiter machen“, sagt sie dann zu ihr.
