Trister könnte eine Büroweihnachtsfeier kaum sein als das gezwungene Mitarbeitertreffen in der US-Botschaft in Moskau am 24. Dezember 1976. „Schönster Tag des Jahres, schlimmste Stadt der Welt“, sagen die Amerikaner, die sich hier schon länger aufhalten müssen und mit auffällig guter Laune die gewünschte Miene zum langweiligen Spiel machen. Offiziell sind sie Kulturvermittler, Uncle Sams Beziehungspfleger. Ihre „Sekretärinnen-Mäuschen“ leben für Tratsch, Tippen und Steno. Die Herren der Schöpfung fühlen sich überlegen Inoffizielle Jobdefinition: Augenweide und Betthupferl. Ihre tägliche Beschäftigung: einander die Augen auskratzen und den Männern das Gefühl von Heimat geben. Einfach ein emotionales Stück Amerika sein im kalten Herz der Sowjetunion. Vor allem damit die Herren der Schöpfung beim Seitensprung nicht in sowjetische Honigfallen geraten. In Wirklichkeit ist das Kulturvermittlungsgedöns natürlich Tarnung und die Botschaft Quartier der CIA, wie zumindest der KGB genau weiß. Es gelten die „Moskauer Regeln“: Wir bespitzeln uns, wir kennen unsere Pappenheimer. Tötest du meine Leute, töte ich deine Leute. Der Rest ist Männlichkeitsgehabe, auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Jeder Botschaftsmann ist dementsprechend „POI“, Person of Interest. Was auch im übertragenen Sinn passt, denn in „Ponies“, der in den Siebzigerjahren in der Sowjetunion spielenden US-Serie, sind Männer nicht nur Spione, die unablässig superwichtig tun, sie sind vor allem testosterongesteuerte Machos. Was sich – dumm für den Verlauf des Kalten Kriegs und die mögliche Entspannungspolitik – fatal und letal auswirkt. Nachdem Bea (Emilia Clarke) und Twila (Haley Lu Richardson) bei der Weihnachtsfeier mitgeteilt worden ist, dass ihre Diplomaten-Ehemänner Chris und Tom mit einem Flugzeug abgestürzt und als Helden gestorben sind, werden beide sofort ausgeflogen und sitzen umgehend daheim in Amerika mit lauter Fragen und ohne Antworten. Daheim, das ist für Bea Providence, Rhode Island. Aus einer jüdisch-russischen Familie von Holocaustüberlebenden stammend, hat sie am Wellesley College studiert. Chris war in Harvard, eine Studentenliebe unter Gebildeten. Sie begeben sich dauernd in höchste Gefahr Weltfremd und risikoscheu, perfekt Russisch sprechend, hat die zarte Bea aber die überlebensnotwendige Zähigkeit ihrer russischen Großmutter (Harriet Walter) in den Genen. Meint zumindest der Moskauer CIA-Chef Dane (Adrian Lester), als beide Frauen Anfang 1977 zur Recherche als Spioninnen nach Moskau zurückkehren. Twila hat in Kokoma, Indiana, nur kurz an den Trailer angeklopft, in dem sie ihre Mutter vermutete. Twila ist unerschrocken, zäh und kennt die Tricks, die man zum Überleben auf der Straße braucht. Sie spricht kein Wort Russisch und kann mit Gefühlen wenig anfangen. Klar, zusammen sind Bea und Twila unschlagbar. Vor allem aber sind sie „PONIs“ für den KGB – „Persons of no Interest“. Frauen eben. Zu dumm für das Weltgeschehen. Die russischen KGB-Leute sind ebensolche Machos wie die Amis und unterschätzen die ersten CIA-Spioninnen auf eigenständiger Mission in Moskau kategorisch. Die allerdings weder die Spion-Handbücher lesen (Twila) noch ihre Emotionen aus dem Spiel lassen können (Bea) und sich dementsprechend dauernd in höchste Gefahr begeben. Acht knapp einstündige Folgen hat die erste Staffel der gewitzten Serie von Susanna Fogel und David Iserson, in der Siebziger-Vibes und Siebziger-Musik auf die Frauenpower-Version des Schlapphut-Genres treffen. Schon die Eingangssequenz, in der Emilia Clarkes Figur Bea durch Moskau auf den Markt spaziert, setzt den Ton und bestimmt den filmischen Witz. Die Kamera folgt ihr eben nicht, sie gerät wie zufällig immer wieder kurz ins Bild, aber nicht in den Fokus der Szene. Der gehört immer neuen Männerfiguren, die beobachten und beobachtet werden. Bea ist im Grunde unsichtbar. CIA und KGB sind zwar gleich blind, aber brandgefährlich. Der lokale KGB-Boss Andrei (Artjom Gilz) vertuscht eine Serie von Morden an Prostituierten und tötet selbst umstandslos, sein CIA-Gegenpart Dane spielt mit seinen neuen Spioninnen Katz und Maus. Es gibt Überläufer und Maulwürfe und vielleicht eine große Verschwörung hinter dem Tod von Chris und Tom. „Ponies“ ist originell und guckt sich weg wie nichts, liegt aber auch im Streamingtrend. Auf neue Zeiten, neue weltpolitische Krisenlagen reagiert die Unterhaltungsindustrie. Serien wie „The Night Manager“, „Slow Horses“ oder „The Copenhagen Test“ reaktivieren gerade das Spionage-Genre. „Ponies“ aber setzt neben der mitreißenden Story anfangs naiver, schlauer Agentinnen noch auf kurzweilige „Inspectorinnen-Clouseau“-Momente. Ponies läuft von Freitag an bei Sky und Wow.
