Das Spiel beim 1. FC Union Berlin schaute sich Tatjana Haenni noch nicht vor Ort an. Ihren Dienst als neue CEO von RB Leipzig beginnt die 59 Jahre alte Schweizerin ja auch erst zum 1. Januar. Rein faktisch war das Auswärtsspiel also kein Pflichtbesuch, doch auch in Abwesenheit half die neue Verantwortliche bereits, zumindest indirekt. Die Nachricht, dass sie als erste Frau die Chefin eines Fußball-Bundesligaklubs wird, ließ das überraschende 1:3 von RB in Berlin zur Randnotiz verkommen. Die Gegentore durch Oliver Burke, Ilyas Ansah und Tim Skarke konterte Tidiam Gomis lediglich mit dem zwischenzeitlichen Ausgleich, der in der zweiten Halbzeit aber nur drei Minuten Bestand hatte. War halt nicht der Tag der Leipziger. Die Richtung stimmt wieder Die Richtung, die das Fußball-Unternehmen in den vergangenen Monaten eingeschlagen hat, stimmt dagegen wieder. Auf einen Sommer voller Fragen folgte eine Hinrunde voller Antworten, die da lauteten: RB ist wieder da, Leipzig mischt mit der alten Strategie, Großtalente des Fußballs auf höchstem Niveau zu veredeln, wieder in der Spitze mit. Auch wenn der Rückstand auf den FC Bayern weiterhin immens ist, gibt es in Deutschland wenige bessere Fußballmannschaften als RB. Umso überraschender erfolgte nun der Eingriff ins Organigramm durch die Ernennung Haennis zur neuen CEO. Oliver Mintzlaff, Chef der Sportsparte bei Red Bull, versuchte, den Schritt als längst überfällig darzustellen. „Wir haben immer besprochen, dass wir noch einen CEO suchen, um diesen Klub als einen der absoluten Topklubs in Deutschland aufzustellen. Es war wichtig, jemanden zu finden, der zu uns passt, der in die Stadt passt, kompatibel ist mit der Geschäftsführung und mein höchstes Vertrauen genießt”, sagte er im Rahmen einer Gesprächsrunde der „Leipziger Volkszeitung“. Mintzlaff ist Haennis Vorgänger und Vorgesetzter zugleich. Vor ziemlich genau drei Jahren verließ er Leipzig, um nach dem Tod von Dietrich Mateschitz, dem Gründer des Getränkeherstellers Red Bull, als CEO in die Konzernzentrale zu wechseln. Seitdem war der Posten in Leipzig verwaist. Was die Frage nahelegt, wie wichtig eine Position sein kann, die drei Jahre unbesetzt bleibt. Bei RB Leipzig wurden die Aufgaben nach Mintzlaffs Abgang auf mehrere Schultern verteilt. Die drei Geschäftsführer Johann Plenge (Business), Florian Hopp (Finanzen) und Marcel Schäfer (Sport) leiteten die Geschäfte recht erfolgreich. Trotzdem entschied sich Mintzlaff nun, dem Trio jemandem überzuordnen. Was vor allem bei Plenge, der bisher als Vorsitzender fungierte, nicht nur Freude hervorrufen dürfte. Bei den Gesprächen mit Haenni war Plenge involviert, als Bonbon wird er im Rahmen der neuen Struktur zum Stellvertretenden Vorsitzenden der Geschäftsführung befördert. Ob die neue Konstellation greift, wird sich aber erst in der Praxis erweisen müssen. Auffällig offensiv wurde Haennis Teamfähigkeit hervorgehoben. Medialer Coup „Tatjana Haenni ist ein Teamplayer und wir sind überzeugt, dass sie gemeinsam mit Johann Plenge, Marcel Schäfer, Florian Hopp und dem gesamten Management-Team die nächsten Entwicklungsschritte des Klubs erfolgreich gestalten wird“, ließ sich Mintzlaff im Rahmen einer Klubmitteilung zitieren. Interessant dürfte ebenfalls sein, wo die Neue ihren Platz im weitläufigen Kosmos der RB-Fußballsparte, in dem auch Jürgen Klopp und Mario Gomez wirken, findet. Medial ist RB durch Haennis Verpflichtung zweifelsfrei ein Coup gelungen. Die erste Frau an der Spitze eines Bundesligaklubs brachte dem Standort in den vergangenen Tagen die oft fehlende Aufmerksamkeit. Dazu gilt Haenni als Frau, die gerne gegen den Strom denkt, andere Sichtweisen hat und sich von innovativen Ideen leiten lässt. Auch das scheint zum Klubprofil zu passen. „Tatjana Haenni ist kompetent, weltgewandt und klar. RB Leipzig wird sicher von ihr profitieren, allein schon, weil sie so viele unterschiedliche Erfahrungen in ihrer Karriere gesammelt hat“, sagt Katja Kraus, die 2003 bei Hamburger SV zur ersten Frau im Vorstand eines Bundesligisten wurde. Oliver Mintzlaff versuchte derweil, den Geschlechteraspekt nicht zu stark in den Vordergrund zu rücken, die positiven Effekte dürften ihm aber bewusst sein. „Ich schaue: Wer passt perfekt auf das Profil? Wenn es eine Frau ist: perfekt. Wenn es ein Mann ist, ist es ein Mann“, sagte er. Katja Kraus sagt dazu: „Ich glaube, dass es für Oliver Minzlaff bei der Entscheidung in jedem Fall eine Rolle gespielt hat, weil er damit einmal mehr zeigen konnte, dass RB Leipzig imstande ist, die Dinge anders zu machen als die Konkurrenz.“ Kennengelernt hatten sich Mintzlaff und Haenni in den USA, wo die Schweizerin als Direktorin für die Frauenliga arbeitete. Den Posten gab sie vor einigen Monaten auf. Zuvor hatte sich die ehemalige Nationalspielerin mehr als 30 Jahre lang beim Schweizer Verband, im europäischen Kontinentalverband UEFA und im Internationalen Fußball-Verband FIFA um den Frauenfußball verdient gemacht. „Sie ist Fußballspielerin gewesen und hat als Funktionärin in verschiedenen Rollen gewirkt. Sie hat ein tiefes Verständnis des Fußballgeschäftes und der politischen Dimension“, sagt Kraus. Nun wird sich Haenni erstmals in einem Klub beweisen müssen, dessen Fokus klar auf der Männerabteilung liegt. „Ich freue mich, dass es für die Entscheider bei RB Leipzig offensichtlich kein Aspekt war, dass Tatjana Haenni bislang ausschließlich im Frauenfußball gearbeitet hat. Fußball ist Fußball“, sagt Katja Kraus. Haennis Geschäftstüchtigkeit ist in der Branche bekannt, die Bedingungen in Leipzig dürften ihr entgegenkommen. RB ist kein durch viele Gremien lahmgelegter Tanker, das Publikum gilt als familienfreundlich. Die Last der Tradition muss Tatjana Haenni in Leipzig nicht schultern. Und das ist im modernen Fußball mehr, als es sich im ersten Moment anhören mag.
