FAZ 29.01.2026
12:32 Uhr

„The Danish Woman“ bei Arte: Eine Frau greift durch


In der Serie „The Danish Woman“ übt eine dänische Ex-Agentin in Island Selbstjustiz. Das hat gesellschaftliche Folgen. Was als Komödie angelegt ist, sieht man angesichts der Grönland-Krise mit gemischten Gefühlen.

„The Danish Woman“ bei Arte: Eine Frau greift durch

Von Isländern, die ihre Heimat in den letzten Jahrhunderten dauerhaft in Richtung der langjährigen Kolonialmacht Dänemark verlassen haben, gibt es zahlreiche Geschichten. Den umgekehrten Weg haben oft Touristen eingeschlagen oder Forschungsreisende auf Zeit. Dänen, die dezidiert auf Island leben wollen, sind die Ausnahme, vor allem wenn sie auch noch ein nahezu perfektes Isländisch beherrschen. Also erregt die schon etwas ältere Ditte (Trine Dyrholm) Aufsehen, als sie in eine Wohnung in der unspektakulären Siedlung am Rand von Reykjavik zieht, die zum Schauplatz weiter Passagen der sechsteiligen Fernsehserie „The Danish Woman“ wird. Dass die ehemalige Geheimagentin hier die Ruhe sucht, die ihr in ihrer Laufbahn gefehlt hat, glaubt man ihr gern. Ebenso offensichtlich ist, dass sie zum Auskosten dieser Ruhe gar nicht in der Lage ist. Diesen Zwiespalt fängt die erste Szene gekonnt ein: Ditte hat auf der Grünfläche im Hof der Siedlung ein Beet angelegt, auf dem sie Gemüse zieht und Blumen pflanzt – auf Island ist das durchaus eine Herausforderung und ein Ereignis, wenn es klappt. Dabei kommt ihr eine Katze in die Quere, die auf Dittes Grün kotet und wenig später von der rachsüchtigen Gärtnerin in eine Holzfalle gelockt wird, in der sie dann ihr Leben lässt. Ein Problem gelöst? Von wegen. Das eine gelöste Problem zieht eine Reihe von neuen nach sich: Die Katze war zahm und gehörte zu Kindern, die ebenfalls im Haus wohnen und nach ihrem Tier suchen, wobei ihnen Ditte heuchlerisch hilft. Zweitens muss sie den Kadaver entsorgen, was unter den wachsamen Augen der Nachbarn nicht einfach ist. Drittens stellt sich heraus, dass der aggressive schlaflose Sohn einer überforderten alleineinziehenden Mutter dreier Kinder, auch sie eine Nachbarin, nur im Kontakt mit ebendieser Katze zur Ruhe fand. Sie greift also durch, die Neue, und versucht zugleich, mit den Nachbarn so gut wie möglich zu kooperieren. So großartig Dyrholm diese Hauptfigur in ihrer Schläue und Getriebenheit verkörpert: Das eigentliche Ereignis dieser Serie sind die Gesichter derer, die mit der jederzeit übergriffigen Ditte klarkommen müssen und alle an ihre Grenzen stoßen. Zum Beispiel die junge Björk (Edda Guðnadóttir), die gerade mit ihrem Freund im Keller des Wohnblocks Zärtlichkeiten austauscht, als Ditte dazukommt. Björk rennt ihr hinterher und bittet sie um Verschwiegenheit, was Ditte auch zusagt. Dann allerdings hält sie Björk einen Vortrag über Verhütung und bietet an, ihr eine Spirale einzusetzen – sie könne das, sagt sie, auf Grönland hätte sie das hundertmal getan. Die staatlich ausgeübte Geburtenkontrolle an grönländischen Ureinwohnerinnen gehört zu den hässlichsten Seiten der dänischen Kolonialgeschichte, und es wirft ein bezeichnendes Licht auf Ditte, dass sie sich dessen geradezu rühmt. Auch ihre offene Arroganz gegenüber der isländischen Sprache und Kultur, ihre Überzeugung, das Beherrschen der dänischen Sprache sei auf Island ein Zeichen von höherer Bildung, ist ein klares Zeichen ihres kolonialistischen Denkens. Aus alldem schlägt diese immens komische Serie Funken. Dass man sie heute allerdings mit anderen Augen sieht, als man sie vor einem halben Jahr gesehen hätte, konnten ihre Urheber nicht ahnen. Was passiert, wenn Ordnungskräfte ihr eigenes Rechtsempfinden absolut setzen, keine Grenzen kennen und sicher sein können, dass sie dafür nicht belangt werden, lässt sich zur Zeit in den USA betrachten. Ditte jedenfalls bricht in Wohnungen ihrer Nachbarn ein und sorgt etwa dafür, dass die wegen ihrer Lautstärke inkriminierte Stereoanlage eines Partymachers nie wieder spielen wird. Das ist erst der Anfang einer schwindelerregenden Selbstjustiz. The Danish Woman, von Donnerstag an in der Arte-Mediathek, am 5. Februar um 21.45 Uhr im Programm von Arte.