FAZ 26.11.2025
14:01 Uhr

Tagelöhner im Ostend: „Ausladen, Heben, Schleppen – alles, wofür man keine Ausbildung braucht“


Jeden Tag und zu jeder Jahreszeit stehen sie auf dem Arbeiterstrich. Rumänen und Moldauer auf der Suche nach einem Einsatz für einen Tag. Zwei Gelegenheitsarbeiter erzählen.

Tagelöhner im Ostend: „Ausladen, Heben, Schleppen – alles, wofür man keine Ausbildung braucht“

Es muss gute Gründe geben, um sich an einem frühen Novembermorgen an den Straßenrand zu stellen. Die ersten schwachen Sonnenstrahlen scheinen durch den Nebel, der Boden ist noch feucht vom Tau, und die Luft ist eisig kalt. Im Frankfurter Ostend, da, wo der Sky­tower der Europäischen Zentralbank in den sich langsam erhellenden Herbsthimmel ragt, scheinen einige Männer einen guten Grund dafür zu haben. In Handwerkerkluft stehen sie am Straßenrand, warten, rauchen. Mit der aufgehenden Sonne wächst die Gruppe. Ihre Rucksäcke haben die Männer in den Nischen der Kellerfenster abgestellt. Jeder Neuankömmling wird mit Handschlag begrüßt. Offenbar handelt es sich um eine eingeschworene Gemeinschaft. Ein groß gewachsener Mann in grün­lichem Anorak könnte der Anführer sein. Sein Äußeres passt nicht zum Rest der Truppe: Er ist ordentlicher gekleidet, trägt weiße Turnschuhe und eine enge Jeans. Vielleicht grüßen die meisten ihn deshalb zuerst. Vielleicht aber auch, weil er lieber redet als die anderen. Er erklärt, die Männer warteten auf Gelegenheitsarbeit, auf einen Verdienst für den Tag. Dafür stehen sie fast jeden Morgen hier, an der schmalen Howaldtstraße oder etwas weiter, an der Sonnemannstraße. Die meisten aus der Gruppe kämen aus Moldau. Sie warten auf Gartenbau­betriebe und Handwerker, die auf kleinen Baustellen ein bisschen Unterstützung brauchen: Ausladen, Heben, Schleppen – alles, wofür man keine Ausbildung braucht und kein Deutsch sprechen muss. Im Job-Center ist es komplizierter Petru, der wie alle anderen Männer in diesem Text eigentlich anders heißt, ist einer der wenigen hier, die auf Deutsch kommunizieren können. Auf die Frage, weshalb er hier in der Kälte steht, um auf Arbeit zu warten, statt sich bei einer der vielen Arbeitsvermittlungen anzumelden, reagiert Petru zurückhaltend. Es sei komplizierter im Job-Center, sagt er, und es dauere lange. Hier wartet man manchmal ein paar Tage auf Arbeit, aber nie länger. Auf diesem Weg verdienen sie 100, 150, mitunter bis zu 200 Euro am Tag. Einen Stundenlohn von 15 Euro erwarte er mindestens. Aber wenn man Pech habe, werde man betrogen und bekomme am Ende des Tages gar kein Geld. Petru erzählt, dass die Männer in Arbeiterunterkünften in Offenbach lebten, also einmal kurz über die Brücke in der ärmeren Nachbarstadt, zu zweit in einem Zimmer. Der Hausmeister habe ihnen die Wohnung vermittelt, auch er komme aus Moldau. Einen Ausweis habe Petru natürlich, manche hätten keinen. Einige seien mit einem gefälschten Pass unterwegs. Mehr möchte er nicht sagen. Eine knappe halbe Stunde wird vergangen sein. Langsam wird die kleine Gruppe etwas ungeduldig und verstreut sich in Richtung der Son­nemannstraße. Dort steht auch Vasile, ein kräftiger Mann, der sich manchmal lieber etwas abseits der anderen hält. Seinen kleinen Rucksack stellt er nicht auf dem nassen Boden ab. Er kommt aus Rumänien und ist mit seinen 60 Jahren wohl der älteste der Männer. Maurer habe er in Rumänien gelernt, „damals, im Kommunismus“, erzählt er. Dazu macht er eine verächtliche Handbewegung, als wolle er die Erinnerung an diese Zeit gleich wieder vom Tisch wischen. In der osteuropäischen Heimat habe er drei Kinder, sein ältester Sohn heirate bald. Vasile hofft, bald Opa zu werden, und ein bisschen leuchten seine Augen, wenn er davon spricht. Ansonsten wirkt er eher gleichgültig, arrangiert mit seiner Situation. Die Arbeit sei schwer in seinem Alter, gibt er zu. Seine Knie täten ihm weh. Normalerweise würde er bei seinen Landsleuten eine Straßenecke weiter stehen. Aber heute sei er der einzige Rumäne, deshalb habe er sich den Moldauern angeschlossen. Mit denen könne er sich verständigen, auch wenn sie einen merkwürdigen Dialekt hätten. Auch Vasile lebe in einer Arbeiterunterkunft in Offenbach, leiste sich dort aber ein eigenes Zimmer, sagt er. Wenn die anderen Männer am Wochenende viel trinken und rauchen, sei er froh, die Zimmertür hinter sich schließen zu können. Damit wolle er nichts zu tun haben. Sicher, auch er habe früher viel geraucht, manchmal zwei Schachteln am Tag. Aber die Zeiten seien vorbei. „Schlecht für die Lunge“, erklärt er. Auf einen Schreibtischjob ist er nicht neidisch Er schaue am Wochenende lieber Fernsehen und besuche manchmal seine Schwester und seinen Neffen, die in Frankfurt leben. Ob er wisse, wer im schicken Hochhausturm hinter ihm arbeite? „Ja, natürlich, Europäische Zentralbank.“ Mehr kann er dazu nicht sagen, und es wirkt auch nicht so, als ob ihm das wichtig sei. Ja, manchmal sehe man Männer in Anzügen auf der anderen Straßenseite. Aber nein, man käme sich nicht in die Quere. Neidisch sei er nicht auf die warmen Büros und Schreibtischjobs. „Die haben eine gute Ausbildung und ich nicht“, sagt Vasile etwas lapidar und irgendwie ehrlich. Eineinhalb Kilometer von hier, in der Innenstadt, sitzt Klaus Schäfer. Er unterstützt Langzeitarbeitslose und bietet schwer Vermittelbaren selbst Arbeitsge­legenheiten. Eine fehlende Ausbildung sei ein zentraler Grund, warum die Männer am Straßenrand auf Arbeit warten, sagt er. Die Situation an der Sonnemannstraße kennt er seit Jahrzehnten und sagt: „Kein Mensch verlässt sein Land, wenn es ihm dort gut geht. Sie suchen ihr Glück in anderen Ländern und wissen, dass sie dafür arbeiten müssten.“ Zur mangelnden beruflichen Qualifikation kämen Sprachbarrieren hinzu, und fehlendes „Systemwissen“, wie man in der Sozialen Arbeit sagt: „Manche Männer wissen nicht, dass es so etwas wie ein Ar­beitsamt und eine Tagelöhnerbörse gibt. Andere Wege der Arbeitssuche sind ihnen einfach nicht bekannt.“ Auf Vasile, der anders als die meisten anderen Gelegenheitsarbeiter Deutsch spricht und eine abgeschlossene Maurerausbildung hat, trifft all das nicht zu. Acht Jahre lang, erzählt er, habe er ein angemeldetes Baugewerbe gehabt, quasi als Ein-Mann-Unternehmen in der Branche. Auch seine Frau sei damals in Deutschland gewesen und habe in der Gastronomie gearbeitet. Sie hätten zu zweit in einer kleinen Wohnung gelebt. Aber im Herbst vergangenen Jahres gaben sie dieses Leben auf. Seine Frau sei nach Rumänien zurückgegangen, Vasile steht heute am Straßenrand und wartet auf Gelegenheitsarbeit. „Wohnung, Auto, Steuer – alles sehr teuer“, erklärt der Rumäne. Dass er jetzt eben schwarz arbeite, sagt er lieber nicht. „Manchmal dauert es lange, Arbeit zu finden“ Neunhundert Meter östlich vom „Handwerkerstrich“ verlässt Victor das Job-Center Frankfurt-Ost. Er wirkt gestresst, als müsse er sich beeilen, um den Tag zu nutzen. Wie die Tagelöhner trägt Victor Handwerksklamotten. Er gibt zu, dass er vom Handwerkerstrich gehört habe, selbst aber andere Wege nutze, um eine Arbeit zu finden. Denn Schwarzarbeit käme für ihn nicht infrage. Ganz im Gegenteil: Er möchte beim Job-Center bleiben, möchte sich nicht frühmorgens an die Sonnemannstraße stellen. Denn die Behandlung im Job-Center sei gut, sagt er. „Manchmal dauert es lange, Arbeit zu finden“. Aber das lohne sich, man kümmere sich zuverlässig um ihn – und es sei weniger kalt als um halb sieben im Ostend. „Außerdem habe ich hier eine Versicherung. Niemand kann mich über den Tisch ziehen. Wenn man gut Deutsch spricht, ist es schon viel einfacher im Job-Center. Und natürlich musst du die richtigen Papiere haben“, merkt Victor an. Er redet zwar nur gebrochenes Deutsch, wurde aber in Deutschland geboren und hat deshalb ebenjene „richtigen Papiere“. Victor muss nun weiter, denn er hat eine neue Anstellung erhalten und will nicht zu spät kommen. Dass die Moldawier, Rumänen und Po­len an der Sonnemannstraße stünden, weil ihnen Dokumente fehlten, kann Antonietta Pietroluongo nicht bestätigen. Sie ist Mitarbeiterin des Job-Centers Frankfurt am Main. Ob die Menschen aus der EU kämen oder nicht, mache bei der Ar­beits­vermittlung keinen Unterschied. Sowieso wisse man nicht viel von den Tagelöhnern. „In diesen Fällen handelt es sich ja eher um Schwarzarbeit. Für so etwas ist das Hauptzollamt zuständig. Uns sind keinerlei Daten über die hiesigen Zustände bekannt.“ Es handelt sich hier also um einen Fall für den Zoll; und auch für die Polizei. „Vielleicht kommt die Polizei bald zurück“ Zurück an der Sonnemannstraße: Seit einer Stunde schauen die Handwerker auf die Straße, auf der Lieferwagen vorbeifahren. Manche biegen sogar in die Howaldtstraße ein, doch keiner hält an. Die Kippenstummel vermehren sich, und die Gruppe wächst weiter. Doch dann kommt ein Auto, ein Mercedes-Sprinter, vor der Gruppe zum Stehen. Jedoch sitzen darin keine Arbeitgeber; es ist ein Polizeiwagen auf Streife. Noch vor acht Uhr fordert die Polizistin alle Anwesenden auf, ihre Ausweise zu präsentieren. Die Handwerker zeigen ihre Dokumente vor. Ausgerechnet Petru, der Moldauer, der kurz vorher von gefälschten Ausweisen geredet hat, scheint jetzt kein gültiges Dokument zu haben. Die Polizei nimmt ihn und einen anderen Moldauer in ihrem Wagen mit. Die Gruppe löst sich auf, die Handwerker verschwinden in den Nebenstraßen, bis auch der letzte nicht mehr zu sehen ist. „Vielleicht kommt die Polizei bald zurück“, sagt Vasile schnell, bevor er sich zu zwei Polen ein paar Häuser weiter stellt. Wenige Minuten später ist er da. Auch die anderen kommen langsam dazu, sogar Petru taucht etwa eine halbe Stunde später wieder auf. Auf der Dienststelle sei er gewesen, ein Problem habe es dort nicht gegeben. Alles nur, weil er keinen Ausweis gehabt habe, erzählt er ganz selbstverständlich. Ob er den zu Hause vergessen habe – da lacht Petru verschmitzt. „Nein, nicht vergessen“, sagt er vielsagend und redet lieber nicht weiter. Inzwischen ist es Nachmittag im Frankfurter Ostend, und von den Handwerkern fehlt jede Spur. Entweder haben sie Arbeit gefunden, oder sie sind zurück nach Hause gefahren, um morgen früh wiederzukommen. Zurück bleiben nur die Zigarettenstummel an der Bordsteinkante. Dort, am Straßenrand, steht jetzt eine andere Person. Statt Engelbert Strauss trägt sie eine Lederjacke. Früher warteten sie zu Dutzenden auf Arbeit Markus lebt in der Howaldtstraße und wartet nicht auf Gelegenheitsarbeit, sondern auf seine Mutter, um mit ihr essen zu gehen. Er wohne schon seit ein paar Jahren in dem Viertel, erzählt er, und wisse natürlich vom „Handwerkerstrich“, als den er die Ecke Sonnemannstraße und Howaldtstraße ungeschönt bezeichnet. Er kommt aus Frankfurt und erinnert sich, wie die Arbeiter früher auf der anderen Straßenseite, vor der Großmarkthalle, auf Anstellung warteten. „Zu Dutzenden standen sie dort, nicht nur morgens, sondern den ganzen Tag über.“ Der EZB-Turm war noch nicht da, doch die Großmarkthalle zog Gewerbe aus ganz Frankfurt an. Das riesige Gebäude ist auch heute noch zu sehen. Inzwischen beherbergt es allerdings Zentralbanker statt Händler. Im Vorbeifahren habe man die Handwerker oft beobachten können. Damals, gegen Ende der Nullerjahre, seien es noch hauptsächlich Polen gewesen. „Von den Tagelöhnern wussten wir alle“, sagt Markus. „Wenn du mal ’ne Tapete kleben musstest, bist du hingefahren, hast dir einen oder zwei von ihnen mitgenommen und einen fairen Preis ausgehandelt.“ So wie Markus es erzählt, klingt es einfach und unproblematisch. Er schwelgt in Erinnerungen an diese Zeit, weil er nicht versteht, dass man sich heute über die Handwerker beschwert. Begonnen habe diese negative Haltung gegenüber den Tagelöhnern mit dem Bau des EZB-Gebäudes. Man habe angefangen, die Handwerker der anderen Straßenseite wegzuschicken. „Die wollen aus dem Ostend ein Bankenviertel machen“, sagt Markus und schaut auf die 184 Meter hohe Glasfassade. Seit dem Bau des Wolkenkratzers habe sich viel verändert in der Gegend – er meint die Gentrifizierung des einstigen Arbeiterviertels zu einer Gegend, in dem ein Handwerkerstrich keinen Platz haben soll. Als Anwohner wisse er aber, dass die Leute, die dort im Morgengrauen warten, nur nach Arbeit suchen und niemandem Probleme machen. „Die quatschen, rauchen, lachen – was ist daran schlimm?“ Ähnlich sieht das auch die Polizei, die bei ihren Routinekontrollen wenige Auffäl­ligkeiten beobachtet. Nur vereinzelt komme es vor, dass Polizisten Delikte wie etwa Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz oder Urkundenfälschung bei den Handwerkern feststellen. Die letzte Anwohnerbeschwerde sei im Juli bei der örtlichen Dienststelle eingegangen, wie das Frankfurter Polizeipräsidium berichtet. Anlass war Ruhestörung durch lautes Reden und das An- und Abfahren von Fahrzeugen. Eine Gefahr für die Sicherheit der Anwohner sieht das Polizeiprä­sidium in der Situation nicht. „Dass Anwohner sich durch die Situation in ihrem Wohlbefinden gestört fühlen, ist sicherlich die subjektive Wahrnehmung des Einzelnen“, informiert die zuständige Dienststelle. Weil man den Handwerkern keine Schwarzarbeit nachweisen kann und sie auch keine Bedrohung sind, toleriert man sie; seit Jahrzehnten. Und so kommen sie jeden Tag wieder. Am nächsten Morgen schneit es, als sich die Handwerker wieder an der Son­nemannstraße treffen. Dieses Mal sind keine Moldauer dabei, sondern nur Rumänen. Auch Vasile steht wieder da. Er habe schon in vielen Städten gearbeitet, in Düsseldorf und München zum Beispiel. „Aber Frankfurt ist am besten“, erklärt er. Bald wolle er nach Rumänien fahren. Arbeit gebe es im Winter sowieso keine, weder hier noch dort. Vielleicht war dieser Morgen einer der letzten, den er an der Sonne­mannstraße verbracht hat, wie er sagt: „Vielleicht komme ich nächstes Jahr nicht mehr nach Deutschland. Aber das sagen wir alle jedes Jahr.“