Die Olympischen Winterspiele finden in diesem Jahr in Mailand stand. Und in Cortina. Und in Bormio und in Antholz und und und. Was macht das mit dem „Olympia-Feeling“? Das Tagebuch unserer F.A.Z.-Reporter in Italien. Tag 2 – Für was denn entschuldigen? Da ist er also. Seit Donnerstag beehrt der Vizepräsident der Vereinigten Staaten die Hauptstadt der Lombardei – eine Ehre, auf die viele in Mailand wohl liebend gern verzichtet hätten. Noch bevor sich J. D. Vance aufmachte, hatte er in einem Interview sehr deutlich formuliert, dass er keinen Grund sieht, die Eltern von Alex Pretti um Entschuldigung zu bitten. Die Eltern des Mannes, der am 24. Januar in Minneapolis, Minnesota, auf offener Straße von Beamten der Immigration and Customs Enforcement erschossen worden war: „Für was?“, fragte Vance zurück. Das ist der Ton, den die amerikanische Regierung diesen angeblich so neutralen Spielen injiziert. Kaum in Mailand angekommen, ließ sich der Vize beim Eishockeyspiel der Amerikanerinnen gegen die Tschechinnen blicken. Dort fand der Trainer John Wroblewski die Unterstützung „awesome“, großartig: Wroblewski „liebt die Anwesenheit unserer Regierung“. Anderenorts hat mindestens eine amerikanische Athletin sich vor derartiger Vereinnahmung verwahrt – und eine Art Antidot formuliert. In Predazzo bereitet sich Jessie Diggins aus St. Paul, der Nachbarstadt von Minneapolis, auf die Langlaufrennen vor. Diggins hat Gold, Silber und Bronze bei Olympischen Spielen gewonnen, aber sie hat offensichtlich verstanden, dass es diesmal um mehr geht. Sie schrieb auf Instagram: „Ich will sicherstellen, dass ihr wisst, für wen ich bei den Olympischen Spielen an den Start gehe. Ich trete für ein amerikanisches Volk an, das für Liebe, Akzeptanz, Mitmenschlichkeit, Ehrlichkeit und Respekt der anderen einsteht. Ich stehe nicht für Hass oder Gewalt oder Diskriminierung. Ich entscheide, für wen ich antrete und wie ich meinen Werten treu bleibe, jeden einzelnen Tag. Jedem, der für seine Mitmenschen eintritt, seine Nachbarn schützt und Menschen mit Liebe gegenübertritt – jeder meiner Schritte ist für euch. Ihr gebt mir den Stolz, die Flagge zu tragen; ich hoffe, ich kann euch Freude machen in den nächsten Wochen.“ Es gibt Spiele, bei denen man nicht neutral bleiben kann. Jessie Diggins hat das verstanden. (chwb.) Tag 1: Peking, ja, Peking Buongiorno, andiamo, Mila – no, no, no. Piano, piano. Nicht so schnell. Mag ja sein, dass es nun losgeht mit den „giochi olimpici invernali, stile italiano“, „mit den Olympischen Winterspielen im italienischen Stil“. Aber wo die Welt zusammenkommt, erinnern sich die Chinesen an Peking. Auch in Mailand. Vor allem in Mailand. Der Reporterin, die IOC-Präsidentin Kirsty Coventry die erste Frage auf deren Pressekonferenz am Mittwoch stellen darf, kommen nach eigenem Bekunden fast die Tränen, weil es auf den Tag vier Jahre her ist, dass in Chinas Hauptstadt die Covid-Spiele begannen. Tags zuvor hat Giovanni Malagò, der Cheforganisator der Spiele von Mailand und Cortina, schon eine ähnliche Frage gestellt bekommen von der Reporterin des chinesischen Staatsfernsehens: An was sich Signore Malagò erinnere, wenn er an die Spiele von Peking denke. Giovanni Malagò ist ein distinguierter Mann. Sein Vater verkaufte in Rom Ferraris, der Apfel fiel nicht weit vom Stamm, der Sohn ging dort in die Lehre. Giovanni Malagò ist ein Mann, dem man auch, sagen wir, einen 50 Jahre alten Maserati Bora ohne Probefahrt abnehmen würde, wenn er ihn empfiehlt. Auf die Frage der chinesischen Reporterin aber reagierte Giovanni Malagò mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der am Rand der strada statali einen Maserati Bora entdeckt, der auf der Fahrt in den Süden unliebsame Bekanntschaft mit der Straßenbegrenzung gemacht hatte. Falten, Knautschzone und ein von profunder Traurigkeit durchdrungener Blick des Signore. Peking, antwortete Malagò, ja, Peking. An die drei einsamen Wochen im Hotelzimmer des Quarantänehotels in der Nähe des Flughafens, daran erinnere er sich. Andiamo, Milano. (chwb.)
