Es waren die Achtzigerjahre, und Didi Hallervorden präsentierte „endlich mein eigenes Fahrrad“. Damit fuhr er hin und her über die „Nonstop Nonsens“-Bühne: „Guckt mal, ohne eine Hand.“ Nächste Runde: „Guckt mal, ohne beide Hände.“ Dann ein Rumpeln im Off, Didi mit dem verbogenen Rad über der Schulter: „Guckt mal, ohne Zähne.“ Da ungefähr ist der Münster-„Tatort“ inzwischen angekommen, humor- und diesmal sogar handlungstechnisch. Und es beginnt ebenfalls in den Achtzigern, allerdings denen des Jahrhunderts zuvor. Ein Schuss, ein Ächz, ein letztes Gekrakel des Sterbenden – eines Tüftlers namens Knut Hobrecht – auf einer schnell noch versteckten Konstruktionszeichnung, die in der Jetztzeit wieder auftaucht und beweist: In Münster wurde nicht nur das Freiluftkompostieren von Wiedertäufern erfunden, sondern 1882 auch das moderne Zweirad, das mit Kette am gleich großen Hinterrad angetriebene Sicherheitsniederrad, womit man volle zwei Jahre früher dran war als John Kemp Starley aus Coventry, dem die Konstruktion und Etablierung des modernen Fahrrads allgemein zugeschrieben wird (die vorherigen Modelle sahen in der Tat ziemlich ulkig aus). Woher kommt die Kühltruhe? Das Münsteraner Familienunternehmen Hobrecht Bicycles Limited, angesiedelt im Stadthafen (der 1882 noch gar nicht existierte), witterte jedenfalls einen Marketingcoup, als die Zeichnung im Keller auftauchte. In Anlehnung an das Urmodell konstruierte man den Drahtesel kurzerhand neu, und ebenjenes „First Bike“ wird nun zum Auftakt der Episode öffentlich vorgestellt. Ganz zufällig sind Professor Boerne (Jan Josef Liefers) und Kommissar Thiel (Axel Prahl) vor Ort, Ersterer, weil ihn ein vorübergehender Führerscheinentzug zum Radkauf zwingt (und dann soll es bitte das edelste sein), Letzterer, weil er auf seiner klapprigen Möhre zufällig in diesem Moment an der Manufaktur vorbeistrampelt und dem lockenden Büffet nicht widerstehen kann. So werden beide Zeuge, wie unter der weggezogenen Präsentationsdecke gar kein Rad zum Vorschein kommt, sondern eine ausgewachsene Kühltruhe – und in dieser der tiefgefrorene, vor Jahrzehnten aus der Firma geworfene und dann mit windigen Nordkorea-Geschäften reich gewordene Bruder des Firmenpatriarchen Kurt Hobrecht sen. (Hannes Hellmann). Wer das schon für Nonsens hält, darf sich auf die Erklärung freuen, wie die Kühltruhe in die Bühnenpräsentation gelangt ist. Beliebt war der Tote nicht unbedingt, wie die Worte seiner Haushälterin sacht andeuten: „So ein blödes Arschloch, der Alte.“ Was nahezu auf Anhieb aber auch klar ist: dass die nie ganz zusammenpassenden Aussagen von Kurt Hobrecht und seinen drei Kindern (Franz Hartwig, Karolina Lodyga, Simon Steinhorst) auf tieferliegende Zerwürfnisse im Familienunternehmen verweisen. Die Handlung kommt also trotz der ganz schnittigen Grundidee gewissermaßen auf Stützrädchen angewackelt: ein dynastisches Drama in der Basisausfertigung. Sonnenschmuck inszeniert hat es der Regisseur Till Franzen; vieles sieht aus wie ein Werbevideo für die Fahrradstadt Münster. Dazu gibt es reichlich zahnlosen Boerne-Thiel-Humor, der nicht besser dadurch wird, dass er im Drehbuch von Thorsten Wettcke selbstironisch kommentiert wird: „Herr Professor, Ihre Bonmots waren auch mal auf einem höheren Niveau.“ Oder: „Humor aus dem letzten Jahrtausend. Gratuliere.“ Lustig soll schon sein, dass Vaddern Thiel (Claus D. Clausnitzer) diese neumodischen E-Bikes hartnäckig „Motordinger“ nennt. Oder dass Boerne wiehert, wenn er auf seinem Rad-Pferdchen sitzt. Tatsächlich amüsant ist immerhin seine als Angebot formulierte Antwort auf die „Ich hätte mich auch krankschreiben lassen können“-Beschwerde des japsenden Kollegen auf seinem Schrottvelo: „Ich könnte Ihnen einen Totenschein ausstellen.“ Bevor man einen solchen auch diesem „Tatort“ ausstellt, sei gesagt, dass die Hauptfigur der Folge noch gar nicht erwähnt wurde, denn das ist selbstverständlich diesmal Wilhelmine Klemm, die Staatsanwältin mit der rauchigen Stimme, denn ihre Darstellerin, Mechthild Großmann, streicht nach 22 Jahren die „Tatort“-Segel. Einen fulminanten Showdown hätte man da erwartet, eine Folge, die sich ganz um die knorrige Sympathieträgerin gedreht und idealerweise mit Pina Bauschs Tanztheater – Großmanns prägende Zeit – zu tun gehabt hätte. Schließlich ist Klemms wilde Vergangenheit samt Techtelmechtel mit Vaddern Thiel bereits früher Thema gewesen (und wirkte schon da ziemlich quatschig). Aber Thorsten Wettcke fiel dann leider doch nichts anderes ein als das Wiederauftauchen einer großen alten Liebe, Knitterfoto, Ring und Nostalgiebus inklusive, als wäre man im ZDF-Herzkino. Nicht einmal eine letzte Zigarette hat man der Kettenraucherin gegönnt. Man muss in einem Juxkrimi das Rad nicht neu erfinden, aber mit einer derart müde erzählten und ambitionslos heruntergespielten Episode wird nach einigen mehr oder weniger erfolgreichen Versuchen der zumindest partiellen Erneuerung doch wieder deutlich, wie auserzählt das Münster-„Tatort“-Team ist: Guckt mal, ohne Idee. Der Tatort: Die Erfindung des Rades läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.
