Ein weiteres Update zum psychotherapeutischen Dauerthema „Trumps Größenwahn – wer hält dagegen?“, diesmal bei Maybrit Illner, ergab zunächst Folgendes: Dieser Größenwahn gehört auch den Psychotherapeuten, jedenfalls nicht weniger als den Politikwissenschaftlern und den Journalisten und den sonstigen Senfdazugebern, bei denen ja immer auch ein wenig die Erwartung mitschwingt, vom Wahn der Großen insoweit zu profitieren, als sie selbst durch ihre Wahnkommentare etwas größer erscheinen könnten, als es ihnen in den Talsohlen des kommentierenden, also nicht selbst agierenden Gewerbes ansonsten vergönnt ist, in welchem sie ja noch nicht einmal den Status von Experten innehaben, sondern lediglich von mehr oder weniger klug klügelnden – Senfdazugebern. Sub specie aeternitatis, aus der Ewigkeitsperspektive stellt sich da nächstens und hier nur nebenbei bemerkt die Frage nach dem Grabstein. Was draufschreiben neben den Lebensdaten? Senfdazugeber? Aber das wurde naturgemäß nicht bei Illner besprochen, obwohl als Querschnittthema wie Digitalisierung oder Nachhaltigkeit es durchaus auch mal eine von Talkshow-Gästen zu besprechende Sendung wert wäre: Pardon, was genau versprechen Sie sich eigentlich davon, heute hier bei Illner vorzusprechen, morgen bei Maischberger und Miosga? Besprochen indes wurde bei Illner, dass Trump ins Ressort der Psychotherapie gehöre. Der frühere Fernsehmoderator Claus Kleber, bestens drauf im Ruhestand, unternahm in der Runde einen entsprechenden Vorstoß, indem er sich dafür aussprach, an den Trump-Komplex jetzt auch mal „psychotherapeutisch heranzugehen“, also durchaus, so konnte man Kleber verstehen, im Sinne einer methodisch geleiteten Aussprache von Kennern der Diagnose „vulnerabler Narzissmus“, inklusive der ungerichteten Aggressionspotentiale, die bei diesem Syndrom entbunden werden, sobald in den Augen des Symptomträgers die „kleinste Beleidigung“ im Raum steht, wie Armin Laschet, der in Resilienz erprobte Unions-Exkanzlerkandidat und Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, feststellte. Herfried Münkler: „Wir haben jetzt einen Grund gefunden, weswegen er diesen Irrsinn will“ Pikanterweise hatte Kleber sich mit seiner psychotherapeutischen Themenidee just an der Stelle eingebracht, durchaus ein wenig dazwischenfahrend, als der Politikwissenschaftler Herfried Münkler dran war und seinerseits eine längere und zugegebenermaßen etwas durch die Brust ins Auge gedachte Erwägung angestellt hatte betreffs Trumps möglicher machtpolitischer Tiefengrammatik, das kleine Stückchen Eis Grönland betreffend. Es wäre vermessen, mit zwei, drei Pinselstrichen jetzt darauf eingehen zu wollen, was Münkler, bei scharfsinnigen Höhepunkten seiner Darlegungen nach oben links mit den Augen blinzelnd, kurz vor Klebers beherzter Intervention im Einzelnen ausführte. Festgehalten verdient, worin Kleber eine Typik erblickte, nämlich „hinter irrsinnigen Äußerungen“ des Präsidenten „so lange nachzudenken, europäisch grübelnd“, bis man sagen könne: „Wir haben jetzt einen Grund gefunden, weswegen er diesen Irrsinn will“, frei nach Shakespeares „Ist’s Wahnsinn auch, so hat es doch Methode“. Gründe sind aus dem Mund von Narzissten aber immer nur vorgeschoben, sie sehen nur ihr eigenes Mega-Ich, das ihnen so groß erscheint, dass die Sachhaltigkeit des vorschnell Vorgebrachten nicht weiter interessiert beziehungsweise gar nicht erst in den Blick gerät. Man könne, so Kleber, davon ausgehen, dass schon der „Anblick der Weltkarte“ bei Trump genüge, um seine Grönland-Begehren in Wallung zu bringen. Mit anderen Worten: Da muss weiter nichts hineingeheimnist werden. Es gehe dem Präsidenten darum, „Amerika zu vergrößern im Sinne von Grundstücksgröße“. Auch Laschet unterstützte diese These einer topographisch um Ich-Erweiterung ringenden Psyche, die bei einer Darstellung der Erdoberfläche sich selbst regelmäßig als zu kurz gekommen betrachtet und sich dann nicht mehr einkriegt: „So banal isses.“ Trumps Größenwahn politisch fassen Münkler drehte dann doch noch einmal voll auf, ließ sich von Klebers Reduktionismus nicht ins Boxhorn jagen. Zunächst umriss er die gegenwärtige Situation so, wonach die Gewinner jene seien, „die am unverschämtesten und selbstbewusstesten auftreten“, die Verlierer dagegen jene, „die zu lange nachdenken“. Um dann eine europäische Agenda zu entwerfen mit erstens einem rein europäischen Generalstab, zweitens einem europäischen Oberkommandierenden der in Europa stehenden europäischen Truppen und drittens eine europäische („ich sage ausdrücklich: europäische“) „nukleare Abschreckungskomponente“. Dann würden seiner, Münklers, Ansicht nach, „viele Dinge ganz von selber laufen“. Brillant die Politikwissenschaftlerin Stormy-Annika Mildner, geschäftsführende Direktorin des Aspen Institute Deutschland, die den Größenwahn lieber wieder politisch fassen wollte und eine Faktorenanalyse vorlegte, warum es bei der Davoser Trump-Show auf verschiedenen Ebenen dann doch zu einem präsidialen Einlenken gekommen sei. Darunter die Geschlossenheit der Europäer, was die Zölle angeht, Trumps Nervosität angesichts der Börsenentwicklung, der geringe Rückhalt für seine Position in den eigenen Reihen zu Hause. Performativ bestach Mildner durch ihre analytische, zurückgenommene Art, die ihren sprunghaften Gegenstand sottisen- und spekulationsfrei untersuchte und so mit ihrer politikwissenschaftlichen Disziplin der Psychotherapie an diesem Abend den Rang ablief. Sarah Pagung, Leiterin des Hauptstadtbüros der Körber-Stiftung, ließ sich die politischen Kategorien ebenfalls nicht vom Größenwahn-Plot der Sendung aus der Hand nehmen. Damit knöpften sich auch Mildner wie Pagung jene Folgenlosigkeit vor, die Laschet an der europäischen Sprücheklopferei verärgert: „Deshalb ärgert mich, wenn aus Brüssel manche mit großen Sprüchen agieren: Jetzt müssen wir es Putin zeigen, man muss klarer gegen Trump reden, wir müssen hier selbstbewusst sein, wir wollen uns von China lösen.“ Zugleich bekomme man es nach 25 Jahren Verhandlungen nicht einmal hin, im Europäischen Parlament 50 Prozent plus eins für ein Handelsabkommen mit Lateinamerika zu mobilisieren, was auch im Blick auf Abstimmungen mit Indien ein verheerendes Signal sei. Hier seien die politischen Zeichen der Zeit verkannt worden, so Mildner, indem jenseits der wirtschaftlichen Erträge eine symbolische Systematik ignoriert wurde, in welcher das Recht des Rechts statt das Recht des Stärkeren zum Zuge hätte kommen sollen. Das war eine unbedingt sehenswerte Talkshow, nüchterne Analyse, wo der Sendungstitel erst mal nur Sprüche erwarten ließ.
