Die Olympischen Winterspiele finden in diesem Jahr in Mailand stand. Und in Cortina. Und in Bormio und in Antholz und und und. Was macht das mit dem „Olympia-Feeling“? Das Tagebuch unserer F.A.Z.-Reporter in Italien. Tag 14 – Steinmeiers Geschichtsstunde Aufmerksame Kunden des Olympics Shop des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) werden es sicher schon gemerkt haben: Der Link, über den die T-Shirts der Nazi-Spiele 1936 aus der „Heritage Collection“ zu kaufen waren, ist nun doch vom Netz genommen. Damit ist auch das Motiv der Winterspiele jenes Jahres in Garmisch-Partenkirchen nicht mehr online erhältlich, das einen Skisportler, die Augen (gewiss blau) geschlossen, das Haar (gewiss blond) unter einer Sturm-, pardon, einer Skihaube verborgen beim Gruß zeigt: den rechten Arm erhoben, die Hand nicht abgebildet. Wie grüßt er nur, der Skisportler, und wen? Ludwig Hohlwein, der Gestalter des Motivs, erlangte eine so große Bedeutung für die Nationalsozialisten, dass er schließlich in die „Gottbegnadeten-Liste“ des Ministeriums von Joseph Goebbels aufgenommen wurde. Womöglich ergibt sich trotz des Online-Verkaufsstopps noch eine Gelegenheit zu erfragen, ob die Winterspiele vor 90 Jahren „auch gute Aspekte“ mit sich brachten und welche das wohl waren. Immerhin konnte IOC-Sprecher Mark Adams mit jenen Worten mit Blick auf die Sommerspiele in Berlin im selben Jahr mal wieder Jesse Owens ins Rennen schicken vor ein paar Tagen. Allzu überzeugend scheint das Argument allerdings nicht daherzukommen, wenn wir die Aussagen von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier richtig interpretieren, der kein Fan einer deutschen Olympiabewerbung um die Sommerspiele 2036 ist: „historisch problematisch“. Der Bundespräsident befürwortet Bewerbungen um die Spiele 2040 und 2044. Nun ließe sich beim Blick um ein Jahrhundert zurück einwenden, dass das IOC im Juni 1939 den Einfall hatte, die Winterspiele 1940 abermals an Garmisch-Partenkirchen zu vergeben. Das Deutsche Reich aber zog, statt noch einmal Olympische Spiele auszurichten, lieber noch einmal in einen Weltkrieg, um dem Weltbild, für das Propagandisten wie Hohlwein malten, zur Weltherrschaft zu verhelfen. Historisch problematisch ist das also alles. Entscheidend wird bei einer deutschen Bewerbung, ganz gleich für welches Jahr, wie die Bewerber und das IOC mit dieser Historie umgehen. Mit einem toten Link ist es nicht getan. (chwb.) Tag 13 – Schläft schön! Es wird in diesen Tagen viel darüber geredet und geschrieben, wer in der Zeit der Olympischen Spiele wo nächtige, ob das Essen in der Unterkunft gut schmecke und ob man dort seine Ruhe finde. Aus Südtirol kommt diesbezüglich die Nachricht, dass Olympia in den Hotels beliebter Urlaubsorte für schwache Wochen sorge, weil viele Stammgäste aufgrund der Winterspiele ferngeblieben seien. Einige hätten befürchtet, es werde ein Chaos rund um die Spiele geben, und deswegen auf die Skiferien verzichtet. Andere sahen vom Urlaub in Südtirol ab, da viele Unterkünfte für den Zeitraum der Spiele die Preise drastisch erhöht haben. Auch das Olympische Dorf in Mailand ist in dieser Woche weniger ausgelastet als erwartet, da das kanadische Eishockeyteam ihm den Rücken gekehrt hat und in ein Fünf-Sterne-Hotel gezogen ist. Gerade waren die Männer, allesamt millionenschwere Stars, noch gesichtet worden, wie sie mit einer Prise Ausgelassenheit mit der Metro in Mailand unterwegs waren. Aber nun soll es doch lieber luxuriöser Komfort als Normalität oder der Spirit des Olympischen Dorfes sein. Man wolle Gold gewinnen, und dafür brauche es bestmögliche Bedingungen, war aus dem Eishockeyteam zu hören. Rundum zufrieden mit der Unterkunft ist dagegen das italienische Biathlonteam, das nahe Antholz in einem zur Sportlerherberge umgebauten Bauernhof wohnt, dessen erste Mauern gut vierhundert Jahre alt sein sollen. Dort, wo früher der Speck geräuchert wurde, ist jetzt womöglich die Waffenkammer und im alten Schafstall der Fitnessraum. Die schönste Geschichte allerdings kommt aus Cortina, wo aus Bettenmangel etwa 200 Polizisten und Carabinieri, für die normalerweise eher spartanische Unterkünfte reserviert sind, in einem Fünf-Sterne-Hotel untergebracht wurden. Der Palast auf 1224 Metern Höhe wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut, mit einem Frühstücksraum im Osten, um den Tag mit den ersten Sonnenstrahlen zu beginnen, und einem Tee- und Aperitif-Salon im Westen, um den Sonnenuntergang vor der Gipfelkulisse bewundern zu können. Die Drehtür am Eingang haben schon Clark Gable, die Königsfamilie von Persien, Brigitte Bardot und die italienische Sängerin Ornella Vanoni passiert; die Zimmer sind groß, mit Kronleuchtern ausgestattet und einige mit Balkon samt Ausblick auf die Dolomiten. Sicherlich, alles ist ein wenig heruntergekommen, ein wenig alt, und tatsächlich ist das Hotel Miramonti schon seit drei Jahren geschlossen. Der Grund dafür war die fehlende Anpassung an Brandschutzvorschriften. Aber in Italien ist man nicht nur flexibel, sondern auch erfinderisch. Die schöne Bleibe wollten sich die Polizisten und Carabinieri keinesfalls entgehen lassen. Zu ihrer Sicherheit wurde deshalb einfach ein Zug Feuerwehrleute dort mit einquartiert. (kkr.) Tag 12 – Leben lassen in Mailand Droben in den Bergen mag es vor sich hin schneien, wie es will, in Milano hält so langsam primavera Einzug. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, und gut verdienende Rechtsanwälte machen bella figura in aufeinander abgestimmter Radmode aus dem Hochpreissegment auf ihren nicht gerade billigen Rennrädern. Die Ketten schnurren, so klingt der Frühling. Mit dem Wintersport ist es so eine Sache in Mailand. Es gibt ja nicht mal eine permanente Eishalle. Aber ein Velodrom direkt vor den Toren des Pressezentrums. Il Vigorelli schenkt auch der Bar gegenüber ihren Namen, der Espresso kostet 1,30 Euro, Leben und Lebenlassen ist sicher ein lombardisches Prinzip. Jedenfalls bietet die Bahn, auf der Olmo, Coppi und Anquetil schon Stundenweltrekorde aufgestellt haben, die Beatles 1965 die Mailänder Jugend zum Ausflippen gebracht haben und 1971 Led Zeppelin spielte, auch Obdach für Menschen, denen allenfalls ein winziger Bruchteil dessen zu eigen ist, was die gut verdienenden Anwälte für ihre Räder ausgeben. Anders als etwa Paris vor den Sommerspielen 2024 hat Mailand Wohnungslose nicht aus dem Stadtbild verbannt. Ein kleines Camp im Windschatten des Vordachs des Vigorelli-Stadions zeugt davon. Auch daran zeigt sich, dass Mailand einen Teil dieser Spiele mit einer gewissen Unaufgeregtheit ausrichtet, die einer demokratisch verfassten Stadtgesellschaft gut zu Gesicht steht, wenn sie es denn – wie so viele Stadtgesellschaften in Europa – nicht vermag, Wohlstand etwas gerechter zu verteilen. Gläserne Türme wachsen in den Mailänder Himmel, und eine Straßenkreuzung entfernt schützen unter dem Vordach des 90 Jahre alten Radstadions ein Dutzend Männer und Frauen ihr Eigentum mit Pappe und ein paar Regenschirmen, wenn sich die Wolken vor die Sonne schieben und der Regen zurückkehrt. Alle Räder drehen sich weiter, während die Spiele laufen. (chwb.) Tag 11 – Und nun zu den Kondomen Wer hätte das gedacht? Neulich hängengeblieben beim Curling in der Olympia-Dauerschleife des Fernsehens. Nun schau doch mal hin! Blutjunges deutsches Team, präzise, strategisch, so geschickt, wie sie die Steine den Amis immer wieder vors „Haus“ geleiten ließen, auf den Millimeter. Rückstand fast aufgeholt, die Amerikaner unter Druck. Chapeau, da geht noch was. Wischt um euer Leben! Die Welt schaut zu. Vielleicht nicht die ganze Welt, aber der gemeine Sportfreund daheim als TV-Spotter etwa des ARD-Programms auf dem zentralen Kanal. In der Hoffnung, nur nichts zu verpassen. Warum also aufregen, wenn kurz vor dem Höhepunkt im Spiel der deutschen Curler ins Studio geschaltet wird? Vielleicht hat ja jemand beim Biathlon getroffen? Oder es wurde noch ein deutscher Athlet bei den Freestyle-Wettbewerben entdeckt. Leider nicht. Aber, klar, selbstverständlich gehts immer um die „wichtigsten Themen“, wenn ein Sportfeld verlassen wird. So stehts in der Werbung der Sportschau. Diesmal im Fokus: Sophia Kirkby aus den USA. Muss man nicht kennen. Es sei denn, man ist männlich, Olympiateilnehmer und auf der Suche nach, sagen wir es vornehm mit den Curlern, der Po(o)le-Position im Haus. Denn die Rennrodlerin Kirby wünscht sich seit Beginn der Spiele ein Date, öffentlich in den sozialen Medien. Hunderte Angebote solls geben, hi, hi, berichtet die Beauftragte für den Sport-Verkehr in digitalen Kanälen im linearen Fernsehen, während es bei den Curlern Spitz auf Knopf steht. Der alte graue Boomer könnte sich zwar fragen, warum er linear schaue, wenn ihm dort erzählt wird, was in den Sozialen Medien läuft. Er könnte sich auch wundernd fragen, ob der Ausflug die Jugend fürs Lineare begeistern soll, während sie nur noch online unterwegs ist. Aber es geht um Gold in diesen Minuten. 10.000 für die Athleten kostenlose Kondome, wirft die Moderatorin der Expertin für alle Kanäle zu, seien schon vergriffen. Donnerwetter. Da rattert die Rechenmaschine im Oberstübchen. Bei 2900 Sportlerinnen und Sportlern macht das im Schnitt... Nein, der Höhepunkt ist noch nicht erreicht. Am Montag traf Nachschub ein in den olympischen Dörfern. Was den Eindruck verstärkt, es gäbe eine 17. Sportart im Programm. Und nichts Wichtigeres. (ahe.) Tag 10 – Après-Ski auf Norwegisch Olympische Spiele sind lang, das Antholzer Tal ist eng und die Shuttles sind überfüllt. Zusammengenommen miese Voraussetzungen für einen Arbeitstag bei den Biathlon-Wettkämpfen in Südtirol. 9.20 Uhr, Abfahrt Antholz-Niedertal zur Sicherheitsschleuse in Antholz-Mittertal. Der Bus für akkreditierte Personen ist proppenvoll. Zwischen den missmutigen Medienschaffenden und den nicht mehr ganz so begeisterten Volunteers sitzt eine wild gekleidete Frauengruppe und grüßt freundlich. Unten Trachtenröcke, in der Mitte Trikots des Fußballklubs Bodø/Glimt und auf dem Kopf Strickmützen in norwegischen Farben. Da haben sich wohl Fans in den falschen Bus verirrt. Das Sicherheitspersonal hält sie nicht auf. Offenbar sind sie keine 0-8-15-Schlachtenbummlerinnen, sondern in offizieller Mission unterwegs. Und sie sind gut drauf. 9.30 Uhr, Abfahrt Antholz-Mittertal in Richtung Biathlon-Arena. Es ist noch voller, die Bustüren gehen gerade so zu, die Scheiben beschlagen. Der Stimmungsgrad unter den Passagieren verläuft diametral. Plötzlich ruft aus dem Nichts eine Frauenstimme: Heeeeeeey! Und der Chor antwortet: Heeey Baby! Uuh aah! Dann wieder die erste Stimme: I wanna knoooow…. Und so weiter. Irritierte Blicke werden ausgetauscht. Angekommen im Medienzentrum dämmert dem Kollegen, wer diese schrecklich fröhliche Truppe war: Das sind Trommler! Er hat sie schon bei anderen Biathlon-Weltcups beobachtet. Später werden die Frauen wieder gesichtet: Auf riesigen Trommeln trommeln sie im Stehplatzbereich an der Huber-Alm vor sich hin. Sie sind offiziell akkreditierte Trommlerinnen. Es gruselt bei der Vorstellung, sie hätten ihre Instrumente mit in den Bus genommen und ihren Schlager mit Trommlerei untermalt. Après-Ski-Hits sind an sich schon unerträglich, aber um 9.30 Uhr am Morgen, vorgetragen von einem norwegischen Trommel-Trupp – das wäre ein Verbrechen an der arbeitenden Menschheit. (jbc.) Tag 9 – Lässig gegen die Langeweile Auch Athletinnen kann während der Winterspiele schon einmal langweilig werden. Meist kommen sie Tage vor dem Wettkampf an, sie absolvieren ihr Training, warten dann auf die Qualifikation und schließlich aufs Finale. Die österreichische Snowboarderin Anna Gasser und die Neuseeländerin Zoi Sadowski-Synnott haben sich deswegen die Zeit auf den Pisten von Livigno vertrieben. „Wir sind zusammen Snowboard fahren gegangen“, sagt Anna Gasser, die Königin im Big Air. Was wie eine Kirmesattraktion klingt, ist ihre Sportart: eine Rampe hinunterfahren, über eine Schanze springen und in der Luft Tricks zeigen. Auf der Piste von Livigno wurden Sadowski-Synnott, die einige Tage später Gold gewann, und Gasser erkannt. „Wir haben ein paar Selfies gemacht und sind weitergefahren“, sagte sie. Wer weiß, vielleicht ist auch Marco Odermatt in den Tagen zwischen den Wettkämpfen auf den Pisten von Bormio unterwegs. Oder der Langläufer Johannes Hoesflot Klaebo kommt einem auf der Loipe im Val di Fiemme entgegen. Und wenn die Eiskunstlaufwettbewerbe nicht in Mailand, sondern in Cortina d’Ampezzo wären, dürfte man sogar hoffen, dass Ilia Malinin auf dem zugefrorenen See seinen Vierfach-Axel präsentiert. Die Augen offen halten sollte man in jedem Fall. Aber es kann natürlich sein, dass die anderen Sportler einfach nicht so lässig sind wie die Snowboarderinnen. (sips.) Tag 8 – Apfelstrudel à la Italiano Wenn man an Italien denkt, denkt man an Pizza oder Pasta. Und nicht an Apfelstrudel. Doch wer in Bormio ist, sollte unbedingt in die Pasticceria Pozzi gehen. Wer hier nach Focaccia oder herzhaften Snacks sucht, ist falsch. Das einzige, was es gibt, sind dünne Pizzette. Dafür gibt es Apfelstrudel in allen Varianten. Einen kleinen, der etwa in die Hand passt. Und einen großen, der eigentlich für zwei Tage reicht. Beim ersten Mal machte ich den Fehler, den kleinen zu nehmen. Beim zweiten Mal machte ich es besser. Der Strudel wird liebevoll in weißes Papier geschlagen und mit einer grünen Schleife verziert. Apfelstrudel war für mich das Beste, das meine bayrische Großmutter kochen konnte. Sie servierte es mit Rotkraut. Und ich hätte nicht gedacht, dass ich in Italien einen Strudel finde, der ihrem so nah kommt. Der Teig ist nicht zu weich, sondern etwas kross, die perfekte Konsistenz. Die Äpfel sind intensiv und schmecken wie die Sorte Elstar bei meinen Großeltern aus dem Garten. Der einzige Unterschied: Meine Oma schlug am Ende Eier über den Strudel, bevor er in den Ofen kam. Und das warme Rotkraut ist in der To-go-Variante auch schwerlich zu bekommen. Wer will, kann auf Espresso ausweichen. Am besten aber, man lässt den Strudel ganz allein auf sich wirken. (sips.) Tag 7 – Olympiasieger und Romanfigur Johann Friedrich von Allmen, ein leicht abgehobener, gleichwohl charmanter Lebemann und Feingeist, agiert als Kunstkenner und Amateurdetektiv in der Zürcher Oberschicht – zumindest in der Romanwelt von Martin Suter. Der Bestsellerautor lässt seinen schöngeistigen, finanziell stets am Rande der Existenz balancierenden Helden seit 2017 in eleganten Krimikomödien agieren. Nicht nur Romanleser, sondern auch deutsche Fernsehzuschauer kennen diesen in Alltagsfragen nahezu unbrauchbaren Allmen, gespielt von Heino Ferch, der sich von seinem treuen Butler Carlos, kongenial dargestellt von Samuel Finzi, durch die Klippen des Lebens steuern lässt, aus der ARD-Filmreihe. Dieser Allmen, typisch für seine Sozialisation und seinen Dünkel, interessiert sich keineswegs für Sport – zu körperlich, wie man sich denken kann. Auch die Olympischen Spiele lassen ihn kalt. Doch dann tritt Carlos auf – in einer Miniatur, die Suter dieser Tage verfasst und auf seiner Homepage martin-suter.com online gestellt hat. „Er hat gewonnen.“ „Was?“ „Die Olympia-Abfahrt.“ „Wer?“ „Von Allmen.“ „Ach“, sagte Allmen: „Und?“ „Der Mann ist Weltmeister und Olympiasieger. Man wird uns nach dem Verwandtschaftsgrad fragen.“ Ein Sportler in der Verwandtschaft? Erfolgreich immerhin. Nutzt das, womöglich finanziell? Sie sinnieren. Suter hat auch schon einen Roman über Bastian Schweinsteiger und Ana Ivanović verfasst, der phantasievoll zwischen Dichtung und Wahrheit changiert. Hier bindet er die reale Vita des Skiläufers Franjo von Allmen, dessen Elternhaus am Jaunpass stand, dessen Vater im Baugewerbe tätig war und der selbst eine Zimmermannslehre absolvierte, in das Stückchen über seine kunstsinnige Kunstfigur Johann Friedrich von Allmen ein. Der echte, bodenständige von Allmen, Franjo, der Skifahrer, konnte seine Karriere nach dem frühen Tod seines Vaters vor sieben Jahren nur dank eines Crowdfunding-Aktion fortführen. Ihm widmete der Vierundzwanzigjährige nun seine Goldmedaille, ehe er am Montag in der Teamkombination und am Mittwoch im Super-G sogar noch zwei weitere gewann. Der ausgedachte von Allmen kommt mithilfe von Carlos und dessen Freundin Maria zu einem abgehobenen, für ihn typischen Schluss. Er lässt prüfen, wie lange es dauert, auf den Visitenkarten eine Änderung vorzunehmen: „von und zu Allmen“. (ad.) Tag 6 – Kein Zugang zu Winterspielen Wir schreiben das Jahr fünf nach Angela Merkels Amtszeit als Kanzlerin, die Spiele der XXV. Olympiade haben begonnen. Kirsty Coventry vertritt das Internationale Olympische Komitee (IOC), Giorgia Meloni repräsentiert Italien als Regierungschefin. Die Ski-Olympiasiegerinnen Deborah Compagnoni und Sofia Goggia und die Skispringerin Katharina Schmid gehörten als Flammen-Entzünderinnen und Fahnenträgerin zu den Hauptpersonen der Eröffnungsfeier. Frauen werden beschimpft, verprügelt und getötet, weil sie für ihre Rechte kämpfen. Sie werden sogar attackiert, geschmäht, wenn sie das Feuer entzünden oder die Fahne ihres Teams tragen. Dabei haben sie errungen, dass Mädchen selbst entscheiden können, ob sie Bundeskanzlerin oder Olympiasiegerin als Berufsziel wählen wollen. Trotzdem klafft noch immer eine Lücke beim größten Sportfest der Welt. Eine Gruppe von Frauen fehlte bei der Eröffnungsfeier, und sie wird bei den Wettkämpfen im Val di Fiemme fehlen. Nicht weil sei verletzt, gesperrt, zu schwach oder zu schlecht sind. Die Nordischen Kombiniererinnen dürfen nicht mitmachen, weil sie Frauen sind. Sie können nur zuschauen, weil das IOC für sie keine Wettkämpfe bei den Olympischen Spielen vorsieht. Sie sind Pionierinnen, Spitzenathletinnen, Weltmeisterinnen, stürzen sich genauso mutig wie Männer eine Schanze hinunter, verausgaben sich in der Loipe. Aber Olympiasiegerinnen dürfen sie nicht werden. Seit mehr als 100 Jahren ist die Nordische Kombination (Noko) Teil des olympischen Programms – als geschlossene Männergesellschaft. Es ist Zeit, dass das IOC die Frauen hereinlässt. Sie haben es verdient, ihre Leistungen nicht nur im kleinen Noko-Kosmos zu zeigen, sondern auch auf der größten Bühne des Sports. (jbc.) Tag 5 – Patriarchin beim Curling Beim Mixed Doubles sind die Rollen klar verteilt. Er wischt und sie gibt die Anweisungen. So zu erleben in der Curling-Halle von Cortina d’Ampezzo, wo in der gemischten Variante seit Mittwoch um olympische Ehren gespielt wird – und an diesem Dienstag die Finalspiele anstehen. Zehn Paare waren an dem munteren wisch und weg beteiligt, die Strukturen erwiesen sich als deckungsgleich. Sie warf jeweils den ersten Stein. Er durfte sich danach dreimal austoben. Doch zum Schluss, bevor abgerechnet wurde, war sie wieder dran. Nach kritischem Blick ins House: „Wie sieht‘s denn hier aus?“ Um dann zu versuchen, mit weiblicher Hand finale Korrekturen vorzunehmen. Bemerkenswertes Detail zur Arbeitsteilung: Sie beschränkt sich bei ihren Steinen auf die Abgabe – und ruft ihm noch energisch ein paar Wischbefehle hinterher. Er versucht dann, mit dem Besen den Weg des Curls zu beeinflussen. Bei seinen Steinen verläuft es anders: Er rappelt sich nach der Abgabe auf, hetzt hinterher, drückt auf den Besen. Sie wartet am Zielpunkt. Die Curling-Szene gilt als familiär. Man kennt sich. In Cortina ist die familiäre Ausprägung besonders ausgeprägt. Für Schweden treten die Geschwister Isabella und Rasmus Wraana an. Und auch zwei Ehepaare agieren auf olympischem Eis: das kanadische Couple Jocelyn Peterman und Brett Gallant sowie das Schweizer Duo Briar Schwaller-Hürlimann und Yannick Schwaller. Bei ihnen wurde offensichtlich, wie sehr der Sport schon das Familienleben geprägt hat. Nach ihrem Sieg über Estland tapste ihr eineinhalb Jahre altes Söhnchen auf die Eisfläche. Der kleine River hatte sich das Match mit den Großeltern angeschaut – ebenfalls ehemalige Weltklasse-Curler. Kaum auf dem Eis, schnappte sich der Dreikäsehoch einen Besen – und begann eifrig zu wischen. (ad.) Tag 4 - Peinlicher Rekord Um eine olympische Eröffnungsfeier live und stilvoll kommentieren zu können, braucht es Vorbereitung. Sie ist ja nicht wie Curling, wo stundenlang das Gleiche passiert, und es sind auch nicht die Bundesjugendspiele. Man benötigt breites Wissen, sollte sich die Biographien und Gesichter der Protagonisten zuvor vergegenwärtigt haben, muss Anekdoten und Kuriositäten erzählen können, und man braucht die Fähigkeit, zum richtigen Zeitpunkt auch mal zu schweigen, um „die Bilder sprechen zu lassen“. Kurz gesagt, Prägnanz und Feingefühl sind gefordert. Bei Italiens Fernsehsender Rai sah man aber einen Abend voller peinlicher Ausrutscher. Schon die ersten Worte Paolo Petreccas, Direktor von Rai Sport, der seinen Posten vor allem seiner Nähe zu Giorgia Meloni verdanken soll, reichten aus, um Italiens soziale Netzwerke in Flammen zu setzen: „Willkommen im Olympiastadion“ sagte er, was so daneben war, als sage man „Arrivederci“ statt „Buonasera“: das Olympiastadion steht in Rom, die Zeremonie war im Mailänder San-Siro-Stadion. Es ist normal, dass man zu Beginn nervös ist, aber bei Petrecca ging es weiter mit den Fauxpas. Er verwechselt Matilda de Angelis mit Mariah Carey, die sich in etwa so ähnlich sehen wie Friedrich Merz und Giorgia Meloni. Petrecca bemerkte den Fehler und taufte die italienische Schauspielerin vor 9,27 Millionen Zuschauern, so der durchschnittliche Zuschauerwert der Rai am Freitag, kurzerhand live um: aus Matilda wurde Matilde. Kirsty Coventry, Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees, sprach er Sergio Mattarella als Tochter zu – Italiens Staatspräsident wird bei offiziellen Anlässen immer von seiner blonden Tochter Laura begleitet, und zu Petreccas Verteidigung muss man sagen: Auch Kirsty Coventry ist eine blonde Frau. Er erkannte nicht alle italienischen Fackelträger, und über die brasilianischen Athleten sagte er, sie hätten „die Musik im Blut“. Über den Auftritt von Rapper Ghali, dessen Eltern aus Tunesien stammen und den Italiens Rechte unerträglich findet, verlor er hingegen kein Wort. Die Kamerateams der Rai zeigten den Künstler auch vorsichtshalber nur aus sicherer Entfernung. Sicherlich, Petrecca hatte nicht viel Zeit zum Vorbereiten. Er war in letzter Minute für Auro Bulbarelli eingesprungen, den er selbst als Kommentator abgesetzt hatte, da er Journalisten verraten hatte, dass Staatspräsident Mattarella in einer Tram am Stadion ankommen wird. Die Zeitung „La Repubblica“ kommentierte es sportlich: Paolo Petrecca habe „den Rekord an aufeinanderfolgenden Fauxpas gebrochen“. Gut möglich, dass es seine letzten Spiele waren. (kkr.) Tag 3 – Mitgemacht bei Olympia Anna Geroni, 11 Jahre alt, singt im Kinderchor „Voci bianche“ der Mailänder Scala. Zusammen mit dem Pianisten Lang Lang hat sie die Opernsängerin Cecilia Bartoli während der Eröffnungsfeier bei der Olympiahymne begleitet. Wie habt Ihr Euch auf den Auftritt vorbereitet? Wir haben im November angefangen, das Lied einzustudieren. Aber man hat uns nicht gesagt, was es für eines ist, weil alles geheim bleiben sollte. Mit den Proben im Stadion haben wir dann am Sonntag vor der Eröffnungsfeier begonnen. Immer abends, an manchen Tagen bis Mitternacht. Warst Du da am Morgen nach den Proben nicht ganz schön müde in der Schule? Ich war sehr müde. Und dann haben wir am Mittwoch auch noch eine Mathearbeit geschrieben. Wussten Deine Lehrer Bescheid? Ein paar ja, ein paar nicht. Was für ein Kostüm hattest Du an? Eine weiße Sporthose, eine silberne Jacke, Mütze und silberne Moonboots. Die Moonboots fand ich am tollsten. Euer Auftritt war fast am Ende der Show. Was habt Ihr bis dahin gemacht? Wir haben die Kostüme angezogen. Auf einem Fernseher konnte man sehen, was auf der Bühne passiert. Irgendwann hieß es plötzlich: Ihr seid dran. Und dann? Ich war sehr aufgeregt. Du lachst, war das Dein erster Auftritt? Nein, ich habe auch schon auf der Bühne der Scala gesungen Waren Deine Eltern auch im Stadion? Meine Mutter hat vom Fernseher aus zugeschaut. Was war der schönste Moment für Dich? Ins Stadion zu kommen war toll. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann war der allerschönste Moment für mich, als sie uns sagten, dass wir das Kostüm geschenkt bekommen. Sogar die Moonboots. Ist es eigentlich schwierig, in den Kinderchor der Scala aufgenommen zu werden? Man muss dem Chordirektor vorsingen. Dann macht man zwei Jahre einen Vorbereitungskurs, und dann muss man noch mal vorsingen. Wenn man gut genug ist, wird man aufgenommen. Welchen olympischen Wintersport findest Du am schönsten? Eiskunstlauf. (kkr.) Tag 2 – Für was denn entschuldigen? Da ist er also. Seit Donnerstag beehrt der Vizepräsident der Vereinigten Staaten die Hauptstadt der Lombardei – eine Ehre, auf die viele in Mailand wohl liebend gern verzichtet hätten. Noch bevor sich J. D. Vance aufmachte, hatte er in einem Interview sehr deutlich formuliert, dass er keinen Grund sieht, die Eltern von Alex Pretti um Entschuldigung zu bitten. Die Eltern des Mannes, der am 24. Januar in Minneapolis, Minnesota, auf offener Straße von Beamten der Immigration and Customs Enforcement erschossen worden war: „Für was?“, fragte Vance zurück. Das ist der Ton, den die amerikanische Regierung diesen angeblich so neutralen Spielen injiziert. Kaum in Mailand angekommen, ließ sich der Vize beim Eishockeyspiel der Amerikanerinnen gegen die Tschechinnen blicken. Dort fand der Trainer John Wroblewski die Unterstützung „awesome“, großartig: Wroblewski „liebt die Anwesenheit unserer Regierung“. Anderenorts hat mindestens eine amerikanische Athletin sich vor derartiger Vereinnahmung verwahrt – und eine Art Antidot formuliert. In Predazzo bereitet sich Jessie Diggins aus St. Paul, der Nachbarstadt von Minneapolis, auf die Langlaufrennen vor. Diggins hat Gold, Silber und Bronze bei Olympischen Spielen gewonnen, aber sie hat offensichtlich verstanden, dass es diesmal um mehr geht. Sie schrieb auf Instagram: „Ich will sicherstellen, dass ihr wisst, für wen ich bei den Olympischen Spielen an den Start gehe. Ich trete für ein amerikanisches Volk an, das für Liebe, Akzeptanz, Mitmenschlichkeit, Ehrlichkeit und Respekt der anderen einsteht. Ich stehe nicht für Hass oder Gewalt oder Diskriminierung. Ich entscheide, für wen ich antrete und wie ich meinen Werten treu bleibe, jeden einzelnen Tag. Jedem, der für seine Mitmenschen eintritt, seine Nachbarn schützt und Menschen mit Liebe gegenübertritt – jeder meiner Schritte ist für euch. Ihr gebt mir den Stolz, die Flagge zu tragen; ich hoffe, ich kann euch Freude machen in den nächsten Wochen.“ Es gibt Spiele, bei denen man nicht neutral bleiben kann. Jessie Diggins hat das verstanden. (chwb.) Tag 1: Peking, ja, Peking Buongiorno, andiamo, Mila – no, no, no. Piano, piano. Nicht so schnell. Mag ja sein, dass es nun losgeht mit den „giochi olimpici invernali, stile italiano“, „mit den Olympischen Winterspielen im italienischen Stil“. Aber wo die Welt zusammenkommt, erinnern sich die Chinesen an Peking. Auch in Mailand. Vor allem in Mailand. Der Reporterin, die IOC-Präsidentin Kirsty Coventry die erste Frage auf deren Pressekonferenz am Mittwoch stellen darf, kommen nach eigenem Bekunden fast die Tränen, weil es auf den Tag vier Jahre her ist, dass in Chinas Hauptstadt die Covid-Spiele begannen. Tags zuvor hat Giovanni Malagò, der Cheforganisator der Spiele von Mailand und Cortina, schon eine ähnliche Frage gestellt bekommen von der Reporterin des chinesischen Staatsfernsehens: An was sich Signore Malagò erinnere, wenn er an die Spiele von Peking denke. Giovanni Malagò ist ein distinguierter Mann. Sein Vater verkaufte in Rom Ferraris, der Apfel fiel nicht weit vom Stamm, der Sohn ging dort in die Lehre. Giovanni Malagò ist ein Mann, dem man auch, sagen wir, einen 50 Jahre alten Maserati Bora ohne Probefahrt abnehmen würde, wenn er ihn empfiehlt. Auf die Frage der chinesischen Reporterin aber reagierte Giovanni Malagò mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der am Rand der strada statali einen Maserati Bora entdeckt, der auf der Fahrt in den Süden unliebsame Bekanntschaft mit der Straßenbegrenzung gemacht hatte. Falten, Knautschzone und ein von profunder Traurigkeit durchdrungener Blick des Signore. Peking, antwortete Malagò, ja, Peking. An die drei einsamen Wochen im Hotelzimmer des Quarantänehotels in der Nähe des Flughafens, daran erinnere er sich. Andiamo, Milano. (chwb.)
