FAZ 18.01.2026
11:23 Uhr

Taktik-Analyse: So funktioniert der Kovac-Fußball beim BVB


Unter Trainer Niko Kovac hat Borussia Dortmund an Stabilität gewonnen, aber dafür an Spektakel eingebüßt. Der Schlüssel: kluge Laufwege, maximales „Vordecken“ und eine fast risikolose Spielanlage.

Taktik-Analyse: So funktioniert der Kovac-Fußball beim BVB

Die Stimmung könnte prächtig sein. Mit 36 Punkten hat Borussia Dortmund gerade die beste Bundesliga-Hinrunde seit sieben Jahren beendet, ist am Samstag mit einem 3:2-Sieg gegen den FC St. Pauli in die Rückrunde gestartet, und hat vor den abschließenden Spielen der Champions-League-Vorrunde noch gute Chancen auf den direkten Einzug ins Achtelfinale. Niko Kovac hat in dieser Saison eine Mannschaft geformt, die vor allem schwer zu schlagen ist und in der Liga bislang nur in München verlor. Und doch löst der bisweilen pragmatische Ergebnisfußball keine großen Begeisterungsstürme aus. Weil er die Fans weniger mitreißt, als sie in Dortmund gewohnt sind. Kovac bedient sich beim BVB mehrerer aktueller taktischer Trends. Zunächst ist da die Manndeckung im Anlaufen des Gegners, die momentan so viele Teams praktizieren. Wobei die ballfernen Spieler schnell ballorientiert einschieben, sich also diejenigen, die zunächst weit vom Geschehen entfernt sind, in Richtung des Balles bewegen. Hohe Intensität und hohe Laufleistung Spielt der BVB Pressing auf einem der Flügel, ist der Außenverteidiger beziehungsweise Außenbahnspieler auf der gegenüberliegenden Seite dafür verantwortlich, sich von seinem Gegenspieler zu lösen und als Überzahlspieler die Abwehrlinie zu verstärken. Dabei hat Kovac seine Mannschaft auf eine hohe Intensität und eine hohe Laufleistung getrimmt, um das eins-gegen-eins-Anlaufen in einer besonders aggressiven Form ausführen zu können. Zum anderen folgen die Borussen dem Trend des „maximalen Vordeckens“ bei eigenem Ballbesitz, den Xabi Alonso in seiner Zeit bei Bayer Leverkusen besonders geprägt hat. Vordecken bedeutet, dass die hintersten Verteidiger in der Restverteidigung, sozusagen der Präventivverteidigung im eigenen Ballbesitz, so nah wie möglich an die gegnerischen Konterspieler heranschieben, um bei einem Ballverlust des eigenen Teams sofort Zugriff auf diese zu haben. Dafür steht der BVB mit der letzten Linie häufig 20 oder 25 Meter in der gegnerischen Spielhälfte. Auch wenn das manchmal riskant aussieht, ist es vielmehr ein wichtiger Schlüssel für die auffällige Stabilität der Dortmunder in dieser Saison. Hinzu kommt, dass dem BVB ohnehin nicht allzu viele (gefährliche) Ballverluste unterlaufen, weil die Spielanlage in Ballbesitz recht risikolos ist. Aus einem Dreieraufbau über die drei Innenverteidiger spielt Kovacs BVB viel um gegnerische Defensivblöcke herum – und lieber nicht zu oft in die Zwischenräume hinein. Genau darauf ist dann auch die weitere mannschaftliche Struktur bei Ballbesitz ausgerichtet: Die Spieler auf den zentralen Mittelfeld-Positionen – abgesehen höchstens von Felix Nmecha – bewegen sich oft nach außen und damit in Räume hinein, in denen sie schwerer unter Druck zu setzen sind. Marcel Sabitzer beispielsweise läuft oft in eine halbrechte Position und befindet sich dann quasi auf einer diagonalen Linie zwischen dem rechten der drei Innenverteidiger und dem weit nach vorne aufgerückten rechten Flügelverteidiger. Gegen die in der Bundesliga zumeist eher abwartend agierenden Gegner, lässt sich der Ball so leicht in die letzte Linie auf der Außenbahn transportieren. Weil Sabitzer sich mit dieser Bewegung Abstand vom gegnerischen Block im Zentrum verschafft, ist die Gefahr von Ballverlusten gering. Wenn Karim Adeyemi in der Startformation steht, besteht die Möglichkeit, dass der schnelle und dribbelstarke Nationalspieler die Aufgabe, eine Anspielstation ganz außen zu schaffen, vom rechten Flügelverteidiger übernimmt. Damit er leichter in Eins-gegen-Eins-Duelle auf der Außenbahn kommt. Der rechte Flügelverteidiger verschiebt dafür entgegengesetzt von außen nach innen, besetzt den Halbraum zwischen Außenbahn und Zentrum und versucht, die Gegner dort möglichst zu binden – und so von Adeyemi fern zu halten. Mit Julian Ryerson hat der BVB für diese Position einen kampfstarken Spielertypen, der auch gerne mal mit seinem Körper einen Block gegen einen Gegenspieler setzt, um diesen beim Verschieben in Richtung Adeyemi zu stören. Kurze Anspiele auf die Sechserposition, die den Gegner locken und im Zentrum zusammenziehen sollen, nutzt der BVB, um die öffnenden Pässe nach außen vorzubereiten. Felix Nmecha, mittlerweile unumstrittene Stammkraft, hat sich im Laufe der vergangenen Monate mit seiner Ballsicherheit als wichtiger Ankerpunkt vor der Abwehrreihe etabliert, der dem BVB in den Jahren zuvor oft schmerzlich fehlte. Auch die frühen Diagonalbälle, die aus der Dreierkette direkt in die letzte Linie gespielt werden, werden so möglich. Brandt setzt sich häufig gut ab Geht es darum, die stark auf den Flügel konzentrierten Dortmunder Angriffe auszuspielen, kommen dann wiederum die Seitwärts-Bewegungen von Sabitzer ins Spiel. Wenn der sogenannte „Breitengeber“ – also der Stürmer oder Flügelverteidiger, der ganz vorne und ganz außen positioniert ist – den Ball in der letzten Linie führt und sich, etwa weil ihm zwei Verteidiger gegenüberstehen, für einen Rückpass entscheidet, läuft Sabitzer häufig sehr nah heran, um unmittelbar danach aus der Flügelzone eine Flanke zu schlagen. Das ist für die Defensive zu diesem Zeitpunkt unangenehm zu verteidigen, weil sie nach dem Rückpass meist gerade begonnen hat nach vorne aufzurücken. Bei diesen „Halbfeldflanken“, wie auch allgemein bei hohen Seitenverlagerungen, kann dann auch der Mittelfeldspieler auf der ballentfernten Seite für Gefahr sorgen, wenn er sich klug bewegt. Julian Brandt zum Beispiel ist sehr gut darin, aus einer zentralen offensiven Mittelfeldposition zu starten und sich in ballferne Zonen abzusetzen. So entgeht er dem Zugriff der gegnerischen Defensivspieler, die entgegengesetzt zur Ballseite schauen und häufig ihren Körper in diese Richtung gedreht haben. Brandt schleicht sich in ihrem Rücken weg und lauert im Bereich des zweiten Pfostens, wenn der Gegner bereits in die Strafraumverteidigung zurückgefallen ist. Oder er lauert im Schatten des ballfernen gegnerischen Außenverteidigers, wenn der Defensivblock noch etwas höher steht. Diese Bewegung ergänzt sich klug mit den Läufen des jeweiligen Dortmunder Flügelverteidigers, der häufig auf Höhe der gegnerischen Abwehrlinie in entgegengesetzter Richtung vom Flügel nach innen zieht (siehe Grafik). So kann er gelegentlich die Verteidiger in die Mitte binden und dem Mittelfeldkollegen zusätzlichen Raum verschaffen. Daniel Svensson hat ein gutes Timing für diese Horizontalläufe und zieht häufig bis in die Sturmmitte. Gefahr für Unentschieden steigt Ein Paradebeispiel dafür, wie die Seitwärts-Bewegungen der Dortmunder Zentrumsspieler mit den Läufen der Dortmunder Flügelverteidiger zusammenwirken, war das 1:0 durch Brandt gegen Borussia Mönchengladbach im letzten Spiel vor der Winterpause. Aber auch der späte 3:3-Ausgleichstreffer Anfang Januar in Frankfurt fiel aus einer Halbfeldflanke von Sabitzer nach kurzem Rückpass. Der starke Fokus auf Angriffe über die Flügel bedeutet aber auch manche Einschränkung. Wenn das Timing zwischen den Läufen der beteiligten Spieler nicht stimmt und die vorbereitende Ballzirkulation nicht technisch sauber gelingt, werden die Angriffsmuster gleich deutlich leichter zu verteidigen. Zudem agieren die „Breitengeber“ auf den Außenstürmerpositionen oft recht hektisch und schlagen unnötig frühe Flanken. Die Dortmunder Spielanlage ist aber auch keine, die für die ganz großen Torausbeuten steht, sondern mehr für einen ruhigen, abgesicherten und stabilen Stil. Nach der Hinrunde hatten die Dortmunder die zweitbeste Abwehr, aber nur den viertbesten Sturm. Ist das Ergebnis knapp, steigt zudem die Gefahr für Unentschieden. Bereits sechs gab es für den BVB in dieser Saison. Das Potential, mehr Tore zu schießen, hat Dortmund besonders durch seine außergewöhnlichen Einzelspieler in der Offensive. In dieser Hinsicht hat Kovac es seit seinem Amtsantritt relativ schnell verstanden, kluge Personalentscheidungen zu treffen. Der oft umstrittene Julian Brandt, Serhou Guirassy und auch Maximilian Beier sind allesamt als Unterschiedsspieler enorm unterschätzt. Obwohl die viel beachteten Torquoten bei diesen Spielern nicht durchgängig stimmten, weicht Kovac kaum davon ab, ihnen viel Spielzeit zu geben. Guirassy, Brandt und Co. verleihen dem Team jenseits des grundsätzlich flügellastigen Offensivspiels auch im Zentrum ein gewisses Gefahrenpotential. Bei den aggressiven Vertikalpässen von Nico Schlotterbeck direkt in die Spitze, die der Dortmunder Kapitän immer wieder und teilweise auf Verdacht einstreut, können sie mit schnellen Kombinationen aus dem Nichts Gefahr entfachen.