Wie eine Karawane von Pinguinen watscheln wir die Felsplatten der Bucht Xatt l-Aħmar hinab, in schwarzen Neoprenanzügen, Pressluft-Flaschen auf dem Rücken, Flossen in den Händen. Im glitzernden Meer dümpeln bereits zwei Dutzend Taucher, an den rostigen Leitern ist Stau. Einigen Ungeduldigen dauert das zu lange, mit beherztem Ausfallschritt springen sie über die Felskante ins Blau. Es ist Oktober auf Gozo, der kleinen Schwesterinsel Maltas. Auch hier, gut 90 Kilometer südlich von Sizilien, geht nun langsam die Sommersaison zu Ende. Die Taucher stört das nicht. Die Sonne scheint, das Mittelmeer ist noch warm, und für Attraktionen wurde gesorgt. Gelbe Bojen markieren drei Wracks, die hier in Sporttauchertiefe (maximal 40 Meter) auf den Meeresgrund gesetzt wurden. Das erste war 1999 die Xlendi. Sie landete auf einem Hang, rutschte ab und kam kopfüber zum Liegen. Die Malteser spotteten, die Gozitaner seien sogar zu dumm zum Schiffeversenken. Beim nächsten Versuch 2006 aber klappte alles. Zwei weitere Wracks sitzen seitdem aufrecht in rund 40 Metern Tiefe. Wir entscheiden uns für die Karwela, eine in Papenburg gebaute Fähre, das beliebteste Wrack Gozos. Beim Hinabsinken blubbern uns so viele Luftblasen entgegen, als würde Rauch aus einem brennenden Schiff steigen. Ein Mast ist geknickt wie ein Streichholz, braune Schwämme wuchern büschelweise auf der Reling. Nichts für Klaustrophobiker Am Heck schlüpft der Guide durch eine der Luken, die zum bequemen Eintauchen ins Wrack erweitert wurden. Wir gleiten unter zerborstenen Planken hindurch, durch glaslose Fenster leuchtet das schimmernde Blau. Für den finsteren Maschinenraum und die Treppe ins untere Deck knipsen die Mittaucher ihre Taschenlampen an. Nichts für mich, als technisch mäßig interessierter Semiklaustrophobiker schwebe ich lieber über dem Bug, betrachte die bunten Fische, die am Algenüberzug knabbern, und die braun-gelb gefleckte Mittelmeer-Muräne, die wie ein empörter Blockwart aus einem Rohr schnappt. Vor dem Versenken wurden die Schiffe gereinigt, ihre Kanten geschliffen, Türen und alles Verfängliche entfernt. Nun ziehen sie wie Oasen das Leben an, besonders für Jungfische sind sie ein idealer Kindergarten. „Man hat dort aus Schrott etwas sehr Wertvolles erschaffen“, sagt Mark Busuttil, der Besitzer der St. Andrew’s Divers Cove im Badeort Xlendi. Die Wracks von Xatt l-Aħmar gehören heute zu den beliebtesten Spots seiner Gäste. Busuttil heuerte 1989 als achtzehnjähriger Tauchlehrer auf Gozo an, einige Tauchspots hat er selbst entdeckt. Damals habe es zwei Tauchbasen auf der Insel gegeben, erzählt der Mittfünfziger, in den ersten Jahren habe sich die Zahl der Gäste jedes Jahr verdoppelt. „Es war Fun, Fun, Fun.“ Mittlerweile aber balgen sich mehr als 60 Tauchbasen auf Malta und Gozo um die zahlungskräftigen Gäste. Immerhin fünf Prozent aller Touristen tauchen, ergab eine Umfrage der Malta Tourism Authority im Jahr 2024. Auf Gozo dürften es deutlich mehr sein. In Xlendi tragen einige Gäste selbst zum Dinner im Restaurant T-Shirts mit zähnefletschenden Comic-Haien. Besonders deutsche Taucher lieben offenbar die sonnendurchglühten Inseln. 2025 wählten sie Malta auf der Wassersportmesse Boot in Düsseldorf zum besten Revier – weltweit. Das Votum überraschte, zur Wahl stand auch das indonesische Luxusziel Wakatobi mit seinen hochgelobten Korallenriffen. Doch Malta hat andere Vorzüge: Der Direktflug dauert nur zwei Stunden, es gibt eine riesige Auswahl an Hotels, die Preise sind moderat. Das Wasser ist extrem klar, weil das Mittelmeer arm an Plankton ist und die Inseln kaum Sandstrände und Flüsse haben. Und die Strömungen sind anfängerfreundlich mild. Die Bomben der Deutschen Im Zweiten Weltkrieg war Malta eine wichtige Marinebasis der Briten, vehement attackierten Deutsche und Italiener sie mit Bombern und U-Booten. Allein im Hafen von Valletta liegen sechs tauchbare Wracks, viele weitere sind um die Insel verstreut. Gozo dagegen ist berühmt für seine dramatischen Unterwasserlandschaften. In der Dwejra Bay ballen sich die Naturwunder: das Blue Hole mit seinen Kaminen und Felsbogen, der 80 Meter lange Tunnel vom Inland Sea ins offene Meer. Und natürlich das Azure Window. Seit der in Filmen verewigte Felsbogen 2017 in einem Sturm kollabierte, taucht man dort über einem gewaltigen Trümmerberg. Ebenso spektakulär wirken Cathedral Cave und Double Arch – zumindest auf Fotos. Denn in diesen Tagen sind alle Tauchspots an der Nord- und Westküste unerreichbar. Zu stark bläst der Wind aus Nordwesten, zu hoch sind die Wellen. „Früher hatten wir an solchen Tagen kaum Optionen“, sagt Busuttil. Genau deshalb wurden die Wracks in Xatt l-Aħmar versenkt. Und so parken nun Dutzende Minibusse und Pick-ups entlang einer Wand aus Kakteen, montieren Hunderte Taucher ihre Ausrüstung auf Holzbänken über der Bucht. Busuttil sieht das ungebremste Wachstum skeptisch. „Früher gab es viel mehr Fische“, sagt er. Während anderswo im Mittelmeer Tauchreviere seit Jahrzehnten unter Schutz stehen und sich die Bestände langsam erholen, nehmen sie in Malta weiter ab. Der einzige Marinepark vor dem Fährhafen Ċirkewwa umfasst nur 246 Hektar. „Der Schutz des Meeres hat für unsere Regierung keine Priorität“, sagt Busuttil. „Fischer sind Wähler, Touristen nicht.“ Tauchen ohne Boot Maltas Tourismusboom ist auch in Xlendi unübersehbar, in die kargen Hänge oberhalb des Hafens wurden vielstöckige Hotels betoniert. Die Aussicht aber bleibt bildschön. Wie ein Fjord schneidet die Bucht tief in die Klippen aus geschichtetem Kalkstein. Für den Sonnenuntergang spazieren Urlauber auf dem gepflegten Uferweg hinaus zum Wachturm, der einst vor Angreifern warnte. Noch schöner ist es, durch terrassierte Felder weiter bis zu den hohen Sanap Cliffs zu wandern, die in der Abendsonne golden leuchten. Unter Wasser setzen sich die Klippen rings um die Inseln in spektakulären Steilhängen fort. „Wir müssen nicht weit mit dem Boot hinausfahren“, sagt Busuttil, „fast alle Tauchplätze sind von Land aus zugänglich.“ Zum Inselchen Comino aber, das zwischen Malta und Gozo eingezwängt ist, geht es nur per Boot. Während wir im Hafen von Mġarr unsere Ausrüstung verladen, schwimmt ein Pferd an einer Leine vorbei, gezogen von zwei Männern im Motorboot. „Ein Rennpferd“, sagt Busuttil, „das Schwimmen ist gut für seine Gelenke.“ Unser Ziel sind die Comino Caves, ein Labyrinth aus Unterwasserhöhlen. Ihr Instagram-Star ist die Zorro Cave, an deren Ausgang das Meer betörend blau durch eine Z-förmige Öffnung leuchtet. „50 Shades of Blue“, schwärmte Busuttil im Briefing – zu Recht. Dahinter schweben wir durch eine Schlucht, auf dem weißem Sandgrund liegen große Felsbrocken. Ein Schwarm von Goldstriemen fließt vorbei, neonbunt getigerte Meerpfaue und Schriftbarsche mit rot-weiß marmoriertem Kopf dümpeln über dem Neptungras, das im Takt der Dünung hin und her wabert. Viel Wind unter Wasser Auf den Wänden der Höhlen erleuchtet die Taschenlampe rote Korallenröhrchen und orangefarbene Schwämme. Doch die Muße endet abrupt, als in einem Tunnel eine andere Gruppe entgegenkommt. Ein paar mäßig erfahrene Taucher starren uns mit geweiteten Augen an, in ihrer Aufregung wirbeln sie, wie Hunde paddelnd, Sedimente auf. An manchen Tagen lägen hier zehn Tauchboote, sagt Busuttil, zurück an Bord. Ob sich die Kapitäne absprechen, um das ärgste Chaos zu vermeiden? „Nein“, sagt Busuttil maliziös lächelnd, „wir sind hier nicht so diszipliniert.“ Kein Wunder, dass immer wieder schwere Unfälle passieren. Zumal manche Tauchbasen bis zu zwölf Kunden in eine Gruppe stecken, wie Jürgen Hinsen erzählt. Der Sechsundfünfzigjährige war Rettungstaucher bei der Berufsfeuerwehr, bevor er nach Malta auswanderte. Seit 15 Jahren leitet er das Octopus Garden Dive Center in der St. Paul’s Bay. Weil Rettungswagen im täglichen Verkehrschaos oft eine Stunde brauchen, lässt Hinsen alle Tauchlehrer als Sanitäter ausbilden, jeden Frühling müssen sie drei Tage lang Notfälle durchspielen. Allein auf Malta gebe es drei Dekompressionskammern, sagt Hinsen, auf Gozo eine weitere. Die PDSA, ein Zusammenschluss von 45 Tauchbasen, legt Standards in puncto Sicherheit und Ausbildung der Guides fest und prüft sie. Und im Ċirkewwa Marine Park steht dauerhaft ein Krankenwagen. Der hohe Sicherheitsstandard ist besonders für technische Taucher wichtig, die gerne auf Malta trainieren. Auf engem Raum finden sie hier viele Tauchspots in 40 bis über 100 Metern Tiefe. Besonders die Weltkriegswracks reizen viele Tekkies – so sehr, dass die Behörden eingreifen mussten. „Früher gab es keinerlei Regulierung“, sagt die Unterwasserarchäologin Maja Pace Sausmekat. Von den Sechzigern bis in die Neunziger wurden viele Schiffe geplündert, sogar Anker und Kanonen wurden gestohlen. Erst ein paar große Gerichtsprozesse Anfang der Nullerjahre stoppten die Souvenirjagd. Seit 2019 müssen sich Tauchcenter bei Heritage Malta registrieren und online Tickets für historische Wracks buchen. „Nun wissen wir genau, wer wann wo taucht“, sagt Sausmekat. Patrouillenboote überwachen, dass niemand in den Sperrgebieten von bis zu 500 Metern rings um die Wracks fischt. „Anfangs gab es Widerstand aus der Tauch-Community“, sagt Sausmekat. „Aber mittlerweile sehen alle die Vorteile.“ Sie zeigt ein Video von Hunderten Barrakudas, die über dem Wrack der Polynesien kreisen. Die Fischpopulationen seien explodiert, schwärmt die Forscherin, auf dem U-Boot Olympus wachse nun ein Wald aus seltenen Schwarzen Korallen und prächtigen Gorgonien. „Die Wracks erschaffen Inseln der Artenvielfalt, ökologische Hotspots.“ Schön für alle Tekkies. Für normale Sporttaucher aber liegen die meisten historischen Wracks zu tief. Seit 2020 kann man sie zumindest in einem virtuellen Museum sehen. Es versammelt zwei Dutzend 3D-Modelle, welche die Archäologen ursprünglich für wissenschaftliche Zwecke bastelten. Jedes Jahr kommen zwei bis drei weitere hinzu. Sausmekat reicht mir eine Virtual-Reality-Brille und startet das mit 360-Grad-Kamera gefilmte Video der Polynesien. Ich schwebe durchs Gerippe des Wracks, schaue nach oben zu den mit Schwämmen verkrusteten Spanten, drehe den Kopf, starre in die Lampen der Taucher hinter mir. Mir schwindelt. Und ganz kurz bin ich froh, jetzt nicht 60 Meter tief unter Wasser zu sein.
