Guido Buchwald, Jürgen Kohler, Karl-Heinz Förster – so heißen Spieler, die man im deutschen Fußball mit dem Begriff „Manndecker“ verbindet. Schon die Vornamen verraten dabei, dass ihr Wirken auf dem Platz ein paar Jahre her ist. Doch was vor Kurzem noch wie ein Anachronismus wirkte, ist in der Bundesliga plötzlich wieder zur Selbstverständlichkeit geworden: die Manndeckung. Spieltag für Spieltag sieht man die meisten Teams in zehn Eins-gegen-Eins-Duellen verteidigen. Stürmer folgen ihren Gegenspielern bis in die Abwehrlinie hinein, Innenverteidiger jagen ihnen am gegnerischen Sechzehner hinterher. Als Pep Guardiola 2015 mit Bayern gegen Barcelonas fulminante Sturmreihe, bestehend aus Lionel Messi, Luis Suárez und Neymar, in einem Drei-gegen-Drei verteidigen ließ und 0:3 verlor, hieß es hinterher, das sei naiv gewesen. Aktuell verteidigen die Münchener unter Vincent Kompany genau nach diesem Muster – ob der Gegner Paris heißt oder Heidenheim. Wie kam es zum Paradigmenwechsel? Zugegeben: Auch vor zehn Jahren gab es in der Bundesliga Mannschaften, die zumindest „mannorientiert“ verteidigten, insbesondere im Mittelfeldzentrum. Doch so weit wie die radikale Manndeckung heute ging das längst nicht. Was jedoch bereits vorhanden war, war der Grund für das Comeback der reinen Manndeckung: die Dominanz des Positionsspiels. Über die Nullerjahre hinweg wurde der Ballbesitzfußball „Marke Pep Guardiola“ zur prägendsten Taktik seiner Zeit und zur Inspiration für Trainer auf der ganzen Welt. Die modernsten und erfolgreichsten Teams ließen den Ball gut laufen, hatten eine systematische Raumaufteilung und suchten immer wieder den freien Mitspieler. Selbst wenn die Verteidigung die Räume eng machte, reichte das oft nicht mehr: Die Offensivspieler, technisch immer besser ausgebildet, waren fähig, selbst kleinste Zwischenräume zu bespielen. Was die Abstoßregel verändert hat Die Manndeckung war die einfachste Antwort darauf: Wenn der Gegner sehr gut darin ist, einen freien Mitspieler zu finden, muss man eben dafür sorgen, dass es keinen freien Mann mehr gibt. Die fein orchestrierten Ballbesitzmannschaften waren es nicht mehr gewohnt, gegen eine Manndeckung zu spielen. Hinzu kam ein zweiter Faktor: die Änderung der Abstoßregel 2019. Seitdem der erste Ball nicht mehr aus dem Sechzehner heraus gespielt werden muss, haben die Aufbauspieler es bedeutend einfacher. Auch darauf ist die Manndeckung die einfachste Antwort: Man erspart sich den Aufwand, auf die Anstoßvariante des Gegners zu reagieren (durch Übergeben von Gegenspielern oder Verschieben im Block), sondern verfolgt vorher festgelegte Gegenspieler im Eins-gegen-Eins. Für die Defensiven bedeutet die Manndeckung, dass Erfolg abhängiger von individuellen Zweikampfaktionen wird und man deutlich schwieriger Überzahlsituationen herstellen kann als zuvor. Deswegen ist das tiefe Verteidigen im sogenannten „Abwehrpressing“, also im hintersten Drittel des Spielfelds, die einzige Phase im Spiel, in der fast alle Teams von der Manndeckung auf ein 5-4-1-System umschalten und möglichst viele Spieler in die Abwehrarbeit einbeziehen (ehe in der Strafraumverteidigung zurück in die Manndeckung gewechselt wird). Die Offensiven wiederum müssen verstärkt mit Gegenbewegungen arbeiten. Es geht nicht mehr darum, zum freien Spieler zu passen, sondern darum, Räume zu öffnen und Gegner herauszulocken. So sind andere Kompetenzen gefragt als noch vor fünf Jahren. Der große Nachteil der Manndeckung ist ihre reaktive Natur: Teams richten sich in der defensiven Organisation allein nach Struktur und Abläufen des Gegners. Der große Vorteil: Sie üben immer Druck auf den Ballführenden aus. Der Torhüter als Schlüsselspieler Es gibt einen Spieler, der diese Rechnung der Manndeckung zunichtemachen kann: den Torhüter. Ihn kann man nicht manndecken, ohne einen anderen Gegner freizulassen. So ist der Torhüter der potentielle Überzahlspieler geworden. Solange der Torwart nicht aktiv mitspielt, könnte die Defensive ihn einfach in Ruhe lassen, alle Feldspieler zustellen und abwarten. Zum einen wollen viele Teams die Manndeckung aber gerade nutzen, um Druck zu machen. Zum anderen haben die meisten schnell realisiert, welch entscheidende Rolle der Schlussmann spielen kann, und binden ihn aktiv ins Aufbauspiel ein. Die typische Vorgehensweise der Defensiven gegen mitspielende Torhüter war in den vergangenen Jahren, dass ein Stürmer den Keeper anlief. Dafür wählte er den Laufweg so, dass er sich stets im Passweg zwischen Torwart und seinem bisherigen Gegenspieler bewegte, meist bogenförmig. Weil er mithilfe dieses sogenannten Deckungsschattens verhinderte, dass sein nomineller Gegenspieler angespielt werden konnte, war es nicht schlimm, dass er die Manndeckung aufgegeben hatte. Für die Offensiven ist es in einem solchen Szenario wiederum das Ziel, den „freien“ Innenverteidiger hinter dem Deckungsschatten zu finden. Ein verbreitetes Mittel sind „Klatschpässe“ der Sechser. Diese versuchen sich durch Anlaufen einen kleinen Bewegungsvorteil vor ihrem Manndecker zu verschaffen, um den Ball mit ein oder zwei Kontakten „über Eck“ zum Innenverteidiger zu bringen. Ein zweites Muster: Der Innenverteidiger verändert seine Position, um aus dem Deckungsschatten zu kommen. Bis vor Kurzem passierte das noch selten, weil viele Innenverteidiger sich scheuten, ihren Platz als letzter Mann zu verlassen und sich aktiv nach vorne ins Mittelfeld freizulaufen. Das trauten sich höchstens Spitzenmannschaften von offensiv denkenden Trainern wie Guardiola. Simone Inzaghi ließ bei Inter Mailand dann sogar alte Haudegen wie Francesco Acerbi ins Mittelfeld oder sogar auf die Flügel rotieren und erreichte damit zweimal das Champions-League-Finale. Inter gehörte zu den Vorbildern mit Signalwirkung. Erste Relativierungen deuten sich an Mittlerweile lassen viele Bundesligavereine ihre Innenverteidiger nach vorne freilaufen. Nicht nur die Bayern, die bei Abstößen häufig acht Feldspieler bis ins vorderste Angriffsdrittel schieben, um den Gegner mitzuziehen und den Raum für Torwart, Innenverteidiger und einen unterstützenden Sechser zu maximieren. Auch der VfB Stuttgart und der SC Freiburg spielen dieses Muster sehr aktiv. Es kommt in der Bundesliga also regelmäßig vor, dass anlaufende Stürmer überspielt werden und ein freier Innenverteidiger losdribbeln kann. Was tun die Manndeckungsdefensiven dann? Meistens reagieren sie ungerührt darauf, indem einfach der ballnächste Spieler wiederum seine Deckung zum Gegner auflöst und auf den dribbelnden Innenverteidiger schiebt. Bei den Bayern findet Luis Díaz dabei ein besonders gutes Timing. Dagegen fehlt es den Offensiven oft noch an Ruhe und Übersicht, um wiederum zügig den nächsten frei gewordenen Spieler zu finden. Obwohl also die Offensiven aus dem potentiellen Vorteil des freien Innenverteidigers bislang gar nicht übermäßig Kapital schlagen, macht sich im Defensivverhalten in der aktuellen Saison wieder vermehrte Vorsicht bemerkbar. Der erste Stürmer läuft vielerorts nicht mehr so forsch an wie oftmals in der vergangenen Spielzeit. Die Angreifer rücken langsam und schrittweise vor, drosseln zwischenzeitlich ihr Tempo oder verzögern kurzzeitig. Darauf reagieren wiederum Torhüter, indem sie langsam mit dem Ball nach vorne gehen, beispielsweise St. Paulis Schlussmann Nikola Vasilj. Nach dem überraschenden Comeback der Manndeckung wird diese Spielweise die Bundesliga mit Sicherheit noch eine Weile prägen, aber erste Relativierungen deuten sich an. Einzelne Mannschaften wie der VfL Wolfsburg oder Borussia Mönchengladbach setzten zuletzt auch wieder auf ein klassisches ballorientiertes Angriffspressing, das darauf abzielt, dem Gegner eine Seite des Feldes abzuschneiden. Die Bayern organisieren sich zum Start ihrer Defensivphasen weiterhin im Eins-gegen-eins, aber schieben auf den Mittelfeldpositionen ballorientierter als zuvor nach, sobald der Ball auf einen der beiden Flügel geht.
