FAZ 30.01.2026
11:02 Uhr

Tennis-Krimi um Zverev: „So etwas habe ich wirklich noch nie erlebt“


Der beste deutsche Tennisspieler unterliegt dem Weltranglistenersten nach über fünf Stunden Spielzeit. Carlos Alcaraz kämpft zwischenzeitlich mit Muskelkrämpfen, erholt sich jedoch – und dreht den fünften Satz.

Tennis-Krimi um Zverev: „So etwas habe ich wirklich noch nie erlebt“

Es gibt im Tennis kaum eine undankbarere Aufgabe, als gegen einen körperlich angeschlagenen Gegner zu spielen. Ein bisschen ist das so, als müsste eine Mannschaft aus der Fußballbundesliga in der ersten Pokalrunde bei einem Fünftligaklub antreten: Eigentlich kann man nur verlieren. Alexander Zverev hat an diesem Freitag im Halbfinale bei den Australian Open gegen den Spanier Carlos Alcaraz gespielt. Der ist zwar so ziemlich das Gegenteil von einem Fünftligaklub, Alcaraz ist der Weltranglistenerste und einer von zwei alles dominierenden Tennisspielern der vergangenen Jahre. Doch nachdem Zverev bereits mit 0:2 Sätzen zurückgelegen hatte, bekam Alcaraz Krämpfe im Oberschenkel. Das Match nahm eine kaum mehr für möglich gehaltene Wendung. Es sollte jedoch nicht die letzte sein. Drei Matches in einem 4:6, 6:7 (5:7), 7:6 (7:3), 7:6 (7:4), 5:7 verlor Zverev ein am Ende fünfeinhalbstündiges Duell, das zu den packendsten in der ruhmreichen Geschichte des Grand-Slam-Turniers gehören dürfte. Denn jeder, der dieses Halbfinale verfolgt hatte, konnte am Ende das Gefühl haben, drei Matches in einem gesehen zu haben. Im ersten hatte Zverev gut, Alcaraz aber noch viel besser gespielt. Im zweiten hatte Zverev den sichtbar beeinträchtigten Alcaraz niedergerungen. Im dritten hatte dann ein erholter Alcaraz noch einmal alles aus sich herausgeholt, trotzdem schon fast verloren, ehe er das nächste unwahrscheinliche Comeback des Tages schaffte. „Körperlich war das das herausforderndste Match meiner ganzen Karriere. So etwas habe ich wirklich noch nie erlebt“, sagte Alcaraz nach dem Match.„Ein bitteres Ende für mich, aber ehrlich gesagt hatte ich absolut nichts mehr im Tank“, sagte Zverev kurz darauf: „So ist das Leben. Ich bin deutlich zu müde, um emotional zu sein. Wir sind beide an unser absolutes Limit gegangen.“ Alcaraz spielt nun am Sonntag gegen Novak Djokovic, der Titelverteidiger Jannik Sinner im zweiten Halbfinale in fünf Sätzen entthronte, um seinen bereits siebten Grand-Slam-Titel. Zverevs sehnlichster Wunsch, endlich den ersten in seiner Karriere zu gewinnen, bleibt dagegen weiterhin unerfüllt. Die Suche nach den Gründen ist nach diesem irren Match mühselig. Zverevs Aufschlag war nicht ganz so gut wie in den bisherigen Matches in Australien, die Vorhand nicht ganz so sicher. Alcaraz dagegen, spürbar bemüht, den eigenen Plan für das Match möglichst seriös abzuarbeiten, wirkte zu Beginn der Partie fitter und leichtfüßiger. Nach einer Dreiviertelstunde hatte er den ersten Satz gewonnen, ohne dass Zverev eine Chance auf ein Break gehabt hätte. Wenn man sich ein Tennismatch als ein Stück Holz vorstellt, das es zu bearbeiten gilt, kann man Zverev und Alcaraz auf der Skala der möglichen Herangehensweisen an unterschiedlichen Enden finden. Zverev ist der Holzfäller, der den Block mit der Axt systematisch kurz und klein hackt. Alcaraz ist der Künstler, der ihn mit Schnitzmesser und Feile Stück für Stück abträgt und dabei beeindruckende Kunstwerke herausarbeitet. Das gelang Alcaraz gegen Zverev anfangs meisterhaft Doch während Zverev spätestens seit diesem Jahr spürbar bemüht ist, zumindest mehr Kreativität in seine Arbeit zu bringen, kann man bei Alcaraz eher das Gegenteil beobachten. Der Spanier bemüht sich sichtlich darum, seine bisweilen überbordende Spielfreude zu kontrollieren. Das gelang ihm auch gegen Zverev anfangs meisterhaft. Im zweiten Durchgang allerdings, beim Stand von 3:2, hatte Zverev dennoch die ersten Breakmöglichkeiten des Tages. Seine dritte Chance nutzte er. Das berühmte Momentum, das so viele Tennismatches hin- und herwiegen lässt, schien zu kippen. Doch als Zverev nur noch ein Punkt zum Satzausgleich fehlte, fand Alcaraz einen Weg zurück. Im Tiebreak machte er beim Stand von 5:4 für Zverev auf beeindruckende Art und Weise drei Punkte in Serie. Nach 78 Minuten hatte Alcaraz auch diesen Satz gewonnen. Im dritten Durchgang schien es beinahe nur eine Frage der Zeit, ehe Alcaraz das Match beenden würde. Doch beim Stand von 4:4 griff er sich plötzlich an den Oberschenkel, hatte anschließend offenkundig körperlich große Probleme. Er spielte nur noch Stopps, schlug auf, ohne die Knie zu beugen, rannte kaum noch. Irgendwie schaffte er es noch, so das nächste Aufschlagspiel zu gewinnen. Danach nahm er eine medizinische Auszeit. Während dieser echauffierte sich Zverev und beschwerte sich lautstark beim Schiedsgericht darüber, dass Alcaraz diese aufgrund von Krämpfen gar nicht hätte nehmen dürfen. „Ihr beschützt die beiden“, klagte er lautstark über eine vermeintliche Vorzugsbehandlung für Sinner und Alcaraz. „Das kann nicht sein!“ Alcaraz spielte nun mit vollem Risiko. Er hielt die Ballwechsel so kurz wie möglich, schlug mit Kraft, mit Finesse, verließ sich allein auf seine Intuition. Und weil er eben der wahrscheinlich talentierteste unter all den Tennisspielern dieses Planeten ist, schaffte er es trotzdem noch, zahlreiche Ballwechsel zu gewinnen, ging sogar 6:5 in Führung. Zverev dagegen verzweifelte fast, weil er ein Match, das er nun eigentlich gewinnen musste, zu verlieren drohte. Letztlich setzte er sich im Tiebreak durch, doch er hatte auch zugelassen, dass sich Alcaraz mit der Zeit etwas erholen konnte. Drei Flaschen des inzwischen berühmten Essiggurkensuds, den viele Tennisspieler im Kampf gegen Muskelkrämpfe zu sich nehmen, hatte Alcaraz inzwischen getrunken. Es schien zu wirken. Denn auch wenn er in den letzten beiden Sätzen vielleicht nicht mehr sein bestes Niveau erreichte, war er nun wieder eine große Herausforderung für seinen Gegner. Zverev schien am Ende des längsten Matches, das er in seiner Karriere bisher gespielt hat, mit den Kräften zunehmend am Ende. Nach einem Break im ersten Spiel des fünften Satzes führte er dennoch lange, beim Stand von 5:4 musste er nur noch sein Aufschlagspiel durchbringen, um in sein viertes Grand-Slam-Finale einzuziehen. Stattdessen spielte Alcaraz plötzlich wieder herausragendes Tennis. Mit drei Spielgewinnen in Serie setzte er in diesem beeindruckenden Abnutzungskampf einen würdigen Schlusspunkt.