FAZ 08.01.2026
14:59 Uhr

Tennisspieler Kai Wegner: Endspiel für den regierenden Bürgermeister


„Tennis erfordert Köpfchen“ wusste schon David Foster Wallace. Dass Kai Wegner seinen Kopf freibekommen wollte, könnte ihn nun denselben kosten.

Tennisspieler Kai Wegner: Endspiel für den regierenden Bürgermeister

Ganz grundsätzlich betrachtet, sollten die Berliner froh sein, dass ihr Regierender Bürgermeister Tennis spielt. Denn wie jeder weiß, der sich schon einmal darin versucht hat, hatte David Foster Wallace völlig recht, als er postulierte, dass Tennis die schönste Sportart sei, die es gebe, und die anspruchsvollste dazu: „Tennis erfordert Körperbeherrschung, Feinmotorik, hochgetourtes Tempo, Ausdauer und diese seltsame Mischung aus Bedachtsamkeit und Ungehemmtheit, die wir Mut nennen.“ Es ist kein Zufall, dass Tennis eine Sportart ist, der viele Mächtige frönen, insbesondere die größten Egos unter ihnen. Der Duellcharakter zieht sie an. Markus Söder bildet sich etwas auf seine Tenniskünste ein, und Gerhard Schröder ließ seinen ehemaligen Balljungen Bela Anda verbreiten, der britische Premier Tony Blair habe einst bei einem frühmorgendlichen Match am Rande des G-7-Gipfels in Sea Island keine Chance gegen den Kanzler gehabt. Wer Tennis spielt, hängt nicht am Handy Nun gibt es keine zuverlässigen Angaben dazu, inwieweit der Tennisspieler Kai Wegner die vom amerikanischen Schriftsteller aufgeführten Tugenden auf dem Platz verkörpert. Die Eloge von Wallace gipfelt jedenfalls in einem knappen Satz, dem entscheidenden: „Und Tennis erfordert Köpfchen.“ Es ist deshalb besonders interessant, womit Wegner begründete, warum er am Tag des Anschlags auf die Stromleitung im Südwesten seiner Stadt für eine Stunde Tennis gespielt habe: Er habe den Kopf freibekommen wollen, ließ er wissen. Das ist eine verräterische Aussage. Wie alle bestätigen können, die regelmäßig Tennis spielen – und in welchem Teil von Berlin sollte es von dieser Spezies mehr geben als im Südwesten der Stadt? –, lassen sich Alltagssorgen beim Tennis tatsächlich gut verdrängen. Aber wer echten Kummer hat, der wird nicht gut Tennis spielen. Auch weil es unter Tennisfreunden verpönt ist, nach jedem Ballwechsel zur Bank am Spielfeldrand zu eilen, um schnell die neuesten Nachrichten auf dem Handy zu checken. Allen ist also klar, dass Wegner sich in seiner Stunde Tennis nicht mit der Frage beschäftigt hat, wie es um die Stromversorgung in den Hochburgen seiner Partei steht. Es war ihm schlicht egal, ob in der Zwischenzeit in den Tennishallen in Zehlendorf und Wannsee das Licht wieder angegangen war. Es ehrt ihn fast schon, dass er zuletzt gar nicht erst versucht hat, den gegenteiligen Eindruck zu erwecken. Ob diese späte Ehrlichkeit reicht, um sein politisches Köpfchen aus der Schlinge zu ziehen?