In dieser Studenten-WG des Grauens möchte niemand wohnen. Hannes Butenbeker (Michael Schweisser) ist ein Bilderbuchvertreter der Erscheinungsform „Rich Kid“. Er nimmt seine klammen Untermieter nicht nur finanziell aus, sondern beleidigt sie ohne Unterlass. Besonders auf Colin Trenkner (Mitja Over) hat er es abgesehen. Der habe sich ihm im Anzug vorgestellt, jetzt aber zeige er – mit Perlenkette, Leggings, Make-up und Gedichtvortrag im Kulturcafé –, wer er wirklich sei: ein schwuler Paradiesvogel im Selbstfindungsprozess. „Das kotzt mich so an. Jetzt muss ich jeden Tag Federn aufsammeln!“ Woke- und Dichteralarm im „Tatort“ also. Denn Colin sondert unablässig gebundene Rede ab, auch bei der Befragung durch die Polizei: „Wenn man nur einen retten könnte / vor all den Panthern, / die um Lämmer schnüren“. Vor solchen Ergüssen gibt es hier kein Reißaus, höchstens durch Abschalten. Das Papasöhnchen rastet aus Was Papasöhnchen Hannes direkt ausrasten lässt. Vorher schmeißt er noch eine entzweigerissene weiße Rose in den Topf mit den Baked Beans, die der arme Poet Colin auf kleiner Flamme erwärmt. Was soll uns diese Geste sagen? Eine Menge, scheint es. Der Klischeegegensatz zum hohlen Geldsack Hannes ist die kluge, zielstrebige Jurastudentin Karima Al-Sharquawi (Shirin Eissa), über die ihr Professor voller Bewunderung spricht. Das Mordopfer, ebenfalls Jurastudentin, bekommt nur ein verbales Schulterzucken: „I can’t even remember her face.“ Warum der Prof, der eben noch Deutsch sprach, als er im Riesenhörsaal den spärlichen Beifall der ermüdeten Zuhörer entgegengenommen hat, mit Hauptkommissarin Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) ins Englische wechselt, erschließt sich nicht. Vielleicht, weil dieser „Tatort“ von Radio Bremen zeigen will, dass es an der Uni nicht nur unmenschlich leistungsorientiert zugeht, sondern auch international? Für das mit seinem Studium und seinen Lebensumständen überforderte Mordopfer Annalena Höpken (Annika Gräslund) spielt das keine Rolle mehr. Lernnerd Karima indes ist immer noch sauer, denn sie hatte „Beef“ mit der Toten: „Es kann doch nicht sein, dass alles, was ich mir seit Jahren aufgebaut habe, infrage gestellt wird von einer weißen privilegierten Person, die aus einem reichen Haushalt kommt.“ Die Familie des Opfers ist bankrott Dabei, das finden Moormann und ihr lebenslustiger KDD-Kollege Patrice Schipper (Tijan Njie) heraus, ist die Familie von Annalena bankrott. Der Vater ist tot, Mutter Gabriele (Catrin Striebeck) arbeitet aus schierer Not, und was die 15-jährige Schwester Betty (Mathilda Smidt) unter dem Einfluss des Nachtclubgeschäftsführers Mike Hanisch (Niklas Marian Müller) treibt, beschäftigt die Ermittler. Kommissarin Linda Selb (Luise Wolfram) wird in „Wenn man nur einen retten könnte“ gleich von einem Junkie, der mal mit Moormann zur Schule gegangen ist, niedergeschlagen und ist außen vor. Moormann bemüht sich um einen Entzugsplatz, denn man gehe doch zur Polizei, um Leute zu retten. Die Kollegin dankt. Das ist aber alles einerlei in diesem misslungenen Akademikerschreck-„Tatort“, in dem Helen Schneider als Gerichtsmedizinerin noch erklärt, warum es keine gute Idee ist, Leistungsstress mit Drogen zu bekämpfen. Annalenas Leben war aus den Fugen, so entwerfen es Elisabeth Herrmann und Christine Otto in ihrem Drehbuch, das sie mit dem „Anspruch, die Atemlosigkeit unserer leistungsfixierten Gegenwart zu erzählen“, geschrieben haben. Bei ihrem erzwungenen Treppensturz war Annalena abgemagert und süchtig. Niemand half, niemand sprach mit ihr. Am Vorabend ihres Todes war noch Laslo Wolf (Joyce Sanhá) in die WG eingezogen, vielleicht hätte man sich angefreundet. Tja. Die Themen, die hier mit miserablen Rollenprofilen und schwerfälliger Handlung verhandelt werden, sind wichtig. Einsamkeit, mentale Probleme, mangelnde Studierfähigkeit, fehlende Motivierung, Geld- und Wohnungsnot, schlechte Berufsaussichten, äußerer Druck, all das bringt junge Erwachsene in Not. Das im „Tatort“ aufzugreifen, kann sich lohnen. Aber nur, wenn man davon fiktional erzählen kann. Das ist bei diesem Klischeegewitter nicht der Fall. Der Tatort: Wenn man nur einen retten könnte, am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.
