FAZ 03.12.2025
11:34 Uhr

Tierärztin zu neuen EU-Maßnahmen: „Finger weg bei allem, was zu groß, zu klein, zu kurz oder zu lang ist“


Ein Tier zu Weihnachten? Die EU will strenger gegen illegalen Welpenhandel vorgehen. Tierärztin Kirsten Tönnies erklärt die Masche der Kriminellen, worauf man beim Tierkauf achten sollte – und sie erzählt vom toten Welpen in ihrem Gefrierschrank.

Tierärztin zu neuen EU-Maßnahmen: „Finger weg bei allem, was zu groß, zu klein, zu kurz oder zu lang ist“

Frau Tönnies, Sie haben seit fünfundzwanzig Jahren eine eigene Tierarztpraxis im Rhein-Main-Gebiet. Wie oft begegnen Ihnen im Praxisalltag Fälle von illegalem Welpenhandel? Zu Corona-Zeiten war es am schlimmsten. Da hatte ich drei Welpen am Tag. Das war total irre. Inzwischen sind es nur noch zwei oder drei im halben Jahr. Hier sehen wir zum Glück einen Rückgang. Aber trotzdem stehen noch eigentlich sehr nette Leute mit illegal gehandelten Tieren in der Praxis. Sind die Leute achtsamer, woher sie ihre Tiere beziehen, oder haben die Händler ihr Vorgehen in den letzten Jahren angepasst? Beides. Ja, die Leute sind bewusster. Aber die Ignoranten gibt es immer noch. Die Betrüger haben sich allerdings auch an die neuen Verhältnisse angepasst. Sie sind viel schwerer zu identifizieren und versuchen, alle Daten und Hintergründe, zum Muttertier zum Beispiel, im Vorfeld zu liefern. Das ist natürlich alles Betrug. Aber diese Leute wissen inzwischen, welche Fragen seitens der Interessenten aufkommen, und haben dann ihre Antworten parat. Die liefern ihnen ein regelrechtes Schauspiel. Welcher war der krasseste Fall, mit dem Sie zu tun hatten? Am krassesten ist es immer dann, wenn die Welpen sterben. Ich erinnere mich an einen ganz kleinen Jack-Russell-Verschnitt mit Parvovirose (schweres Magen-Darm-Virus Anm. d. Red.). Über fünf, sechs Tage kam die Frau, die natürlich kein Geld hatte, immer wieder in meine Praxis. Und dann ist sie eines Tages nicht mehr aufgetaucht. Ich gehe davon aus, dass der Hund verstorben ist. Aber ich hatte so gehofft, dass er es schafft. Hatten Sie nicht auch mal einen toten Welpen im Gefrierschrank? Stimmt, das war ein kleiner Malteser. Der kam damals von einem Ortsansässigen, den ich über Jahre immer wieder beim Veterinäramt angezeigt habe. Wir haben den toten Hund ein paar Mal zum Zwecke der Aufklärung für Fotos, Dokus und Vorträge zur Verfügung gestellt. Einmal hatte ich ihn auch bei einer Polizeifortbildung dabei. Ich musste ihn dann ähnlich wie ein Bestatter immer wieder neu herrichten. Aber das diente alles der Abschreckung. Haben Sie den auch Leuten gezeigt, die hier mit ihren Welpen von der „Hundemafia“ aufgetaucht sind? Nein, so weit bin ich nicht gegangen. Am Ende haben wir ihn eingeäschert. Wann klingeln denn bei Ihnen im Praxisalltag die Alarmglocken? Es ist oft – wenn auch nicht immer – eine bestimmte Klientel, die nicht über genügend finanzielle Ressourcen verfügt. Dazu sind die Hunde in einem schlechten Allgemeinzustand und ungeimpft. Die meisten machen das auch nicht in böser Absicht. Auf meine Nachfragen hin beginnt dann auch bei ihnen ein Denkprozess, und Umstände zum Kauf kommen ans Tageslicht, die sie vorher einfach verdrängt haben. Wie sieht dieser schlechte Allgemeinzustand konkret aus? Sie sind mager und haben oft Husteninfektionen. Ihr Verhalten ist sehr ängstlich, die kennen ja nichts und liegen bloß zitternd auf den Armen dieser neuen Leute. Würmer und Flöhe spielen heute anders als früher kaum eine Rolle mehr. Heute sind die Hunde eher vollgepumpt mit Antiparasitika. Weil die Kriminellen wissen, wenn der neue Hund Flöhe heimbringt, dann kriegen sie von den Käufern richtig Stress. Aus welchen Ländern werden diese Tiere importiert? Die allermeisten aus Rumänien. In Ungarn passiert auch viel, aber eher für Zielländer wie Belgien und die Niederlande. Serbien mischt auch mit. Was macht das alles mit Ihnen, ständig dieses Leid zu sehen? Wenn man jahrzehntelang bei den zuständigen Veterinärämtern gegen Wände läuft, verlassen einen irgendwann die Kräfte. Ich mache das jetzt seit dem Ende der Neunzigerjahre. Man wird schwächer. Und auch wenn ich glaube und hoffe, dass da beim Veterinäramt inzwischen Leute sitzen, die das ernster nehmen, als das noch früher der Fall war: Ich melde nicht mehr alles. Und ich verfolge nicht mehr alles. Weil Ihre Meldungen keinen Erfolg hatten? Die meiste Zeit passiert nichts. So wie letztes Jahr bei einem Fall aus Langen in Hessen. Da ging es um französische Bulldoggen. Davon kommen die meisten übrigens aus dem Ausland. Wir haben uns zusammen mit der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ vor Ort einen Hund angeschaut, der sehr krank war, und das gemeldet. Passiert ist nichts. Der Hund wurde dort nicht weggeholt. In einem anderen Fall haben wir sieben Welpen retten können, unter denen einer war, der im Sterben lag. Der hätte nach der Beschlagnahmung sofort behandelt werden müssen. Zwei Tage hat das gedauert, bis er einem Tierarzt vorgestellt wurde. Er ist gestorben. Aktuell verkauft dieser Typ wieder französische Bulldoggen, jetzt geht ja das Weihnachtsgeschäft wieder los. Woran scheitert die Kommunikation mit den Ämtern? Ist das auch ein Bürokratieproblem? Ich könnte in vielen Fällen als sachkundige Zeugin dienen, werde aber so gut wie nie von den Veterinärämtern im Nachgang zu einem Fall befragt. Auch das Material, das andere Tierschützer und ich gesammelt haben, wird nicht angefragt. Ist es Faulheit oder Inkompetenz? Natürlich sind nicht alle so. In Köln habe ich gute Erfahrungen gemacht. Die offizielle Begründung ist immer Überlastung. Aber aus meiner Sicht versuchen die meisten schlicht, bis zum Schluss nicht tätig werden zu müssen. Am Telefon kann ich mir dann eine halbe Stunde lang eine Ausrede anhören, während ich mir denke: In dieser halben Stunde hätten sie schon etwas unternehmen können. Wie werden Sie denn auf diese Fälle aufmerksam, wenn die Betroffenen und Betrogenen nicht gerade in Ihrer Praxis stehen? Viel läuft über Organisationen wie „Vier Pfoten“. Die suchen die verdächtigen Anzeigen raus, nehmen Kontakt mit denen auf, und sie merken dann recht schnell, womit sie es hier zu tun haben, auch wenn die Händler besser geworden sind. Der Klassiker ist, dass Sie als Interessent nicht in die Wohnung dürfen. Bei einem seriösen Züchter dürfen Sie selbstverständlich in die Wohnung und besuchen die Welpen womöglich mehrmals, bevor Sie sich dann für einen entscheiden. Auf welche Warnsignale können Interessenten noch achten? Zum Beispiel darauf, ob der Verkäufer auch etwas von Ihnen und Ihren Lebensumständen wissen will. Hat er Ihnen auch Fragen gestellt oder nur Sie ihm oder ihr? Betrüger wollen den Hund so schnell wie möglich loswerden und geben Ihnen womöglich noch Rabatte dafür, dass die Hunde keine offiziellen Papiere oder eine Abstammungsurkunde haben. Die ganze Kommunikation läuft über Plattformen wie Kleinanzeigen oder Quoka. Welche Hunderassen findet man dort am häufigsten? Französische Bulldoggen, Malteser, Jack Russell. Alles, was klein und süß ist. Die EU will den Handel mit diesen Tieren jetzt deutlich erschweren, unter anderem mit einer Chip- und Registrierungspflicht. Was sagen Sie dazu? Es ist toll, dass endlich was passiert. Ich habe Kolleginnen und Kollegen, die diesem Fortschritt ihr ganzes Leben widmen. Ich war auch bei einem vorbereitenden Treffen mit europäischen Polizeibehörden dabei, bei dem ich klar gesagt habe: Wir Tierärzte machen da teils mit. Wir sind an diesen Verbrechen beteiligt. Meine Kollegen geben die Spritzen und stempeln die manchmal sogar gefälschten Ausweise gegen Geld und sagen nichts. Das sind schwere Vorwürfe. Ja, aber wir als Tierärzteschaft haben da ganz klar versagt. Auch bei den Themen Kupierverbot und Qualzuchten, gegen die die Gesetze ja zum Glück auf EU-Ebene nun auch verschärft werden sollen. In Deutschland gibt es einen Qualzuchtparagraphen, und wir Tierärzte hätten schon längst entsprechende Verfahren führen können. Aber wir haben es nicht hingekriegt. Warum? Jeder versteckt sich hinter dem anderen, aus Angst vor großen Verfahren. Wenn in Dortmund die großen Tierausstellungen stattfinden, dann könnte man dagegen klagen. Hilfsweise muss man sich jetzt vorgeben lassen, was alles unter Qualzucht fällt, obwohl wir Tierärzte das natürlich längst wissen. In Berlin wurde mal erfolgreich gegen die Zucht von Nacktkatzen geklagt. Die werden ohne Tasthaare gezüchtet, die in ihrem Fall aber wie Organe funktionieren, weil sie damit ihre Umwelt wahrnehmen. Und ein weggezüchtetes Organ ist eine Qualzucht. Das hätten wir längst auch mit Hunden machen können, die keine Luft kriegen. Aber dafür brauchen wir wirklich gute Gutachter, die nicht von einschlägigen Kanzleien und Verbänden engagiert werden, und klare gesetzliche Regelungen. Dabei erwartet man gerade von Tierärzten, dass sie den Schutz der Tiere über alles stellen. Wenn bei uns nicht das Auge raus, mindestens ein Bein gebrochen ist und sich der Dünndarm um das andere Hinterbein wickelt, reden wir Tierärzte ja nie von „schweren Leiden“. Wir sind schon durch unser Studium so desensibilisiert worden für das echte Leiden von Tieren. Was für einen Staatsanwalt viel früher anfängt, fängt für einen Tierarzt viel später an. Wenn Sie den ganzen Tag im Schlachthof arbeiten – was denken Sie, wie schwer ein Tier leiden muss, damit Sie dann sagen, es leidet wirklich schwer? Worunter leiden Qualzuchten besonders? Das Schlimmste ist die Atemnot. Die finden Sie zum Beispiel bei französischen Bulldoggen oder Möpsen. Da können Sie mit OP-Kosten um die 4000 bis 5000 Euro rechnen, und selbst dann heißt das nicht, dass es den Tieren richtig gut geht. Lebenslang an Erstickungsnöten zu leiden, ist furchtbar. Das sind die schlimmsten beiden Qualzuchtrassen überhaupt. Dann alles, was mit körperlichen Schmerzen an Bandscheiben und Gelenken zu tun hat. Stellen Sie sich vor, Sie hätten ständig Augenentzündungen oder Juckreiz. Wenn die Augen zu groß gezüchtet werden, bei Perserkatzen zum Beispiel, befeuchtet sich das Auge nicht genug. Sie haben also ein Leben lang trockene Augen, die irgendwann kaputtgehen. Maine-Coon-Katzen werden beispielsweise so groß gezüchtet, dass ihre Augen zu tief liegen und die Haare auf den eingerollten Lidern auf ihrer Augenoberfläche reiben. Auch das Kupieren, also das Entfernen von Ohren- und Schwanzteilen, soll künftig verboten werden. Das sehen Sie häufig bei Dobermännern. Auch bei Herdenschutzhunden wird das gemacht. Angeblich, damit der Wolf sich nicht an den Ohren des Hundes festbeißen kann. In Wahrheit sind es aber Schönheitsmerkmale. Die Leute finden es schön, wollen das Tier dominieren und Gewalt ausüben. Wenn die Schwänze der französischen Bulldoggen zu lang sind, werden sie abgeschnitten. Weil die Leute es süßer finden. Wenn ich mich für einen Hund interessiere, der hoffentlich keine Qualzucht ist, wie vermeide ich, in die Fänge der Hundemafia zu gelangen? Bitte kein Tier mit Qualzuchtmerkmalen. Darunter fällt alles, was „zu“ ist: zu klein, zu groß, zu lang, zu kurz, zu dick, zu dünn. Außerdem sollte es geimpft und gechipt sein. Auf Verkäuferseite sollte ein ehrliches Interesse daran vorhanden sein, wo der Hund am Ende landet. Wenn das nicht besteht: Finger weg, es wird teuer. Ja, wir Tierärzte leben davon. Aber wir wollen das nicht. Es gibt genügend anderes zu tun.