Wie wir wohnen, was Mobiliar und Interior Design über den Zustand der Gesellschaft erzählen, war das zentrale Thema von Henrike Naumann. Geboren 1984 in Zwickau in der DDR, hatte sie den Mauerfall und seine Folgen im Kindesalter, aber bewusst als tiefe Zäsur erfahren. Ihre Herkunft konnte den Irrtum nahelegen, dass ihre Interieurs vor allem von der ostdeutschen Psyche im Zuge der Wende handelten. Tatsächlich gab es Ausstellungen von ihr namens „Ostalgie“ und „DDR noir“ – Naumann hatte selbst erlebt, wie sich die Gesellschaft in den neuen Bundesländern nach 1989 hastig mit postmodernen Second-Hand-Möbeln ausstattete. Mit ihrer Archäologie der Nachwende-Ästhetik in Sachen Häuslichkeit brachte Naumann zweifellos eine seltene, genuin ostdeutsche Perspektive ins Spiel. Sie hatte erst Bühnenbild in Dresden, dann Szenografie in Babelsberg studiert, als 2011 die Mordserie durch den NSU aufgedeckt wurde. In ihrer Abschlussarbeit, den „Triangular Stories“ von 2012 um das Dreieck von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Bönhardt, inszenierte sie in zwei Videos die unterschiedlichen, parallelen Jugendkulturen mit Party und Saufen auf Ibiza und einem bedrohlichen, aggressiven Rechtsdrall. Im Blick hatte die engagierte, vielfach ausgezeichnete Künstlerin das Land als ganzes. Brandanschläge auf Ausländer waren eben nicht nur im Osten verübt worden wie 1992 in Rostock-Lichtenhagen, sondern 1993 auch in Solingen. Exzentrische Zeugnisse eines gruseligen Geschmacks Mit dem obskuren Material von tiefschwarzen Wandschränken, Flokatis, Spiegeln mit Wellenumriss und anderen exzentrischen Zeugnissen von gruseligem Geschmack gelang es Naumann immer wieder, unterschiedliche Geschichten von der Wendezeit bis in die Gegenwart zu erzählen. Dabei betonte sie, ihre Werke lebten davon, wer sie aus welcher Warte heraus betrachte und sich selbst darin spiegele. In den vielen Ausstellungen, die der gefragten Künstlerin in den vergangenen Jahren gewidmet waren, dominierten Gefühle von Fremdheit bis hin zu einer gewissen Scham die Wahrnehmung, kamen einem die heimeligen Innenwelten oft regelrecht unheimlich vor, stellte sich die Frage, ob das wirklich wir selbst gewesen sein sollen, die vor dreißig Jahren einer solchen Trash-Ästhetik aufgesessen sind. Naumanns Wohnwelten standen in einer Linie zu Edward und Nancy Kienholz oder Gregor Schneider, zugleich forschte diese Künstlerin mit einem völlig eigenen soziokulturellen Zugang in den Tiefenschichten der Postmoderne. All dies prädestinierte sie für den deutschen Pavillon, in dem sie, gemeinsam mit der in Vietnam geborenen Sung Tieu, in diesem Sommer bei der Biennale von Venedig ausstellen wird. Am Sonntagabend kam dann eine Mail aus dem Atelier, deren Betreff „Letzter Gruß“ und „Farewell“ wir als Ansage hatten verstehen wollen, die Künstlerin ziehe sich jetzt zurück, um sich ganz in die Arbeit für die Giardini zu vertiefen. Doch informierte die Nachricht über den bestürzenden Tod von Henrike Naumann, die im vorigen Jahr noch Mutter einer Tochter geworden war. Nach kurzer Krankheit ist sie am Samstag in Berlin mit 41 Jahren gestorben. Ihre Planungen hatte sie noch abschließen können für den großen Auftritt in Venedig, der jetzt zu ihrem Vermächtnis wird.
