„I’m in Heaven“, singt die amerikanische Jazzinterpretin Peggy Lee, während die Kamera über die Skyline von Los Angeles gleitet. Die Songauswahl ist die erste ironische Spitze der zweiten Staffel der an die gleichnamige Videospielreihe angelehnten Serie „Fallout“. Denn himmlisch ist in diesen retrofuturistischen Vereinigten Staaten des Jahres 2077 gar nichts. Im Schwarz-Weiß-Fernsehen bietet der Robotermagnat Robert House, eingehüllt in dichten Zigarettenrauch, dem Weißen Haus an, außenpolitische Konflikte zu schlichten. Am Kneipentresen reagieren die Arbeiter mit offener Verachtung auf die Einmischung des Großindustriellen. Diesen „verdammten Schmarotzer“ habe man nicht gewählt, flucht ein Bauarbeiter. „Oh doch, das haben wir“, tönt ein Anzugträger aus der Ecke. „Jeder ausgegebene Dollar ist eine abgegebene Stimme.“ Und davon habe Mr. House mehr gesammelt als alle „dämlichen Politiker“ in Washington zusammen. Schon diese erste Szene deutet an, welche Form von Macht dieses Amerika regiert, eine, die sich demokratischer Kontrolle längst entzogen hat. Ein endloses „American Century“, das in den Fünfzigerjahren verharrt Was mit einer Nation geschieht, die sich in moralisch aufgeladener Selbstgewissheit technokratischer Herrschaft überlässt, verhandelt auch die Fortsetzung der postapokalyptischen Amazon-Erfolgsserie „Fallout“. Jonathan Nolan, einer der Regisseure, beschrieb die Alternativwelt von „Fallout“ einmal als ein Amerika, das „niemals selbstkritisch über seine eigenen Sünden und Verfehlungen gesprochen hat“. Einen Vietnamkrieg, den Watergate-Skandal oder gar eine Gegenkultur habe es dort nach dem Zweiten Weltkrieg nie gegeben. Die Folge ist ein endloses „American Century“, das gesellschaftlich, ästhetisch und politisch im 21. Jahrhundert in der Selbstherrlichkeit der Eisenhower-Ära der Fünfzigerjahre verharrt. Aus dieser Logik erwachsen globale Ressourcenkriege, in denen China zum zentralen Gegenspieler der USA wird. Der Konflikt endet im Jahr 2077 mit einer nuklearen Katastrophe, wobei offenbleibt, wer den ersten Atomschlag ausgeführt hat. Welche Rolle mächtige Konzerne bei der Eskalation spielten, entfaltet die Serie abermals in Rückblenden in die Vorkriegszeit. Die Handlungsgegenwart spielt 200 Jahre nach dem Fallout in einer nuklear verseuchten, gefährlichen Ödnis an der nordamerikanischen Westküste, in der verschiedene Fraktionen miteinander und gegeneinander ums Überleben kämpfen. Bindeglied zwischen den beiden Zeitebenen ist der zynische Desperado Cooper Howard (Walton Goggins), der vor dem Krieg ein gefeierter Westernschauspieler war. Durch die radioaktive Strahlung zu einem langlebigen und zähen Ghul mutiert, sucht er seit rund zwei Jahrhunderten in den Wastelands nach seiner Familie. Gute Chancen, Frau und Tochter zu finden, rechnet er sich aus, wenn er den flüchtigen Hank MacLean (Kyle MacLachlan) in die Finger bekommt. Der einstige Chef einer von der Außenwelt abgeschirmten Bunkergemeinschaft entpuppte sich im Finale der ersten Staffel als ideologisch verblendeter Funktionär und überzeugter Vollstrecker des mächtigen Technologiekonzerns Vault-Tec, für den auch Howards Frau vor dem Krieg gearbeitet hatte. Ebenfalls auf der Suche nach MacLean ist seine idealistische und regelgläubige Tochter Lucy (Ella Purnell), die ihren Vater zur Rechenschaft ziehen will. So bilden der verstrahlte Outlaw und die moralisch Unbeirrbare ein ungleiches Duo, das durch die Mojavewüste streift. Trotz zerplatzender Schädel kein Splatter-Klamauk Zugleich entfaltet die Erzählung zahlreiche Nebenstränge, etwa die des Waisenjungen Maximus (Aaron Moten), der vom Knappen eines militärisch organisierten Technikkults zum gefürchteten Stahlritter wurde. Allein die Erkundung dieser vielfältigen Welt mit ihrer komplexen Geschichte, in der vieles (noch) unbeantwortet bleibt, macht „Fallout“ sehenswert. Amazon gelingt es auch mit der zweiten Staffel der Serie, den hohen Ansprüchen der Fans der Computerspiele zu genügen, ohne Zuschauer auszuschließen, die das „Fallout“-Universum noch nie betreten haben. Zu den zentralen Bausteinen der fallouttypischen Erzählweise zählen wieder Humor und Gewalt, die hier keine Gegensätze bilden, sondern einander ausbalancieren: Der teils schwarze, oft lakonische Humor führt die bisweilen extreme Gewalt ad absurdum, während diese dem Humor jede Unschuld nimmt. So rutscht „Fallout“ trotz zahlreicher zerplatzender Schädel und Schießereien mit abgesägten Schrotflinten nicht in Splatter-Klamauk ab, sondern bleibt, wie schon die Videospiele, eine kluge Gesellschaftssatire und eine düstere Abenteuerserie. Fallout läuft bei Amazon Prime Video.
