Die kleine Rose auf ihrem Oberarm hat sich Melanie Zink stechen lassen, als sie 18 Jahre alt war. Über das Motiv machte sie sich lange Gedanken. Doch heute beschreibt die 52 Jahre alte Büroangestellte es als Jugendsünde. Mit den Jahren verblassten die Tinte und das Gefühl, dass das Tattoo zu ihr gehört. „Das bin nicht mehr ich“, sagt Zink. Bei der Arbeit fühlte sie sich unwohl. Statt Kurzarmshirts trug sie auch im Sommer lange Ärmel. Bis sie die Entscheidung traf: Das Tattoo soll verschwinden. In der Hautmedizin Kelkheim lässt sich Zink ihr Tattoo mit der Lasermethode entfernen. Während Hautarzt Matthias Bonczkowitz das Tattoo lasert, knackt es immer wieder in kurzen Abständen. Das Knacken sei das Geräusch, das entstehe, wenn der Laser die Farbpigmente zerschieße, erklärt Bonczkowitz. Die Methode beschreibt er so: Der Laser zersplittere die Farbpigmente, der Körper erkenne sie als Fremdkörper und trage sie ab. „Die Laserentfernung ist der Goldstandard unter den Tattoo-Entfernungen“, sagt Bonczkowitz. Im Unterschied zu anderen Methoden wie dem Abschleifen der Haut (Dermabrasion) oder dem operativen Entfernen ist das Risiko, dass sich Narben bilden, geringer. Ein Nachteil dagegen sind die hohen Kosten. Denn der Patient zahlt in der Regel pro Sitzung, und davon sind mehrere nötig. Übernommen werden die Kosten in der Regel nicht. Trotzdem greifen immer mehr Menschen auf die Lasermethode zurück, um sich Tattoos entfernen zu lassen. Laut einem Bericht des Marktforschungsinstituts Market Data Forecast hängt das mit dem technischen Fortschritt zusammen und mit der wachsenden gesellschaftlichen Akzeptanz für kosmetische Eingriffe. Dabei sind Tattoos so beliebt wie nie zuvor. Je nach Umfrage ist jeder dritte oder vierte Deutsche zwischen 25 und 34 Jahren tätowiert. Damit wächst auch der Bedarf nach Tattoo-Entfernungen: Der Laser ermöglicht es, einst getroffene Entscheidungen mit geringerem Risiko zu revidieren. Namen wollen besonders viele Kunden loswerden Eine gestiegene Nachfrage nach Tattoo-Entfernungen wird auch im Tattoo-Entfernungsstudio Removee im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen beobachtet. „Die Unterarme werden seit einigen Jahren tätowierter“, sagt die Geschäftsführerin Nathalie Arnswald. Damit nähmen Fehler und Fehlentscheidungen zu. Und mehr Menschen bereuten ihre Tattoos. Zu den Kunden des Studios zählen etwa Stewardessen, die berufsbedingt Tattoos entfernen lassen, oder ehemalige Gangmitglieder, die mit ihrer Vergangenheit nicht mehr assoziiert werden wollen. Am häufigsten werden bei Removee jedoch Namen entfernt – „vom Ex-Mann, der Ex-Frau, aber auch von Geschwistern oder Eltern“, wie Arnswald sagt. Vormalige Trendmotive wie etwa Pusteblumen, Vögel oder EKG-Linien gehören ebenfalls zu der Liste an Tattoos, die häufig entfernt werden. „Das sind halt Jugendsünden“, sagt sie. Viele Kunden hätten sich diese als junge Erwachsene stechen lassen, um cool zu sein oder sich auszuprobieren, und bereuten es nun. Das Entfernen ist langwierig und hängt von vielen Faktoren ab Während die Entscheidung für ein Tattoo unter Umständen schnell gefällt ist, kann das Entfernen langwierig sein. Denn im Durchschnitt braucht es acht bis zehn Sitzungen, mit vier bis sechs Wochen Pause dazwischen, bis das Tattoo vollständig entfernt oder zumindest aufgehellt ist. Für Melanie Zink ist es an jenem Tag die zweite Sitzung. Das Rot der Rosenblätter ihres Tattoos ist kaum noch zu sehen. Das Grün des Stiels und die schwarzen Zeichenränder sind dagegen noch gut sichtbar. Farbe sei einer der Faktoren, die den Erfolg des Laserns beeinträchtigen können, erklärt Bonczkowitz. Vor allem Weiß und Gelb seien Farben, die sich schwer entfernen ließen. Daneben spielen auch Hauttyp, Größe oder Tiefe eine Rolle. Ein realistisches „Erwartungsmanagement“ sei deshalb wichtig, sagt Bonczkowitz. Manchmal könne man das Tattoo nur aufhellen, sodass sich der Patient etwa ein Cover-up stechen lassen könne – also ein Motiv, das das alte Tattoo überdeckt. Vorab sollte ein Gespräch geführt werden, in dem Erfolgschancen, mögliche Einschränkungen und Risiken besprochen werden. Zu denen gehören Hautirritation, allergische Reaktionen, leichte Blutungen, aber auch Pigmentverschiebungen. Die potentiellen Nebenwirkungen sind einer der Gründe für den Arztvorbehalt, den es seit Ende 2021 gibt. Dieser wird in der sogenannten NiSV geregelt – der Verordnung zum Schutz vor schädlichen Wirkungen nichtionisierender Strahlung bei der Anwendung an Menschen. Arztvorbehalt bedeutet in diesem Fall: Nur Ärzte mit entsprechender Fachkunde, also Dermatologen und Plastische Chirurgen, dürfen die Tattoos im Prinzip lasern, wie Bonczkowitz erläutert. Alle anderen Ärzte könnten jedoch die entsprechende Fachkunde erwerben. Auch die Delegation an einen Tattoo-Entferner, wie sie in Tattoo-Entfernungsstudios geschieht, sei möglich, allerdings nur, wenn der Arzt den Patienten vorher über die möglichen Nebenwirkungen aufkläre und bei der Entfernung anwesend sei. Neben der Aufklärung sollte ein Arzt auch die Nachbehandlung mit dem Patienten besprechen, sagt Bonczkowitz. „Beim Lasern entsteht immer eine Wunde.“ Deshalb dürfe der Patient nach der Behandlung nicht in die Sonne und ins Schwimmbad gehen, Sport treiben oder die Sauna besuchen. Keime, Hitze und Sonne könnten die Haut reizen und den Heilungsprozess beeinträchtigen. Nach der Behandlung sollte der Patient die Stelle kühlen und Wundschutzcreme auftragen, um Schmerzen zu lindern und den Heilungsprozess zu unterstützen. Ein Mullverband verhindere außerdem, dass die Wunde an der Kleidung reibt. Mit solch einem Verband verlässt auch Melanie Zink an jenem Tag die Hautarztpraxis in Kelkheim. Das Entfernen schmerze deutlich mehr als das Stechen, sagt Zink, während eine Arzthelferin ihren Arm bandagiert. Ihren Kindern habe sie deswegen auch abgeraten, sich ein Tattoo stechen zu lassen. Dass sie die Rose wieder los werden kann, ist für sie trotzdem eine große Erleichterung.
