FAZ 23.01.2026
11:21 Uhr

TV-Serie „Steal“ bei Amazon: Vier Milliarden Dollar sind mal eben weg


Nicht Millionen, vier Milliarden Dollar erbeutet eine Bande binnen Minuten in „Steal“. Die Hauptdarstellerin Sophie Turner macht aus der Amazon-Serie einen Thriller der Extraklasse. Sie stiehlt hier allen die Show.

TV-Serie „Steal“ bei Amazon: Vier Milliarden Dollar sind mal eben weg

Ein Albtraum, der sich da an einem sonnigen Vormittag in den Glasturmbüros von Lochmill Capital im Finanzzentrum Londons entfaltet: Bewaffnete im Businessdress stürmen die Büros, um eine enorme Geldsumme zu stehlen. Die Angestellten Zara (Sophie Turner) und Luke (Archie Madekwe), die für millionenschwere Investmentbanker Zahlen schieben, werden von den Räubern gezwungen, vier Milliarden Dollar aus den Pensionsfonds des Unternehmens auf ein anonymes Konto zu überweisen. Dann verschwinden die Gangster so schnell, wie sie aufgetaucht sind. So setzt der Thriller von Sotiris Nikias an, der seine Zuschauer über sechs Episoden mit einer straff inszenierten Geschichte, einem intensiven elektronischen Soundtrack und einer glänzenden Sophie Turner in Bann schlägt. Zuerst als Helden gefeiert, dann kommt es dicke Nach dem Überfall feiern die Kollegen Luke und Zara in einer Traumabewältigungssitzung zunächst als Helden. Aber bald schon setzen die Ermittlungen von Detective Chief Inspector Rhys Covaci (Jacob Fortune-Lloyd) und seinem für diesen Fall zugewiesenen Partner, dem Finanzspezialisten Darren Yoshida (Andrew Koji), die zwei unter Druck, und die Ereignisse überschlagen sich. Sophie Turner, der als Beutegattin Sansa Stark in „Game of Thrones“ Unglück und Wut ins Gesicht geschrieben standen, glänzt abermals mit ihrer subtilen Mimik. Archie Madekwe ist als Luke rührend und nervtötend naiv; ein junger Mann, der bloß glaubt, er habe Nerven aus Stahl. Und auch unter der Nonchalance des Ermittlers Covaci und der Professionalität Yoshidas liegt einiges verborgen. Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei und mit den Gangstern Hinter Zaras verletzlicher Erscheinung steckt eine junge Frau mit einem „ausgezeichneten Blick fürs Detail und einem erstaunlichen Sinn für Akribie“, wie die Vorgesetzten ihr bescheinigen, als sie ihre Beförderungsanfrage abweisen. Dies kommt ihr freilich zugute, weil sie ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Ermittlern, die sie als Schlüssel zur Lösung des Falls sehen, und den Drahtziehern des Coups, die fürchten, dass sie die Polizei auf ihre Spur führen könnte, bewältigen muss. Die Actionszenen von „Steal“ sorgen für einige Überraschungen, die Schauplätze sind mit Bedacht gewählt. Sotiris Nikias verzichtet auf Mätzchen, mit denen sich 08/15-Thriller an die Sehgewohnheiten im Algorithmen-gelenkten Streamingfernsehen anbiedern. So widersteht diese britische Produktion der Verlockung, die Bösewichte als Faszinosum ins Bild zu rücken, und bleibt bei den kleinen Leuten im Zentrum der Geschichte: Zara und Luke, aber auch Rhys und Darren schlagen sich mit schlechten Entscheidungen, beruflicher Perspektivlosigkeit und privaten Bedrängnissen in einer von Gier regierten Welt herum. Verlässlicher Indikator eines großen erzählerischen Stücks ist oft, dass auch in Nebenrollen wichtige Figuren auftauchen. Hier ist das Zaras alkoholkranke Mutter Haley (Anastasia Hille), die ihre Tochter mit ihrer Egomanie vergrätzt hat und eine unerwartete zusätzliche Bedrohung darstellt. Aber Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist Zara, und Sophie Turner verfügt mit ihrem Spiel über nahezu hypnotische Kräfte. Es ist kaum möglich, sich von ihrem Gesicht loszureißen, in dem sich das Drama spiegelt. In „Game of Thrones“ war die damals Vierzehnjährige eine Entdeckung, 15 Jahre später zählt sie zu den Stars ihrer Generation. Sie geht mit Konzentration ans Werk – dem Serienschöpfer Sotiris Nikias geht diese bisweilen ab –, und es ist wesentlich Turner zu verdanken, dass „Steal“ ein erstklassiger Thriller ist. Die ersten drei Episoden, inszeniert von Sam Miller, fächern die Vorgeschichte und die Charaktere schnörkellos und temporeich auf. Die weiteren drei, in denen es für die Akteure darum geht, Allianzen zu schmieden und Deals zu machen, um heil und womöglich vermögend davonzukommen, inszeniert Hettie Macdonald etwas lockerer und mit zunehmenden logischen Brüchen. Diese überdecken immer weitere Schichten der Kriminalität in dieser verschlungenen Geschichte, die Verstrickung der verschiedenen Figuren wird zunehmend unscharf. Beinahe jeder spielt ein doppeltes Spiel, und am Ende versucht jeder, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Das zu verfolgen, ist bis zum Schluss höchst unterhaltsam. Steal läuft bei Amazon Prime Video.