Ein Rundhalspullover aus 100 Prozent Kaschmir für 99 Euro und weniger: Das sind Preise in den Filialen von Modeanbietern wie Uniqlo, Galeria, Peek & Cloppenburg, bei denen jeder gerne zuschlägt. Vieles spricht für das feine Ziegenhaar. Es ist kuschelig und kratzt nicht, wärmt gut und sieht darüber hinaus bei einem im Vergleich zu anderen Wollmaterialien deutlich geringeren Gewicht auch noch schicker aus. Wer jetzt an Weihnachten etwas Besonderes verschenken möchte, greift deshalb gerne auch mal zu einem Pullover, Schal oder einer Mütze in der Kaschmirversion. Dabei ist Kaschmir nicht gleich Kaschmir. Wie viel Freude man an den Stricktextilien hat, hängt auch vom eingesetzten Rohmaterial ab. Je feiner und länger die Fäden sind, die verarbeitet wurden, umso edler das Kleidungsstück. Kaschmirmarken wie etwa Heydorn aus Hamburg, die auch eine Filiale in Frankfurt haben, gehören zu den edlen Vertretern. Heydorn arbeitet teilweise mit mehrfädigem Ziegenhaar. Ein Pullover kostet dann auch mal mehrere Hundert Euro. Vom Preis lässt sich nicht immer auf die Qualität schließen Bei anderen Anbietern ist die Strickmode mitunter auch deshalb so günstig, weil zu kurze Fasern eingearbeitet werden, die bei lockerer Drehung wenig Halt haben und herausrutschen. Der Pullover bildet dann unschöne Knötchen. Oder es werden preisgünstigere Fasern wie Schafswolle, Yakhaar und Lammwolle beigemischt. Dass die großen Ketten und Kaufhäuser Kaschmirmode vergleichsweise günstig anbieten, hängt auch damit zusammen, dass größere Mengen bessere Einkaufskonditionen ermöglichen. Vom Preis allein lässt sich nicht immer auf die Qualität schließen. In jedem Fall hat der Kaschmirboom der vergangenen Jahre auch seine Schattenseiten. Tier- und Umweltschützer sehen die Entwicklung mit großer Sorge. Dort, wo die Ziegen grasen – die Mongolei und China gehören zu den größten und führenden Produzenten von Kaschmirfasern –, versteppen ganze Landstriche, weil Ziegen das Gras sehr tief bis zur Wurzel fressen. Tierschützer kritisieren die Prozedur beim Kämmen der feinen Haare am Unterbauch. Dabei werde mitunter rabiat vorgegangen, Ziegen würden verletzt und hätten Schmerzen. Inzwischen gibt es Zertifizierungen und Standards, die genau das verhindern sollen. Der bekannteste und inzwischen größte Standard für nachhaltig verifizierte Kaschmirfasern ist der „The Good Cashmere Standard“ (GCS), den die Aid by Trade Foundation (AbTF), eine vom Hamburger Unternehmer Michael Otto gegründete gemeinnützige Stiftung, vor fünf Jahren entwickelt hat. Der Tierwohl- und Nachhaltigkeitsstandard gibt klare Richtlinien für die Haltung der Tiere und die Schur der Ziegen vor, für den Schutz der Artenvielfalt und des Bodens sowie die Einhaltung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen. Nach dem Standard zertifiziert werden bisher ausschließlich Ziegenfarmen in der Inneren Mongolei. Dort käme dem Standard zugute, dass auch die chinesische Regierung klare Vorgaben zum Schutz des Graslandes mache. „Wichtig ist, dass es erst gar nicht zur Versteppung der Landschaften kommt“, sagt Tina Stridde, Geschäftsführerin der AbTF-Stiftung. Das schaffe man durch Ruhephasen, Rotation und Renaturierung. Tierschutz ist bei GCS besonders wichtig Das Thema Tierschutz hat laut Stridde einen besonders hohen Stellenwert beim Standard. „Das Kämmen und Scheren der Ziegenhaare kann für die Tiere eine stressige Prozedur sein.“ Der Good Cashmere Standard schreibe einen ruhigen und tiergerechten Umgang vor. Danach dürfen die Ziegen nur geschoren werden, wenn der Fellwechsel ansteht und die Haare ohnehin locker sind. Doch ein Restrisiko bleibe auch hier, heißt es bei der Tierschutzorganisation Vier Pfoten, die regelmäßig auf die Missstände in der Kaschmirindustrie aufmerksam macht. Sie empfiehlt gleichwohl GCS-Standard, wenn es denn Kaschmir sein müsse. Unabhängige Prüfer kontrollieren die GCS-zertifizierten Farmen regelmäßig. Das sei wichtig, sagt Stridde. „Ein Standard ist nur dann belastbar, wenn er von dritter Seite unabhängig zertifiziert wird.“ Stridde verweist auf die „sehr guten Ergebnisse“ des jüngsten Audits, wonach 3700 Kaschmirfarmen und zwölf Produzenten die Kriterien erfüllt hätten. Nur dann dürfen sie die Fasern mit dem Nachhaltigkeitsstandard vermarkten. Im vergangenen Jahr gelangten nach Angaben der Stiftung sechs Millionen GCS-verifizierte Kleidungsstücke auf den Markt, 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Rund 50 Marken und Textilhersteller beziehen GCS-Kaschmirwolle, manche nur für einen Teil ihrer Produktion, andere zu hundert Prozent. Zu Letzteren gehören etwa die Modekette H&M und ihre Markentochterunternehmen Cos, Marc O’Polo und die Galeria-Kaufhäuser. In den Kaschmirpullovern dieser Anbieter ist das entsprechende Logo, eine stilisierte Ziege in einem Herz, eingewebt. Auch der Discounter Aldi bezieht Kaschmir mit dem Standard. Voraussetzung ist eine Lizenzvereinbarung mit den Unternehmen, die sie berechtigt, eine vereinbarte Menge an GCS-Kaschmirfasern zu kaufen. Dafür zahlen sie eine Lizenzgebühr. Die Kosten für die Zertifizierung der Wolle übernimmt die Stiftung. Die große Nachfrage nach dem Standard bestätigt laut Stridde, dass der eingeschlagene Weg der richtige sei. Weitere Lizenznehmer seien willkommen. „Wir würden uns auch freuen, wenn wir große Kaschmir-Abnehmer wie Uniqlo für unseren Standard gewinnen könnten“, sagt die Geschäftsführerin.
