Die Olympischen Winterspiele finden in diesem Jahr in Mailand stand. Und in Cortina. Und in Bormio und in Antholz und und und. Was macht das mit dem „Olympia-Feeling“? Das Tagebuch unserer F.A.Z.-Reporter in Italien. Tag 6 – Kein Zugang zu Winterspielen Wir schreiben das Jahr fünf nach Angela Merkels Amtszeit als Kanzlerin, die Spiele der XXV. Olympiade haben begonnen. Kirsty Coventry vertritt das Internationale Olympische Komitee (IOC), Giorgia Meloni repräsentiert Italien als Regierungschefin. Die Ski-Olympiasiegerinnen Deborah Compagnoni und Sofia Goggia und die Skispringerin Katharina Schmid gehörten als Flammen-Entzünderinnen und Fahnenträgerin zu den Hauptpersonen der Eröffnungsfeier. Frauen werden beschimpft, verprügelt und getötet, weil sie für ihre Rechte kämpfen. Sie werden sogar attackiert, geschmäht, wenn sie das Feuer entzünden oder die Fahne ihres Teams tragen. Dabei haben sie errungen, dass Mädchen selbst entscheiden können, ob sie Bundeskanzlerin oder Olympiasiegerin als Berufsziel wählen wollen. Trotzdem klafft noch immer eine Lücke beim größten Sportfest der Welt. Eine Gruppe von Frauen fehlte bei der Eröffnungsfeier, und sie wird bei den Wettkämpfen im Val di Fiemme fehlen. Nicht weil sei verletzt, gesperrt, zu schwach oder zu schlecht sind. Die Nordischen Kombiniererinnen dürfen nicht mitmachen, weil sie Frauen sind. Sie können nur zuschauen, weil das IOC für sie keine Wettkämpfe bei den Olympischen Spielen vorsieht. Sie sind Pionierinnen, Spitzenathletinnen, Weltmeisterinnen, stürzen sich genauso mutig wie Männer eine Schanze hinunter, verausgaben sich in der Loipe. Aber Olympiasiegerinnen dürfen sie nicht werden. Seit mehr als 100 Jahren ist die Nordische Kombination (Noko) Teil des olympischen Programms – als geschlossene Männergesellschaft. Es ist Zeit, dass das IOC die Frauen hereinlässt. Sie haben es verdient, ihre Leistungen nicht nur im kleinen Noko-Kosmos zu zeigen, sondern auch auf der größten Bühne des Sports. (jbc.) Tag 5 – Patriarchin beim Curling Beim Mixed Doubles sind die Rollen klar verteilt. Er wischt und sie gibt die Anweisungen. So zu erleben in der Curling-Halle von Cortina d’Ampezzo, wo in der gemischten Variante seit Mittwoch um olympische Ehren gespielt wird – und an diesem Dienstag die Finalspiele anstehen. Zehn Paare waren an dem munteren wisch und weg beteiligt, die Strukturen erwiesen sich als deckungsgleich. Sie warf jeweils den ersten Stein. Er durfte sich danach dreimal austoben. Doch zum Schluss, bevor abgerechnet wurde, war sie wieder dran. Nach kritischem Blick ins House: „Wie sieht‘s denn hier aus?“ Um dann zu versuchen, mit weiblicher Hand finale Korrekturen vorzunehmen. Bemerkenswertes Detail zur Arbeitsteilung: Sie beschränkt sich bei ihren Steinen auf die Abgabe – und ruft ihm noch energisch ein paar Wischbefehle hinterher. Er versucht dann, mit dem Besen den Weg des Curls zu beeinflussen. Bei seinen Steinen verläuft es anders: Er rappelt sich nach der Abgabe auf, hetzt hinter, drückt auf den Besen. Sie wartet am Zielpunkt. Die Curling-Szene gilt als familiär. Man kennt sich. In Cortina ist die familiäre Ausprägung besonders ausgeprägt. Für Schweden treten die Geschwister Isabella und Rasmus Wraana an. Und auch zwei Ehepaare agieren auf olympischem Eis: das kanadische Couple Jocelyn Peterman und Brett Gallant sowie das Schweizer Duo Briar Schwaller-Hürlimann und Yannick Schwaller. Bei ihnen wurde offensichtlich, wie sehr der Sport schon das Familienleben geprägt hat. Nach ihrem Sieg über Estland tapste ihr eineinhalb Jahre altes Söhnchen auf die Eisfläche. Der kleine River hatte sich das Match mit den Großeltern angeschaut – ebenfalls ehemalige Weltklasse-Curler. Kaum auf dem Eis, schnappte sich der Dreikäsehoch einen Besen – und begann eifrig zu wischen. (ad.) Tag 4 - Peinlicher Rekord Um eine olympische Eröffnungsfeier live und stilvoll kommentieren zu können, braucht es Vorbereitung. Sie ist ja nicht wie Curling, wo stundenlang das Gleiche passiert, und es sind auch nicht die Bundesjugendspiele. Man benötigt breites Wissen, sollte sich die Biographien und Gesichter der Protagonisten zuvor vergegenwärtigt haben, muss Anekdoten und Kuriositäten erzählen können, und man braucht die Fähigkeit, zum richtigen Zeitpunkt auch mal zu schweigen, um „die Bilder sprechen zu lassen“. Kurz gesagt, Prägnanz und Feingefühl sind gefordert. Bei Italiens Fernsehsender Rai sah man aber einen Abend voller peinlicher Ausrutscher. Schon die ersten Worte Paolo Petreccas, Direktor von Rai Sport, der seinen Posten vor allem seiner Nähe zu Giorgia Meloni verdanken soll, reichten aus, um Italiens soziale Netzwerke in Flammen zu setzen: „Willkommen im Olympiastadion“ sagte er, was so daneben war, als sage man „Arrivederci“ statt „Buonasera“: das Olympiastadion steht in Rom, die Zeremonie war im Mailänder San-Siro-Stadion. Es ist normal, dass man zu Beginn nervös ist, aber bei Petrecca ging es weiter mit den Fauxpas. Er verwechselt Matilda de Angelis mit Mariah Carey, die sich in etwa so ähnlich sehen wie Friedrich Merz und Giorgia Meloni. Petrecca bemerkte den Fehler und taufte die italienische Schauspielerin vor 9,27 Millionen Zuschauern, so der durchschnittliche Zuschauerwert der Rai am Freitag, kurzerhand live um: aus Matilda wurde Matilde. Kirsty Coventry, Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees, sprach er Sergio Mattarella als Tochter zu – Italiens Staatspräsident wird bei offiziellen Anlässen immer von seiner blonden Tochter Laura begleitet, und zu Petreccas Verteidigung muss man sagen: Auch Kirsty Coventry ist eine blonde Frau. Er erkannte nicht alle italienischen Fackelträger, und über die brasilianischen Athleten sagte er, sie hätten „die Musik im Blut“. Über den Auftritt von Rapper Ghali, dessen Eltern aus Tunesien stammen und den Italiens Rechte unerträglich findet, verlor er hingegen kein Wort. Die Kamerateams der Rai zeigten den Künstler auch vorsichtshalber nur aus sicherer Entfernung. Sicherlich, Petrecca hatte nicht viel Zeit zum Vorbereiten. Er war in letzter Minute für Auro Bulbarelli eingesprungen, den er selbst als Kommentator abgesetzt hatte, da er Journalisten verraten hatte, dass Staatspräsident Mattarella in einer Tram am Stadion ankommen wird. Die Zeitung „La Repubblica“ kommentierte es sportlich: Paolo Petrecca habe „den Rekord an aufeinanderfolgenden Fauxpas gebrochen“. Gut möglich, dass es seine letzten Spiele waren. (kkr.) Tag 3 – Mitgemacht bei Olympia Anna Geroni, 11 Jahre alt, singt im Kinderchor „Voci bianche“ der Mailänder Scala. Zusammen mit dem Pianisten Lang Lang hat sie die Opernsängerin Cecilia Bartoli während der Eröffnungsfeier bei der Olympiahymne begleitet. Wie habt Ihr Euch auf den Auftritt vorbereitet? Wir haben im November angefangen, das Lied einzustudieren. Aber man hat uns nicht gesagt, was es für eines ist, weil alles geheim bleiben sollte. Mit den Proben im Stadion haben wir dann am Sonntag vor der Eröffnungsfeier begonnen. Immer abends, an manchen Tagen bis Mitternacht. Warst Du da am Morgen nach den Proben nicht ganz schön müde in der Schule? Ich war sehr müde. Und dann haben wir am Mittwoch auch noch eine Mathearbeit geschrieben. Wussten Deine Lehrer Bescheid? Ein paar ja, ein paar nicht. Was für ein Kostüm hattest Du an? Eine weiße Sporthose, eine silberne Jacke, Mütze und silberne Moonboots. Die Moonboots fand ich am tollsten. Euer Auftritt war fast am Ende der Show. Was habt Ihr bis dahin gemacht? Wir haben die Kostüme angezogen. Auf einem Fernseher konnte man sehen, was auf der Bühne passiert. Irgendwann hieß es plötzlich: Ihr seid dran. Und dann? Ich war sehr aufgeregt. Du lachst, war das Dein erster Auftritt? Nein, ich habe auch schon auf der Bühne der Scala gesungen Waren Deine Eltern auch im Stadion? Meine Mutter hat vom Fernseher aus zugeschaut. Was war der schönste Moment für Dich? Ins Stadion zu kommen war toll. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann war der allerschönste Moment für mich, als sie uns sagten, dass wir das Kostüm geschenkt bekommen. Sogar die Moonboots. Ist es eigentlich schwierig, in den Kinderchor der Scala aufgenommen zu werden? Man muss dem Chordirektor vorsingen. Dann macht man zwei Jahre einen Vorbereitungskurs, und dann muss man noch mal vorsingen. Wenn man gut genug ist, wird man aufgenommen. Welchen olympischen Wintersport findest Du am schönsten? Eiskunstlauf. (kkr.) Tag 2 – Für was denn entschuldigen? Da ist er also. Seit Donnerstag beehrt der Vizepräsident der Vereinigten Staaten die Hauptstadt der Lombardei – eine Ehre, auf die viele in Mailand wohl liebend gern verzichtet hätten. Noch bevor sich J. D. Vance aufmachte, hatte er in einem Interview sehr deutlich formuliert, dass er keinen Grund sieht, die Eltern von Alex Pretti um Entschuldigung zu bitten. Die Eltern des Mannes, der am 24. Januar in Minneapolis, Minnesota, auf offener Straße von Beamten der Immigration and Customs Enforcement erschossen worden war: „Für was?“, fragte Vance zurück. Das ist der Ton, den die amerikanische Regierung diesen angeblich so neutralen Spielen injiziert. Kaum in Mailand angekommen, ließ sich der Vize beim Eishockeyspiel der Amerikanerinnen gegen die Tschechinnen blicken. Dort fand der Trainer John Wroblewski die Unterstützung „awesome“, großartig: Wroblewski „liebt die Anwesenheit unserer Regierung“. Anderenorts hat mindestens eine amerikanische Athletin sich vor derartiger Vereinnahmung verwahrt – und eine Art Antidot formuliert. In Predazzo bereitet sich Jessie Diggins aus St. Paul, der Nachbarstadt von Minneapolis, auf die Langlaufrennen vor. Diggins hat Gold, Silber und Bronze bei Olympischen Spielen gewonnen, aber sie hat offensichtlich verstanden, dass es diesmal um mehr geht. Sie schrieb auf Instagram: „Ich will sicherstellen, dass ihr wisst, für wen ich bei den Olympischen Spielen an den Start gehe. Ich trete für ein amerikanisches Volk an, das für Liebe, Akzeptanz, Mitmenschlichkeit, Ehrlichkeit und Respekt der anderen einsteht. Ich stehe nicht für Hass oder Gewalt oder Diskriminierung. Ich entscheide, für wen ich antrete und wie ich meinen Werten treu bleibe, jeden einzelnen Tag. Jedem, der für seine Mitmenschen eintritt, seine Nachbarn schützt und Menschen mit Liebe gegenübertritt – jeder meiner Schritte ist für euch. Ihr gebt mir den Stolz, die Flagge zu tragen; ich hoffe, ich kann euch Freude machen in den nächsten Wochen.“ Es gibt Spiele, bei denen man nicht neutral bleiben kann. Jessie Diggins hat das verstanden. (chwb.) Tag 1: Peking, ja, Peking Buongiorno, andiamo, Mila – no, no, no. Piano, piano. Nicht so schnell. Mag ja sein, dass es nun losgeht mit den „giochi olimpici invernali, stile italiano“, „mit den Olympischen Winterspielen im italienischen Stil“. Aber wo die Welt zusammenkommt, erinnern sich die Chinesen an Peking. Auch in Mailand. Vor allem in Mailand. Der Reporterin, die IOC-Präsidentin Kirsty Coventry die erste Frage auf deren Pressekonferenz am Mittwoch stellen darf, kommen nach eigenem Bekunden fast die Tränen, weil es auf den Tag vier Jahre her ist, dass in Chinas Hauptstadt die Covid-Spiele begannen. Tags zuvor hat Giovanni Malagò, der Cheforganisator der Spiele von Mailand und Cortina, schon eine ähnliche Frage gestellt bekommen von der Reporterin des chinesischen Staatsfernsehens: An was sich Signore Malagò erinnere, wenn er an die Spiele von Peking denke. Giovanni Malagò ist ein distinguierter Mann. Sein Vater verkaufte in Rom Ferraris, der Apfel fiel nicht weit vom Stamm, der Sohn ging dort in die Lehre. Giovanni Malagò ist ein Mann, dem man auch, sagen wir, einen 50 Jahre alten Maserati Bora ohne Probefahrt abnehmen würde, wenn er ihn empfiehlt. Auf die Frage der chinesischen Reporterin aber reagierte Giovanni Malagò mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der am Rand der strada statali einen Maserati Bora entdeckt, der auf der Fahrt in den Süden unliebsame Bekanntschaft mit der Straßenbegrenzung gemacht hatte. Falten, Knautschzone und ein von profunder Traurigkeit durchdrungener Blick des Signore. Peking, antwortete Malagò, ja, Peking. An die drei einsamen Wochen im Hotelzimmer des Quarantänehotels in der Nähe des Flughafens, daran erinnere er sich. Andiamo, Milano. (chwb.)
