Neujahrsgrüße aus Dresden: Stimmen im Kopf eines Mädchens, Tiere hinter Gitter, eine Frauenleiche in sehr viel Blut. Und wieder das Mädchen. Es taumelt zu düsteren Klängen und einem Meer aus Geräuschen in den Dresdner Hauptbahnhof. Wo es der Reizüberflutung mit einem gezückten Skalpell Herr zu werden versucht, entwaffnet wird und rätselhaft raunt: „Wir brauchen Hilfe.“ Ist die Verwirrte der nächste Beleg für „den ganzen Scheiß, zu dem Menschen fähig sind“? Der geht der Kriminalkommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) nicht aus dem Kopf. Bald darauf muss sie die aufgewühlte Amanda (Emilie Neumeister) verhören. Keiner weiß, wie die Sechzehnjährige mit Nachnamen heißt, wo sie wohnt, und von der Frauenleiche hat zu diesem Zeitpunkt noch niemand erfahren. „Da ist nun mal nicht die Feuerwehr zuständig“ Aber es klebt Blut auf dem Hemd der verlorenen Seele. „Da ist nun mal nicht die Feuerwehr zuständig“, witzelt Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach), der seit 2016 ermittelt, damals noch mit Henni Sieland (Alwara Höfels) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) im Team. Ein Publikumsliebling, wie man so sagt. Schnabel zeichnet sich nicht gerade durch Arbeitswut aus. Er hält die Angaben Amandas für wahnhaft. Was durchaus sein kann: Sie meint, mit einer Zwillingsschwester jahrelang eingesperrt worden zu sein. Der fürsorgliche Vater habe die Kinder auf diese Weise zu beschützen versucht: „Die Welt ist ein böser und gefährlicher Ort.“ Leonie Winkler glaubt dem Mädchen schon eher. Amanda ist dramatisch unterernährt. Sie hat Wunden einer Selbstverletzung am Arm, und Blutproben ergeben, dass sie länger kein Tageslicht sah. Das verleiht ihren Behauptungen eine gewisse Glaubwürdigkeit. In diesem Fall wäre Gefahr in Verzug: Amanda sagt, ihr Vater werde die Zwillingsschwester für ihr Verschwinden sicher mit dem Entzug von Nahrung und Wasser bestrafen. „Nachtschatten“, die erste Krimi-Arbeit von Viola Maria Schmidt, die bislang vor allem Drehbücher für die Kinderfilmreihe „Die Schule der magischen Tiere“ geschrieben hat, schlägt sich leider auf die Seite von Schnabel: Die dringliche Stimmung des Auftakts verpufft, weil sich Schmidt den Aha-Effekt für das Ende aufhebt. Auch die Bildgestaltung Roland Stuprichs (Regie Saralisa Volm) wird bieder und steif, als hätte ihn die Redaktion beiseitegezogen und an die Sehgewohnheiten der Zuschauer erinnert. Sehr betulich wird Amanda nun in eine Klinik gesteckt, wo ihr Winkler und die Psychologin Gülsüm Diallo (Abak Safaei-Rad) Hinweise zu entlocken versuchen. Parallelszenen zeigen die Zwillingsschwester in einem kameraüberwachten Verlies – aber das wirkt wie ein mäßig ambitioniertes Studiospiel. „Nachtschatten“ ist ein Film aus einer Backmischung, die nicht aufgeht, weil der Ofen die Temperatur nicht erreicht. Besser wird das erst, als die Ermittler den Ort des möglichen Verstecks eingrenzen und die Ergebnisse einer DNA-Untersuchung vorliegen. Die führen zu einem Mann (Maik Solbach), der vor 18 Jahren seine Tochter verlor und so aktenauffällig ist, dass sich Schnabel einen Kaffee aus der Pumpkanne genehmigt, Zucker nachkippt und prompt die Leiche der ermordeten Tierärztin entdeckt. So sehr die Filmmusik von Malakoff Kowalski brummelt und fiept: „Nachtschatten“ bleibt lauwarm. Und ein Ersatz für Karin Gorniak (Karin Hanczewski), die im Februar dramenfrei ausstieg und schon im Fall „Siebenschläfer“ im Oktober schmerzlich vermisst wurde, ist auch nicht in Sicht. Der Tatort: Nachtschatten läuft an Neujahr um 20.15 Uhr im Ersten.
