Als Taylor Swift mit ihrem Lift von der Bühne kommt, verliert sie keine Sekunde. Ihr funkelndes Kleid hat sie sich schon vom Leib gerissen, darunter trägt sie noch den engen Zweiteiler aus dem vorigen Set. Die Sängerin springt auf eine Art Bock, auf dem ein Mitarbeiter sie unterhalb der riesigen Bühne entlangzieht. Am anderen Ende angekommen, rennt sie in eine improvisierte Umkleidekabine aus Planen, wo zwei Mitarbeiterinnen darauf warten, ihr in das nächste Outfit zu helfen und sie wieder richtig zu verkabeln – dafür bleibt ihnen kaum eine Minute, denn Zeit für Pausen wollte Swift bei ihrer ohnehin knapp dreieinhalbstündigen „The Eras Tour“ nicht verschwenden, nicht mal für Snacks. Die Tour, die zwei Jahre lang international die Schlagzeilen beherrschte und als umsatzstärkste aller Zeiten in die Geschichte eingegangen ist, ging vor einem Jahr zu Ende. Aber Taylor Swift hat sich nicht nur einen Ruf als erfolgreiche Künstlerin, sondern auch als Marketing-Genie erarbeitet. Nach einem Buch hat sie in diesem Dezember nicht nur einen zweiten Konzertfilm beim Streamingdienst Disney+ herausgebracht, der das Spektakel mit einer stark überarbeiteten und um ein weiteres Album erweiterten Setliste zeigt, sondern auch die ersten Episoden einer insgesamt sechsteiligen Dokumentation, die einen Blick hinter die Kulissen wirft. Inzwischen sind vier Folgen erschienen, die letzten beiden werden am 23. Dezember veröffentlicht. Was gab es bisher zu sehen? Tränen nach Treffen mit Angehörigen von Messerattacke Das schwerste Thema räumt die Reihe gleich zu Beginn ab: die Absage von drei geplanten Konzerten in Wien, nachdem dort ein Terroranschlag vereitelt wurde. Und die Messerattacke im britischen Southport, bei der ein Mann drei Mädchen tötete, die an einem Tanzkurs zu Swifts Musik teilnahmen. Die Dokumentation zeigt eine nervöse Swift vor ihrem ersten Konzert nach der Absage, die sich zittrig hinlegen muss und ein Hörbuch anmacht, um sich abzulenken. Und sie zeigt, wie die Sängerin, schon voll geschminkt und ihrem ersten Bühnenoutfit, in Tränen aufgelöst ist, nachdem sie Angehörige der Southport-Opfer getroffen hat. Danach geht es leichter, aber teils nicht weniger anrührend weiter. Da ist zum einen die monatelange Vorbereitung, Swift beim intensiven Fitness- und Tanztraining, obwohl Tanzen nicht ihre Stärke ist. Die Logistik hinter der Tour, schließlich muss die gigantische Bühne nach jedem Stopp abgebaut, in Dutzende Lastwagen verladen und Hunderte Kilometer entfernt wieder aufgebaut werden – und das teils binnen drei bis vier Tagen, Pyrotechnik inklusive. Und da sind die persönlichen Geschichten der Crewmitglieder, zum Beispiel die des Tänzers Kam Saunders. Er hat sich in seiner Karriere lange schwergetan, weil er den Ansprüchen an Gewicht und Figur der Branche nicht entsprach – bis er von Swift engagiert wurde, die sich einen möglichst diversen Cast auf der Bühne wünschte. Saunders avancierte schnell zum Publikumsliebling, hat inzwischen 1,3 Millionen Follower auf Instagram. Da ist auch die Backgroundsängerin Jeslyn Gorman, die während der Tour die Diagnose Brustkrebs erhielt – und nach der erfolgreichen Behandlung den nächsten Flieger nahm, weil sie unbedingt weiter Teil der Tour sein möchte. Mama Swift brachte sie mit Travis Kelce zusammen Und da ist natürlich Swifts persönliche Geschichte, die während ihres größten Karriereerfolgs in ihrem privaten Leben litt. Es habe Momente gegeben, in denen die Konzerte das Einzige gewesen seien, das sie habe weitermachen lassen. „Ich habe während des ersten Teils der Tour zwei Trennungen gemacht“, berichtet Swift – gemeint sind der Schauspieler Joe Alwyn, mit dem Swift sechs Jahre zusammen war, und der Sänger Matty Healy, mit dem sie wenig später eine kurze Beziehung hatte. „Männer werden dich im Stich lassen, die Eras Tour niemals“, so Swift. Dennoch hätte sie ohne die Tour wohl nie ihren heutigen Verlobten Travis Kelce kennengelernt – und, wie die Dokumentation nun preisgibt, auch nicht ohne ihre Mutter. Dass Swift Kontakt zu Kelce aufgenommen hatte, nachdem der Footballspieler in seinem Podcast von dem fehlgeschlagenen Versuch berichtet hatte, die Sängerin bei einem Konzert in Kansas City zu treffen, ist bereits bekannt. Nicht aber, dass es Andrea Swift war, die ihre Tochter auf den entsprechenden Clip aus dem Podcast aufmerksam machte. Sie hatte sich zuvor bei einer Verwandten, die Kelce kennt, über ihn erkundigt. Ergebnis: „Er ist der netteste Mensch und er liebt seine Mutter wirklich.“ Da habe es „Dingdingding“ bei ihr gemacht, so Andrea Swift. Der Rest ist Geschichte. Die Doku zeigt, wie das Paar telefoniert, wie Kelce zum Konzertende hinter der Bühne auf seine Partnerin wartet, ihr Blumen schickt, wenn er nicht dabei sein kann – und wie Swift sich backstage seine Footballspiele anschaut, bevor sie selbst in einem Stadion performen muss. Es ist schwer, die Dokumentation zu gucken und nicht von Swift oder ihrer Tour beeindruckt zu sein. Nie zeigt sie Allüren, stets ist sie nett und aufmerksam, arbeitet hart. Natürlich ist das so gewollt, schließlich ist es kein journalistisches Format, sondern eine Produktion, die die Sängerin selbst in Auftrag gegeben hat. In den bislang erschienenen Episoden heißt das regelmäßig: Tue Gutes und sprich darüber, oder lass noch besser andere darüber sprechen. So sieht man etwa, wie Taylor Swift Boni-Schecks an ihre Mitarbeiter verteilt – zusammen mit handgeschriebenen Briefen in eigenhändig mit Wachs versiegelten Umschlägen. Oder wie Backgroundsängerin Gorman nach ihrer Rückkehr Swift preist: „Es ist niemals ein ‚ich‘, immer ein ‚wir‘.“ Überhaupt wird die Sechsunddreißigjährige von allen viel gelobt, vielleicht sogar schon zu viel. Ein Geschenk an ihre Fans – und ein Denkmal Dennoch kann man Swift glauben, dass der vereitelte Terroranschlag auf eines ihrer geplanten Konzerte ihr zugesetzt hat, ebenso wie die Southport-Attacke. Dass sie ihre Mitarbeiter gut behandelt, dafür sprechen nicht nur die Boni-Schecks, sondern auch die Tatsache, dass einige Bandmitglieder und ihr Stylist schon seit Beginn ihrer Karriere an ihrer Seite stehen. Und die friedvolle, fast schon magische Stimmung unter den insgesamt zehn Millionen Konzertbesuchern, die in der Dokumentation immer wieder beschworen wird – davon kann tatsächlich jede Stadt berichten, in der Swift aufgetreten ist. Die Dokumentation und auch der zweite Konzertfilm sind deshalb vor allem ein Geschenk an ihre Fans, wenn auch eines, das sich für Swift, die die Konzertreihe-Tour zur Milliardärin gemacht hat, finanziell lohnen dürfte. Und ein Denkmal für sie selbst: Lange lebe die „Eras Tour“ – lang lebe Taylor Swift.
