FAZ 11.01.2026
15:28 Uhr

„Tatort“ aus Köln: Nicht bluten, lieber singen


In der Oper Köln wird diesmal nicht nur auf der Bühne gemordet: Im Fall „Die Schöpfung“ geht es im neuen „Tatort“ hinter die Kulissen der holden Kunst. Wer hat im Alltag etwas zu verbergen, wer tut in seiner oder ihrer Rolle nur so?

„Tatort“ aus Köln: Nicht bluten, lieber singen

Die Morde passieren ausgerechnet, als „Die Schöpfung“ einstudiert wird. Joseph Haydns berühmtes Oratorium, uraufgeführt 1799 in Wien, das Welt und Mensch feiert, dient im Kölner „Tatort“ als Folie, vor der sich eine vertrackte Rachegeschichte entwickelt. Leben und Tod, Sein und Schein, Kunst und Realität – Klaus J. Behrendt als Max Ballauf und Dietmar Bär als Freddy Schenk müssen sich in ihrem 94. Fall auf mehreren Ebenen bewegen, um herauszukriegen, wer sich da so böse und aufwendig rächt. Kostümierte Leute, die sich nach dem Auftritt umziehen wollen Schauplatz des amüsant-gruseligen Geschehens ist mit hohem Lokalkolorit die Oper Köln, sowohl mit dem noch nicht eröffneten, bald 14 Jahre sanierten Gebäude am Offenbachplatz sowie mit dem Ausweichquartier im Stadtteil Deutz. Das Drehbuch von Wolfgang Stauch erzählt schnörkellos, die Handlung wird zudem beredt und spannend aufbereitet. Die Backstage-Situationen erlauben effektvolle Bilder mit endlosen Gängen, verwinkelten Nischen, kostümierten Leuten, die sich nach dem Auftritt umziehen wollen. Wer hat im Alltag etwas zu verbergen, wer tut in seiner Rolle nur so? Konsumieren alle Drogen und Alkohol gegen den Leistungsdruck? Man kann den Überblick in diesem vorgeblichen Chaos hinter der Bühne verlieren, doch die Kommissare versuchen mit Ruhe und trockenem Humor einen Weg zwischen Premieren- und Ermittlungsstress zu finden. Ganz allein geht das nicht, denn die technische Einrichtung des Opernhauses ist hochkomplex. Nur eine behält die Nerven Einzig Eva Krüger, gespielt von der famosen Katja Bürkle, die jahrelang an den Münchner Kammerspielen engagiert war, weiß über alles Bescheid: Ursprünglich war sie Elektrikerin, inzwischen ist sie diejenige, die sämtliche Schlüssel hat, jedes Hintertürchen kennt und alle Computer für Gerätschaften, Hubpodien, Zugänge beherrscht. Sie behält die Nerven, auch als eine ermordete Rüstmeisterin entdeckt wird – aufgebahrt im Fahrstuhl und angetan mit der Robe der Königin der Nacht aus Mozarts „Zauberflöte“. Jemand hat sich viel Mühe gegeben, eine morbide große Oper für eine Leiche zu zelebrieren. Der nächste Tote, Aljoscha Stadelmann als Schuster und Death-Metal-Gitarrist Willi, baumelt hoch über der Bühne, ebenfalls grotesk herausgeputzt. Als die Kommissare eine verdächtige Person erspähen, macht sich ihre mangelnde Ortskenntnis bemerkbar. Während Ballauf noch der im Stil des Phantoms der Oper verkleideten verdächtigen Gestalt nachläuft, setzt diese Teile der Bühne in Bewegung und verschwindet unerkannt. Dazwischen ist schönste Musik zu hören, die Oper Köln hat es zugelassen, dass die Generalprobe ihrer „Schöpfung“, die tatsächlich 2024 herauskam, gefilmt wurde. Und man sieht, wie penibel die verschiedenen Hochleistungsgewerke zusammenarbeiten müssen, damit die Kunst funktioniert. Eine spektakuläre One-Woman-Show für die Kommissare Wer könnte etwas dagegenhaben und warum? Die Mutter des zeitweilig hier beschäftigten Countertenors wird es nicht sein, obwohl man ihr in der Darstellung der hinreißenden Judith Engel alles zutraut: verzehrende Liebe für den ungezogenen Sohn genauso wie glühende Abneigung wegen seiner Sperenzchen – und eine spektakuläre One-Woman-Show für die Kommissare sowieso. Während die Oper als „Kraftwerk der Gefühle“ (Alexander Kluge) auf übertemperierte Affekte schwört, wird in diesem psychologisch eindringlichen „Tatort“ dank der soliden Regie von Torsten C. Fischer mit leichter Hand durch die Kriminalstory geführt, mit witzigen Dialogen und feiner Ironie: „Ein Opernsänger ist ein Mensch, der singt, statt zu bluten, wenn man ihm einen Dolch ins Herz stößt“, sagt Schenk, der die Oper liebt, die in diesem Krimi wertgeschätzt und nicht als elitär, überflüssig oder gestrig abqualifiziert wird. So unterschiedlich die Welten, so freundlich der Umgang miteinander. Selbst Stephan Grossmann als leidgeprüfter Intendant, den es schmerzt, immer noch nicht ins Stammhaus zurückkehren zu können, tut, was man von ihm verlangt: Proben verschieben, Eingänge verschließen, Nerven bewahren. Wie sich herausstellt, ist vor Kurzem ein Leichnam verschwunden – und die panische Hannah Schiller als Choristin mit Alkoholproblemen wird freiwillig zur Ziege, die den Tiger anlocken soll. Der Tiger kommt. „Amen“ singt der Chor, ob links oder rechts des Rheins. Der Tatort: Die Schöpfung läuft am 11. Januar um 20.15 Uhr im Ersten.