Hunderte von Ravern auf der Frankfurter Junghofstraße und die Polizei, statt das Ganze aufzulösen, sperrt mehr oder weniger spontan die Straße für die größte Abschiedsparty, die Frankfurts Clubszene je gesehen hat: So ging am 19. Oktober 1998, an einem Montagmorgen, eine Ära zu Ende. Zehn Jahre lang hat es das Omen an der Junghofstraße gegeben, eine der ersten Adressen der Welt, wenn es um Neues in der Techno- und House-Szene ging. Sven Väth, einer der Mitgründer des Frankfurter Clubs Omen, stand zum Abschied fast einen gesamten Tageslauf lang an den Turntables. Plattenspieler und Rodec-Mischpult aus seiner Sammlung überzieht heute eine feine Staubschicht. Niemand hat sie offenbar weggewischt, bevor die Geräte jetzt in das Technomuseum MOMEM an der Hauptwache umgezogen sind. Dort wird jetzt das Omen gefeiert, als Kult, als eingeschworene Gemeinschaft, als „Teil der Entstehungsgeschichte eines neuen Musikgenres“, wie es der einstige Mitbetreiber Matthias Martinsohn in dem am Beginn der Ausstellung gezeigten Dokumentarfilm sagt. Zehn Jahre lang war das Omen mindestens am Puls der Zeit, wenn nicht Avantgarde, und zugleich, das beteuern die meisten der einstigen Protagonisten wie Dag Lerner in unverkennbar hessischem Zungenschlag, ging es familiär zu, herzlich, warm. Das Omen als Nabel der Techno-Welt Der Staub auf Väths Gerätesammlung ist auch symbolisch zu verstehen: Vorbei sind die Zeiten. Fotografien von Ernst Stratmann und Sascha Luond beschwören die kondenswasserbeschlagene Clubatmosphäre von einst, Biographien der DJs, die in dieser Ära erstmals als Künstler, Musiker, verstanden wurden, sind nachzulesen, und eine ganze Sammlung von Tracks der vielen DJ- und Eurodance-Alben, die in dem Jahrzehnt entstanden sind, kann man sich aus stilisierten Plattenkästen fischen und digital auflegen. Das schlägt auch die Brücke zum Delirium-Plattenladen, der ebenso für den einstigen Glanz Frankfurts als Techno-Metropole stand. Die Rückschau auf die glorreichen Zeiten der Frankfurter Techno-Avantgarde steht, bei allen aktuellen Bezügen, im Zentrum des Geschehens rund um das MOMEM. Und so fällt auch die Hommage an das Omen durchaus nostalgisch aus: Dutzende Flyer, die in der Stadt kursierten, gibt es zu sehen; Väths knallgrüne BMX-Hose steht für den modischen Wandel, der Anfang der Neunzigerjahre mit Acid-House eingezogen ist. Die Arbeit des MOMEM, auch mit den zahlreichen Begleitveranstaltungen zu den Ausstellungen, stößt seit der Eröffnung 2022 durchaus auf Resonanz. Doch das Museum, das von einem Verein getragen wird, steckt seit geraumer Zeit in finanziellen Schwierigkeiten. In der jüngsten Stadtverordnetenversammlung ist ein weiteres Mal der von der Stadt gewährte Kredit über 500.000 Euro an das Museum Thema gewesen. Zugestimmt haben die Stadtverordneten einer Zinslosstellung des Kredits und einer Ratenzahlung von mindestens 20.000 Euro im Jahr. Ein Rückzahlungsplan, dies hatte die CDU mehrfach angemahnt, hätte schon im Sommer 2024 vereinbart werden sollen. 26 Jahre Tilgungsraten für Kredit Nun hat die CDU den Antrag, der Ende Oktober im Kulturausschuss vorerst abgelehnt worden war, mit einem eigenen Antrag flankiert, der ebenfalls in der Stadtverordnetenversammlung auf Zustimmung stieß: Darin heißt es, weil der jetzt vom Kulturdezernat präsentierte Vorschlag eine Tilgung von 20.000 Euro jährlich vorsehe, solle eine Wertberichtigung des Kulturhaushaltes erfolgen, da „die Rückzahlung des Steuergelds rund 26 Jahre dauern würde“. Das heißt, eine Null ersetzt den bislang noch offenen Betrag. Auch der jetzige Beschluss bezieht sich auf den Sachstand von 2024. Die Räume des Museums gehören seit 1. Januar 2025 zur Liegenschaftsverwaltung der Verkehrsgesellschaft Frankfurt, die Miete verlangt. Weil das MOMEM die Räume aber zuvor von der Stadt mietfrei bekommen hatte, übernimmt nun die Stadt einen Mietzuschuss. Für Alexander Azary, Mitbegründer und Vorstand des Vereins Friends of MOMEM, ist der Ort kein reines Museum. Vielmehr habe es sich zu einem Kunst- und Kulturzentrum rund um das Thema elektronische Musik entwickelt, einem generationenübergreifenden Begegnungsort. „Ein Jugendzentrum für Erwachsene“, sagt er. Finanzielle Schwierigkeiten hätten von Anfang an dazugehört. „Unser Hauptproblem ist, dass viele Geldquellen unseres ursprünglichen Konzepts nicht realisiert wurden. Dazu gehören zum Beispiel die Räumlichkeiten des ehemaligen U60311“, sagt Azary. Dort habe man an Wochenenden einen Club betreiben wollen, dessen Einnahmen das Museum hätten refinanzieren sollten. Nur sein Bruder Dariush Azary ist fest angestellt, dazu kämen rund ein Dutzend studentische Aushilfen. Neun Ausstellungen, so Azary, seien gezeigt worden. „Wir haben in den letzten dreieinhalb Jahren allen Widerständen zum Trotz jeden Tag außer Montag geöffnet, inklusive Sonn- und Feiertagen.“ Dazu kämen noch zahlreiche Veranstaltungen, Workshops, Podiumsgespräche und Führungen. „Bei unseren Ressourcen und den ganzen Widerständen ist das eine beachtliche Leistung. Das haben wir auch unseren 30 Ehrenamtlern zu verdanken.“ Im Dezember 2019 schon hatte die Stadtverordnetenversammlung dem in Gründung befindlichen MOMEM ein Darlehen über 500.000 Euro gewährt. Es diente der Renovierung der Räume des ehemaligen Kindermuseums in der B-Ebene der Hauptwache. Sie gehörten der Stadt, zuvor hatte man beschlossen, sie mietfrei zur Verfügung zu stellen. Das Darlehen galt als Anschubfinanzierung, die Rückzahlung wurde für den 31. Dezember 2021 vereinbart. Außerdem wurde festgehalten, dass das MOMEM zukünftig ohne städtische Förderung auskommen und seine Betriebs- sowie Personalkosten selbst zu tragen habe. Auch regelmäßige Informationen über die Lage und das Konzept waren von der Politik verlangt worden. Die Einnahmen des MOMEM belaufen sich auf derzeit 670.000 Euro, ebenso die künftigen Ausgaben, einschließlich der Kredittilgung. Das MOMEM sei die einzige Institution in Deutschland, die „sich museal mit der Clubkultur beschäftigt“, so Azary. Auch das Frankfurter Kulturdezernat hält am MOMEM fest: „Das Museum erfüllt eine wichtige Aufgabe in der Frankfurter Kulturlandschaft: Mit seinem vielfältigen Veranstaltungsprogramm ist das MOMEM eine zentrale Einrichtung zur musealen Aufarbeitung und Darstellung der jüngeren Frankfurter Musikgeschichte, deren kulturhistorische Bedeutung mit der Entwicklung des Jazz in den Fünfzigerjahren vergleichbar ist“, heißt es auf Anfrage. Die Einrichtung schlägt jetzt ein weiteres Kapitel auf – mit dem Omen. Omen, MOMEM Frankfurt, bis 29. März 2026.
