FAZ 16.12.2025
14:02 Uhr

Test der App „Hidden Table“: Schnupperpreise für Sterneküche


Die App „Hidden Table“ will deutschlandweit leere Tische in Fine-Dining-Restaurants füllen und bei jungen Leuten die Hemmschwelle gegenüber der Sterneküche abbauen. Gelingt das?

Test der App „Hidden Table“: Schnupperpreise für Sterneküche

Um 18 Uhr sind im Schöneberger Sternerestaurant „Bonvivant“ erst einige Tische besetzt. Es ist früh und ein Dienstag: keine Primetime für Restaurants. Reserviert haben wir den Tisch über „Hidden Table“. Das Start-up hat es sich zum Ziel gemacht, Restaurants an schwächer gebuchten Tagen zu füllen. Seit einem Jahr gibt es die App bereits in Hamburg, München, Düsseldorf und Köln, seit Oktober ist sie in Berlin verfügbar. Weitere Städte sind in Planung. Das Prinzip von „Hidden Table“ ist leicht erklärt: In der App kann man sehen, wo es spontan – also heute, morgen oder übermorgen – freie Tische in gehobenen Restaurants gibt. Diese lassen sich vergünstigt buchen. Das Sechs-Gänge-Menü kostet im „Bonvivant“ üblicherweise 130 Euro, mit der App spart man 31 Euro pro Person. Ein Schnupperpreis für ein Sternerestaurant: Chefkoch Nikodemus Berger wurde in diesem Jahr zum dritten Mal mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet. Sein veganes Abendmenü aus regionalen Zutaten überzeugt mit Gerichten wie in der Holzkohle geschmortem und fermentiertem Kohlrabi auf Sauerampfersoße oder mit einer neu interpretierten Rettich-Variante mit Spreewaldgurke und Schwarzbrot. Junge Leute für Spitzengastronomie begeistern Die Idee zu „Hidden Table“ kam Gründer Malte Herbst, als er selbst unter der Woche ein Fine-Dining-Restaurant besuchte. Das war trotz langer Reservierungszeit nahezu leer. „Daraufhin habe ich überlegt, wie man die Spitzengastronomie unterstützen könnte – und gleichzeitig auch junge Menschen wie mich dafür begeistern könnte, sich in gehobene Restaurants zu trauen und diese kennenzulernen“, sagt Malte Herbst. „Hidden Table“ spricht mit einer App gezielt eine Zielgruppe an, die es gewohnt ist, Erfahrungen übers Handy zu buchen. Im „Bonvivant“ wird gerade der zweite Gang serviert: ein wunderbar rauchiger, in Holzkohle gerösteter Sellerie mit Weizengras und Wildkräutern. Die Tische um uns herum füllen sich stetig. Einige Gäste kämen bereits über die App, erzählt einer der Mitarbeiter. „Hidden Table“ will Restaurants zu mehr Sichtbarkeit verhelfen, schließlich geht es der Branche derzeit nicht gut. Essen gehen ist teuer geworden: Seit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine sind die Preise in Gaststätten zwischen Januar 2022 und Juli 2025 um rund 26 Prozent gestiegen, wie der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband erst im September mitteilte. Außerdem belasten die steigenden Lebensmittelpreise und Personalkosten die Betriebe. Laut dem Statistischen Bundesamt setzten Hoteliers und Gastronomen in der ersten Jahreshälfte 15,1 Prozent weniger um als noch 2019. Im Vergleich zum Vorjahr ist ein Umsatzminus von 3,7 Prozent entstanden. „Das Kaufverhalten der Menschen hat sich verändert. Das zeigt sich auch in der Gastronomie – man überlegt genauer, wie oft man essen geht und wie viel man dafür ausgibt“, sagt Herbst. Weil man das Menü über die App bucht, wüssten die Besucher vorher genau, was der Abend kostet. Deutschlandweit rund 100 Restaurants mit 40 Michelin-Sternen im Programm Für die Restaurantbetreiber ist „Hidden Table“ umsonst. Auch Fixkosten gibt es keine, sagt Herbst. Gegründet hat er das Start-up zusammen mit Laura Hutter, die das Unternehmen als Marketing- und Social-Media-Expertin ergänzt. Fünf Festangestellte gibt es bei „Hidden Table“ bereits, das junge Unternehmen kommt bisher ohne die Hilfe von Investoren aus. Es verdient an jedem vermittelten Menü eine Provision im einstelligen Prozentbereich. Rund 40.000 Menschen würden die App bereits nutzen, so die Gründer, die sich bei der Entwicklung der App von den Köchen Stefan Fäth vom Hamburger Sternerestaurant „Jellyfish“ und Bernd Werner vom Hotel Schloss Eberstein beraten ließen. Nun sind deutschlandweit rund 100 Restaurants mit 40 Michelin-Sternen im Programm. In der Hauptstadt sind bisher erst drei Sternerestaurants vertreten: das „Bonvivant“, „Bandol Sur Mer“ und das „Golvet“. „Wir haben in Berlin noch einige Restaurants wie das ‚Swan&Son‘ auf der Wunschliste, wollten aber gezielt mit einer kleineren Auswahl an Restaurants starten, weil wir natürlich auch erst einmal die Nutzer in die Restaurants bringen müssen“, sagen die Gründer. Wie entscheiden sie, welche Restaurants ohne Stern aufgenommen werden? „Einmal abgesehen von den klassischen Auszeichnungen verfolgen wir Fachzeitschriften und achten auf das Gesamtkonzept: das Ambiente, den Aufbau der Speisekarte und den Service“, sagt Laura Hutter. Letzterer verdient im „Bonvivant“, ganz wie die Küche, eine Bestnote. Als Hauptgericht wird in der Pilzsaison ein Magdeburger Laubporling aufgetischt, dazu Brioche mit fein gehobeltem Trüffel. „Die Spitzengastronomie, insbesondere die Sterneküche, ist in vielen Bereichen noch sehr altmodisch. Wir versuchen, sie etwas offener zu gestalten. Einige Gastronomen müssen wir noch davon überzeugen, dass Fine Dining nicht eingestaubt sein muss. In Städten wie Berlin ist da allerdings kaum noch Erklärungsbedarf“, findet Herbst. Die Gründer wollen auch die Hemmungen bei Menschen abbauen, die Sorge haben, sich im Sternerestaurant falsch zu verhalten und nicht zu wissen, welches Besteck man benutzt oder wohin man die Serviette legt. Das richtige Verhalten erklärt „Hidden Table“ auf seinem Social-Media-Kanal. Die App versteht sich nicht als Konkurrenz zu Buchungstools wie „Open Table“, sondern als Ergänzung. „Für uns sind ausschließlich die Tische relevant, die noch nicht reserviert sind. Wir arbeiten gerade mit einem großen Reservierungsdienst an einer Schnittstelle, um den Service für Gastronomen weiter zu vereinfachen – damit Tische, die sonst leer blieben, künftig automatisiert mit einem Kennenlernmenü bei uns angeboten werden können.“ Als App ist „Hidden Table“ schlank aufgebaut, was sie leicht verständlich macht. Sie dürfte aber noch etwas mehr Spaß machen; mit Restauranttipps oder Hintergrundinfos zu Chefköchen und Menüs, um die Nutzer nicht nur wiederholt in die Restaurants, sondern auch in die Applikation zu bringen. Spielraum zur Weiterentwicklung gibt es allerdings immer – das wissen Spitzenrestaurants am besten.