Viren können unter bestimmten Bedingungen für den Menschen nützlich sein, etwa in Form von Bakteriophagen gegen resistente Keime, onkolytischen Viren in der Krebstherapie oder als Vektoren in der Gentechnik. Doch nicht das Wohl der Menschheit, sondern der eigene Profit treibt den größenwahnsinnigen Milliardär Byron „The Corporation“ Forst (Ashton Kutcher) an. In seinem Labor entsteht ein Virus, aus dem das Medikament „The Beauty“ gewonnen wird, titelgebend für die neue Serie auf Disney+. Das Mittel, das ewige Jugend und Schönheit verspricht, soll genauso erfolgreich werden wie die Abnehmspritze von Ozempic. Zu blöd nur, dass der Erreger aus der Forschungsstätte entwendet wurde. Denn er hat tödliche Nebenwirkungen, wie sich gleich zu Beginn der ersten Folge der Serie zeigt. Eine „abgefuckte Kreuzung aus HIV und Tollwut“ Auf einer Balenciaga-Modenschau in Paris beginnt das Topmodel Ruby Rossdale, gespielt vom echten Supermodel Bella Hadid, fieberhaft zu schwitzen. Im Wahn greift sie Gäste in der ersten Reihe an, um an ihr Wasser zu kommen. Am Ende ihres kleinen Amoklaufs, nachdem sie ein ganzes Restaurant verwüstet hat, platzt ihr Körper wie ein mit Eingeweiden gefüllter Luftballon. Auf die angerückte Gendarmerie geht ein Fleisch- und Blutregen nieder. So weit, so eklig. Das in der französischen Hauptstadt explodierte Model ruft, warum auch immer, das amerikanische FBI auf den Plan. Warum, das bleibt zwar rätselhaft, ist für die Dramaturgie aber unerlässlich. Die Agenten Cooper Madsen (Evan Peters) und Jordan Bennett (Rebecca Hall) sollen die Herkunft des Virus ermitteln, das laut ihrem Vorgesetzten eine „abgefuckte Kreuzung aus HIV und Tollwut“ sei. Hier soll es gruselig werden In New Jersey übt sich derweil der übergewichtige Loser Jeremy in der Selbstbefleckung, während er mit einem Camgirl chattet. Eine Träne läuft ihm über die Wangen. So kann es nicht weitergehen. Also unterzieht sich der unfreiwillig zölibatär lebende Mann einer Schönheitsoperation. Als auch die nichts zu bringen scheint, besänftigt der dubiose Chirurg den wild gewordenen Jeremy, indem er ihm eine experimentelle Behandlung anbietet: In einem Hotel schläft die Jungfrau mit einer mysteriösen Schönheit. Es folgt eine blutige und schleimige Verwandlung in einen Adonis. Untermalt wird diese Metamorphose von Synth-Horror-Sound im Stil der Achtziger, der unmissverständlich signalisiert: Hier soll es gruselig werden. Doch gruselig ist daran nichts. Spätestens jetzt dürfte jedem, der in den vergangenen Jahren Horrorserien geschaut hat, klar sein, dass er eine Produktion des einflussreichen Hollywoodproduzenten Ryan Murphy sieht. Als Murphy mit der Anthologieserie „American Horror Story“ erstmals die amerikanische Horrorkultur laut, grotesk und stilisiert zitierte, konnte man seine Handschrift durchaus originell finden. Doch dieser Effekt ist längst verbraucht. Zuletzt sammelte er mit der „Monster“-Reihe harsche Kritiken ein. Man warf ihm vor, reale Kriminalfälle zu einem Serienkiller-Fetischismus auf Kosten der Opfer verzerrt zu haben. Die ästhetische Überhöhung von Gewalt und derer, die sie anwenden, schockiert auch in „The Beauty“ nicht mehr, sondern widert einen an. Über das oberflächliche Selbstzitat ließe sich vielleicht noch hinwegsehen, wäre die Inszenierung nicht von schwachen Dialogen und einer teils plumpen Dramaturgie geprägt. Wie sich der allgegenwärtige Jugend- und Schönheitswahn als Body-Horror intelligent dekonstruieren lässt, zeigte 2024 die französische Regisseurin Coralie Fargeat mit „The Substance“. Sie wurde dafür mit einer Oscarnominierung belohnt. So hätte auch „The Beauty“ das Potential gehabt, zwei drängende Themen unserer Zeit ernsthaft zu verhandeln: die Allmacht entgrenzter Techmilliardäre, die den Planeten als Experimentierfeld begreifen, und die Attraktivitätsökonomie, die eine ausufernde Schönheitsindustrie antreibt und menschliches Leid produziert. Doch Murphy begnügt sich einmal mehr damit, an der Oberfläche zu kratzen. Statt die Klischees zu durchdringen, nutzt er sie als Kulisse für seinen routinierten Ekelhorror. The Beauty läuft bei Disney+.
