Mehmet Narcin kennt das schon. In zwei Wochen dürfte wieder jemand mit einer Katze oder einem Hund auf der Matte des Butzbacher Tierheims stehen. Und nach dem Fest werden dann NOCH mehr Menschen anklopfen, um ein Tier abzugeben. Ein Tier, das sie zu Weihnachten auf eigenen Wunsch oder als Überraschung geschenkt bekommen haben. In den vergangenen Jahren war das immer so, wie Narcin als Mitarbeiter des Tierheims sagt. Die einen warten die Festtage gar nicht erst ab. Denn sie werden des vierbeinigen Präsents nicht Herr, noch bevor sie es dem Adressaten übergeben können. Andere zeigen sich mit dem lebendigen Geschenk überfordert und wollen es rasch loswerden. Da ist das Tierheim in der Nachbarschaft die erste Adresse. Ein halbes Dutzend Katzen bekommt das Butzbacher Tierheim rund um Weihnachten in der Regel gebracht, wie Narcin sagt. Keine Kleinigkeit angesichts der 40 Katzen, die schon in der Einrichtung leben. Einige Hunde und Kleintiere wie Meerschweinchen kommen noch hinzu. Die Menschen holten sich die Tiere bei einem Züchter und merkten sehr bald, nicht gut beraten worden zu sein. Andere kauften sogar eine Katze oder ein Kaninchen im Internet aufgrund einer Kleinanzeige. Wer mit Tieren unerfahren sei, wundere sich dann etwa, wenn eine Katze an vielen Stellen in die Wohnung uriniere oder Möbel zerkratze. Tiere sind kein Spielzeug Auch Inga Ornizan kennt solche Geschichten zur Genüge. „Die Erfahrung zeigt, dass die Freude an den Tieren oft nicht anhält und viele über kurz oder lang im Tierheim landen“, sagt die Artenschützerin in Diensten des Regierungspräsidiums Gießen. Sie rät dringend davon ab, unüberlegt gekaufte Hunde oder Katzen zu Weihnachtsgeschenken zu machen. Tiere seien Lebewesen und keine Spielzeuge. Einem Tier ein Zuhause zu schenken, sei eine verantwortungsvolle und noch dazu zeitaufwendige und kostenträchtige Angelegenheit. „Und das nicht selten für viele Jahre“, hebt sie hervor – eine Feststellung, die besonders für Schildkröten gilt. Diese Tiere können 30 Jahre und deutlich älter werden. „Die lange Lebensdauer beispielsweise bei Schildkröten muss bei der Anschaffung bedacht werden“, mahnt die Artenschützerin. Das sei aber längst nicht alles: Da die Tiere häufig geschützt seien, müssten die Besitzer bestimmte Bedingungen erfüllen. Sie müssten die artgerechte Haltung nachweisen können und ebenso die erforderlichen Papiere. Zudem müsse die zuständige Artenschutzbehörde von den Tieren wissen. Nicht zuletzt sei im Fall von Landschildkröten regelmäßig ein Foto von Bauch- und Rückenpanzer notwendig, wenn sie nicht gechippt seien. Vor allem die Haltung exotischer Tiere erfordere Sachkenntnis. Die Unterbringung müsse speziell auf die Bedürfnisse der jeweiligen Art ausgerichtet sein. „So werden für die artgerechte Unterbringung mancher Tierarten Terrarien mit hohen Temperaturen benötigt, die wiederum hohe Energiekosten verursachen können“, gibt Ornizan zu bedenken. Krokodile, Großkatzen und Skorpione sind in Hessen nicht erlaubt Wer sich ein Haustier schenken lassen oder kaufen wolle, sollte nach ihren Worten zunächst eine Frage beantworten: Kann ich mir ein Tier zeitlich, räumlich und finanziell leisten? Und vor allem: „Eine solche Entscheidung sollte nicht überstürzt getroffen werden“, hebt die Mitarbeiterin des Regierungspräsidiums hervor, das für Artenschutzfragen in ganz Hessen zuständig ist. Einige Schlangenarten, Spinnen, Krokodile, Skorpione und Großkatzen dürften in Hessen gar nicht gehalten werden. Wer sich nach reiflicher Überlegung für ein Haustier entscheide, solle sowohl im seriösen Zoohandel als auch bei privaten Züchtern darauf achten, für den Kauf von Tieren geschützter Arten einen Herkunftsnachweis zu bekommen. Im Fall streng geschützter Arten müsse es sogar eine amtliche Bescheinigung sein. „Ohne diese unterliegen die Tiere einem Besitzverbot und können unter Umständen sogar weggenommen werden“, erklärt Ornizan. Tiere aus zweifelhafter Herkunft dürfen deshalb gar nicht erst gekauft werden. „Dass Haustiere als Geschenk genutzt werden, begegnet uns tatsächlich, und natürlich sehen wir das sehr kritisch, da hier meist nicht die langfristige Haltung sondern der Glücksmoment der ,Geschenkübergabe' im Fokus steht“, sagt Maresi Wagner vom Tierheim in Marburg. Haustierhaltung sei aber nicht immer nur schön und mache nicht durchweg glücklich, sie könne auch stressig und belastend sein. Ein Tierhalter müsse dies aushalten können. „Ein Tier kann keine Rücksicht auf die Bedürfnisse seiner Halter nehmen und ist darauf angewiesen, dass sie auch in schwierigen Zeiten bereit sind, ihm zur Seite zu stehen“, hebt sie hervor. Unüberlegte Haustieranschaffung, sei es zu Weihnachten oder nicht, sei definitiv ein massives Problem. „Und natürlich floriert auch der Haustierhandel zur Weihnachtszeit auf dem Rücken der Tiere, die aus Profitgier vermehrt werden.“ Narcin berichtet aus jahrelanger Erfahrung im Tierheim Butzbach, viele Leute wüssten schlicht nicht, was sie kauften, wenn sie sich ein Tier zulegten. „Manche sehen eine Katze oder einen Hund mehr als Gegenstand an“, sagt der Tierpfleger. Deshalb gebe das Tierheim rund um das Fest Tiere selbst nur sehr zurückhaltend ab. Letztlich gehe es doch um die Frage: „Soll das ein Weihnachtsgeschenk oder ein Familienmitglied sein?“
