FAZ 02.01.2026
12:30 Uhr

Taxifahrer in Kamerun: „In der Hölle gibt es keine Pause“


Motorradtaxifahrer in Kamerun schlängeln sich durch die berüchtigten Staus und sehen in ihrer eigenen Misere ein strukturelles Problem. Was Bilder über die fehlende Perspektive unter Präsident Biya erzählen.

Taxifahrer in Kamerun: „In der Hölle gibt es keine Pause“

Zakiyaou Mohamed erwacht nach einer weiteren unruhigen Nacht, zusammengerollt auf seinem Motorrad unter dem Dach einer Tankstelle in der Stadt Douala, das ihn vor dem Regen schützt. Der Dreiunddreißigjährige aus Nordkamerun, der hier übernachtet, weil er sich kein Zimmer leisten kann, gehört zu den Tausenden von Motorradtaxifahrern, den sogenannten Benskin-Fahrern, die sich in der Hafenstadt mit Fahrpreisen ab 100 CFA-Francs, rund 15 Cent, mühsam über Wasser halten. Der Begriff „Benskin“ hat zwei Bedeutungen. Er beschreibt sowohl die gebückte Haltung der Fahrer auf ihren Maschinen als auch ihre Fähigkeit, sich durch Doualas berüchtigte Staus zu schlängeln. Obwohl Regierungsvertreter sie immer wieder für Kleinkriminalität und Unruhe verantwortlich machen, sehen die Fahrer in ihrer Misere ein tieferes, strukturelles Problem: fehlende Perspektiven unter Präsident Paul Biya, der das Land seit mehr als vier Jahrzehnten regiert. Biya, inzwischen 92 Jahre alt, ist nach der Wahl im Oktober erneut zum Präsidenten gewählt worden. „Alle sind müde. Wir wollen Veränderung, aber viele haben Angst, ihre Stimme zu erheben“, sagt Mohamed, bevor er sich auf einen langen Arbeitstag auf den schlammigen, von Schlaglöchern übersäten Straßen vorbereitet. Biya versprach, die „Geißel“ der Arbeitslosigkeit zu bekämpfen Kameruns offizielle Arbeitslosenquote liegt bei 3,5 Prozent, doch unter jungen Menschen ist sie deutlich höher. Die Internationale Organisation für Migration beziffert die Arbeitslosigkeit bei Fünfzehn- bis Fünfunddreißigjährigen auf 39,3 Prozent. Unter dem Wahlkampfmotto „Größe und Hoffnung“ hatte Biya versprochen, sich der Jugendarbeitslosigkeit anzunehmen. Bei seiner einzigen Wahlkampfveranstaltung am 7. Oktober 2025 im nordkamerunischen Maroua, der Region, aus der auch Mohamed stammt, räumte Biya den weit verbreiteten Unmut über die „Geißel“ der Jugendarbeitslosigkeit ein und versprach, sich des Problems anzunehmen, sollte er erneut gewählt werden. „Ich werde nicht ruhen, bis erhebliche Fortschritte erzielt worden sind“, sagte er damals. Für Acceline Ngouana klangen diese Zusagen hohl. Die Sechsunddreißigjährige, ebenfalls Benskin-Fahrerin, hätte sich gewünscht, dass Biya abgewählt worden wäre. Früher arbeitete sie als Krankenschwester im zentralen Monatélé, gab den schlecht bezahlten Job jedoch auf. 10.000 CFA-Francs Monatslohn, etwa 15 Euro, reichten kaum zum Leben. Heute verdient die alleinerziehende Mutter von drei Kindern mehr, indem sie Fahrgäste durch Douala transportiert und eine kleine Kfz-Werkstatt betreibt. Sie träumt davon, die improvisierte Garage, ein schmaler Raum voller Felgen und Ölkanister, zu modernisieren. Doch bislang fehlen ihr die Mittel. „Ich arbeite jeden Tag“, sagt sie mit einem schiefen Lächeln. „In der Hölle gibt es keine Pause.“ Eltern fürchten um die Zukunft ihrer Kinder Auch ihre Kollegin Carine Alphonsine Kegne, 39, beschreibt das Leben in Kamerun als „höllisch“. Nach dem Tod ihrer Mutter brach sie die Schule ab, um sich um ihre Geschwister zu kümmern, und ihre eigenen Träume, professionelle Fußballschiedsrichterin zu werden, rückten in weite Ferne. Zwar leitete sie später einige lokale Spiele und besitzt Medaillen, doch eine nachhaltige Karriere ließ sich daraus nicht entwickeln. Eines Tages lieh ihr ein Freund sein Motorrad, damit sie nach Hause fahren konnte. Jemand hielt sie für eine Benskin-Fahrerin und fragte nach einer Fahrt. Sie zögerte, stimmte dann aber zu, und als sie den Fahrpreis entgegennahm, erkannte sie eine neue Überlebenschance. Heute, in ihren späten Dreißigern und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, sitzt sie täglich im Sattel und fragt sich, wie ihre Kinder eines Tages überleben sollen, wenn sich die Lage nicht bessert. Am liebsten würde sie Kamerun den Rücken kehren. Noubissi Mathurin Albert hingegen will das Land nicht verlassen. Doch er kann sich kaum vorstellen, dass sich die Situation für ihn und seine Kollegen bald verbessern wird. Der Dreißigjährige wollte ursprünglich Ingenieur werden, musste sein Studium jedoch aus Geldmangel abbrechen. Heute versucht er, früheren Kommilitonen aus dem Weg zu gehen, jenen, die ihren Abschluss gemacht und Arbeit gefunden haben. 2018 wählte er einen Oppositionskandidaten und war „sehr enttäuscht“, als Biya zum Sieger erklärt wurde. Vorwürfe von Einschüchterung, Gewalt und Wahlfälschung warfen lange Schatten auf die Glaubwürdigkeit des Ergebnisses, doch die Regierung wischte sie beiseite, und Biya blieb im Amt. Auch in diesem Jahr wurde er wiedergewählt, und es bleibt abzuwarten, ob er seine Versprechung einlöst und sich etwas im Land verändert.