Auch im Musikgeschäft kommt jede Adaption, jede Transformation, jede Imitation nicht ohne ein Fundament aus, das naturgemäß von einer sogenannten Rhythmussektion geliefert wird: Schlagzeug und Bass, die von soliden, hochprofessionellen Handwerkern bedient werden, im Idealfall von Virtuosen, deren Namen dann fast so etwas wie Synonyme für den jeweiligen Stil werden. So war es im Soul bei Motown in Detroit, bei Stax in Memphis und bei Muscle Shoals in Alabama. Im Reggae und bald auch darüber hinaus waren dies Sly & Robbie – der Schlagzeuger Sly Dunbar und der Bassist Robbie Shakespeare, die, beide in Kingston, Jamaika geboren, dort nach Art minderjähriger Musikfanatiker so ziemlich jede heimische und natürlich auch amerikanische Spielart aufsogen. Zur Mitte der Siebzigerjahre hatten sie ihre Fähigkeiten derart perfektioniert, dass sie seither von beinahe jedem Rockinterpreten, der auf einen Tapetenwechsel aus war, zu Plattenaufnahmen herangezogen wurden. Johnny Nash, Robert Palmer, Grace Jones, Sting, Herbie Hancock, Carly Simon, Mick Jagger und sogar Serge Gainsbourg konnten, mit diesen absolut sicheren Rhythmikern im Rücken, ihren Reggae-Neigungen problemlos nachgehen. Ein Schlagzeug aus Blechbüchsen Sly Dunbar, der sich sein erstes Schlagzeug aus Blechbüchsen selbst gebaut hatte, wurde mit 15 Profi und entwickelte das Zusammenspiel mit Robbie Shakespeare, den er in einem Plattenladen kennengelernt hatte, in kürzester Zeit derart traumwandlerisch, dass sie seit ihrer Mitwirkung an Jimmy Cliffs „Follow My Mind“ (1975) ein geradezu unentbehrlicher Bestandteil auch des Mainstream-Pop und -Rock waren. Erwähnt seien nur Joe Cockers Comeback mit „Sheffield Steel“ (1982) und Bob Dylans „Infidels“ (1983), die erste gewissermaßen wieder säkulare Wortmeldung nach der christlich-frommen Phase. Dass diese beiden Alben damals mit großer Erleichterung registriert wurden, lag nicht nur an den Solisten, sondern auch an der mannschaftsdienlichen Mitwirkung dieser beiden Jamaikaner. Mit eigener Plattenfirma und als Hausband der vom britischen Reggae- und Rockmogul Chris Black in Nassau, Bahamas gegründeten Compass Point Studios, das die Hardrocker AC/DC dann für ihren Monstererfolg „Back In Black“ (1980) nutzten, waren sie auch strukturell fest verankert. Sly Dunbars Spiel zeichnete sich aus durch Schnelligkeit und Präzision, Dezenz und eine dann eben doch nötige Härte. Man erkennt es sofort an dem hellwachen, gleichsam quecksilbrigen Gehämmer, das für Spannung und Unruhe sorgt. Jedoch waren Sly & Robbie keineswegs nur assistierend tätig, sondern in hohem Maße auch Musiker aus eigenem Recht und mit ihrer erlesen ausgefallenen Garderobe immer ein Blickfang. Die Helden fahren dahin Maßgeblich etablierten sie mit der Nutzung digitaler Produktionsweisen die Dancehall-Musik und arbeiteten unermüdlich an der Verfeinerung ihres hochhybriden Amalgams aus Dub, Reggae, Funk, Disco, Soul, Jazz und Rock, das bei weniger versierten Musikern leicht wahllos hätte wirken können, von ihnen aber schlackenlos zu etwas genuin Eigenem zusammengerührt wurde, ein Markenartikel von gewaltiger Strahlkraft. Die vielen über weite Strecken rein instrumental gehaltenen und oft mit nur wenigen, längeren Titeln bestückten Sly-&-Robbie-Alben, von denen „Rhythm Killers“ (1987) und „Friends“ (1998) wohl die größte Breitenwirkung erzielten, sind Dokumente avancierten Musizierens, das die Verbindung zu dem, was man unter roots begreift, nie kappte. Im Alter hat Sly Dunbar seiner fast lebenslangen technischen Aufgeschlossenheit einen kleinen Dämpfer verpasst, indem er zu bedenken gab, dass kein Drumcomputer einen handgemachten Sound ersetzen könne. Die Helden des Reggae fahren dahin. Bob Marley und Peter Tosh, mit denen Sly & Robbie natürlich auch gespielt haben, leben schon lange nicht mehr; Robbie Shakespeare starb 2021 mit 68, kürzlich Jimmy Cliff. Nun ist Lowell Fillmore „Sly“ Dunbar, dieser bemerkenswerte Trommler, im ebenfalls nicht sonderlich hohen Alter von 73 Jahren gestorben.
