Es war ein interessantes Experiment, dass zu Beginn der ZDF-Talkshow von Sarah Tacke zum Thema „Mehr arbeiten, weniger krank sein – rettet das Deutschland?“ am Donnerstagabend ein QR-Code eingeblendet wurde, der zu einem Zuschauervoting führte. Und dass man über die dort gestellte Frage – „Wären Sie bereit, länger als 8 Stunden am Tag zu arbeiten?“ – im Verlauf der Sendung gleich noch mal abstimmen konnte. Beide Ergebnisse wurden am Ende eingeblendet, miteinander verglichen und stellten damit auch einen Indikator dafür dar, für wie überzeugend die Argumentation der geladenen Gäste gehalten wurde: Während zu Beginn 65 Prozent bereit waren, mehr als acht Stunden am Tag zu arbeiten, waren es nach der Diskussion 75 Prozent. Das ist für eine Runde mit der Ausgangsfrage, ob Deutschland „zu faul“ sei, in 60 Minuten keine schlechte Bilanz. „Herr Madsen, Herr Madsen, Herr Madsen!“ Zwischendurch hätte man per QR-Code zugegebenermaßen gerne noch ein paar andere Fragen beantwortet, zum Beispiel die, ob man der Meinung sei, dass Claus Ruhe Madsen (CDU), Minister für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus in Schleswig-Holstein, bei Sarah Tacke zu viel Redezeit hatte – eine Frage, die man gerade im zweiten Teil der Sendung entschieden mit Ja beantwortet hätte. Madsen war kaum zu stoppen. Die Moderatorin musste erst „Herr Madsen, Herr Madsen, Herr Madsen!“ rufen, bis dieser sich daran erinnerte, nicht allein im Studio zu sein, und die anderen auch mal wieder zu Wort kommen durften. Was er sagte, mag allerdings zur erhöhten Arbeitsbereitschaft der Zuschauer am Ende der Sendung beigetragen haben. Denn der in der Umfrage gestellten Frage hätte er gerne noch einen Halbsatz hinzugefügt, etwa den, ob man bereit wäre, mehr Stunden zu arbeiten, wenn die Überstunden bis zu einem bestimmten Betrag „nicht versteuert werden müssten“, so Madsen. Das könnte ein Anreiz sein. Er halte es für fatal, den Deutschen Faulheit vorzuwerfen. Wenn wir den Wohlstand in Deutschland aber erhalten wollten, müssten wir „ein bisschen mehr leisten“, sagte der dänisch-deutsche Unternehmer und Politiker und strengte einen Fußball-Vergleich an: „Wenn die Chinesen nach 90 Minuten in die Verlängerung gehen, dann ist es nicht gut, wenn wir nicht mehr auf dem Platz sind.“ „Da finden Sie niemanden, der Bock hat“ Sicher sei, befand auch die Geschäftsführerin eines familiengeführten Malerbetriebs, Christina Böhm, dass so, wie es gerade laufe, niemand motiviert werde, mehr zu arbeiten. Sie habe Mitarbeiter, erzählte sie in der Talkshow, die während der Sommermonate auf dem Sendeplatz von „Maybrit Illner“ läuft, die, je nach Länge des Monats, 180 oder 190 Stunden arbeiteten. Wenn diese nun aber 210 Stunden arbeiteten, wollten sie das immer aufs Arbeitszeitkonto gutgeschrieben und nicht ausbezahlt bekommen. Warum? „Weil sie“, so Böhm, „wenn sie 210 Stunden bezahlt bekämen, weniger netto haben als bei 190 Stunden. Da finden Sie niemanden, der Bock hat und sagt, da mach ich ein paar Stunden mehr!“ Sarah Tacke blendete während der Sendung wiederholt die Rankings der Länder ein: Arbeitet man in Deutschland zu wenig? Im internationalen Vergleich, so veranschaulichte es ein Schaubild, das auf Daten des Instituts der Deutschen Wirtschaft zurückging, stehe Deutschland auf dem drittletzten Platz von 27, weniger werde nur noch in Frankreich und Belgien gearbeitet. Bei Krankschreibungen belegen wir laut einer OECD-Quelle unter 29 europäischen Ländern den angeblich achten Platz mit 3,5 Wochen, in denen die Deutschen im letzten Jahr im Durchschnitt krank waren. Woraus die Regierung die Forderung nach der Krankschreibung am ersten Tag abgeleitet habe. Krankschreibung am ersten Tag? Bitte nicht. Es waren allerdings ihre Gäste, die sich von Sarah Tacke mit solchen Schaubildern nicht füttern lassen wollten. Vielmehr zeigten sie sich, was Statistiken anging, aus unterschiedlichen Gründen skeptisch und plädierten – entgegen der vereinfachten Darstellung – für Differenzierung. Der Diskussion tat das gut. Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow (Die Linke) wusste, dass Überstunden in der ersten Statistik nicht erfasst würden: „Wir dürfen nicht nur auf die Statistiken schauen, wir müssen uns die Arbeitswelt anschauen“, so der Politiker. Madsen wiederum verwies im Ländervergleich der Krankschreibungen darauf hin, dass es in den einzelnen Ländern nicht nur sehr unterschiedliche Regelungen, sondern auch Erhebungsverfahren von Krankschreibungen gebe. „Ich halte von solchen Statistiken nicht allzu viel“, sagte er und kritisierte, dass es, anstatt auf solche Rankings zu starren, vielmehr darum gehen müsse, zu fragen, warum wir denn einen solch hohen Krankenstand haben? Dass die Krankschreibung am ersten Tag nur zu Chaos in Arztpraxen führe und eher kontraproduktiv sei, darin waren sich Böhm, Ramelow und Madsen einig. Und auch in der Frage des Bürokratieabbaus gab es Konsens. Christina Böhm erzählte aus ihrem Familienbetrieb in vierter Generation, dass ihr Opa in den Achtzigerjahren hundert Mitarbeiter mit sieben Büroangestellten gehabt habe und sie heute bei dreißig Mitarbeitern mit sechs Büroangestellten seien: „Wir brauchen immer noch so viele Mitarbeiter im Büro, weil wir uns zu Tode verwalten“, so die Unternehmerin. „Ich kriege Bußgeldbescheide, wenn ich fürs Bayerische Landesamt für Statistik nicht pünktlich Daten und Fakten abgebe.“ Als ehemaliger Ministerpräsident wisse er, so auch Ramelow, dass die Verwaltung immer mehr abverlange. Dabei gehe es um die Frage, ob wir alle diese Daten überhaupt brauchen, ob wir sie verwerten, sie zu etwas führen. Und Madsen beklagte, dass ausgerechnet der Bürokratieabbau sehr bürokratisch sei. Als sich mit Quentin Gärtner, Student, Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen und Buchautor („Deutschland völlig lost. Wie meine Generation dem Land den Arsch retten wird“), dann ein vorher schon angekündigter vierter Gast mit an den Tisch setzte, kam noch mal neue Energie und Widerspruchsgeist ins Studio. Gärtner kritisierte, dass er – nach den Sondervermögen für Verteidigung sowie Infrastruktur und Klimaneutralität für jeweils 500 Milliarden Euro – nicht sehe, dass diese in den Schulen oder Hochschulen ankämen, also an den Stellen, die Zukunft gestalteten. Da habe man also im ersten Regierungsjahr die Pendlerpauschale erhöht, die Mehrwertsteuer in der Gastro gesenkt, den Agrardiesel subventioniert, die Mütterrente eingeführt, ein Rentenpaket für mehrere Milliarden umgesetzt – und jetzt reiche es nicht mehr für Investitionen in die Zukunft? Seine Anklage: „Das Geld von jungen Leuten wird für dämliche Wahlgeschenke verzockt. Und das Traurigste ist: Es funktioniert ja noch nicht mal! Schauen Sie sich die Umfragewerte an!“ Gärtner zeigte sich während der Diskussion über die Frage, ob Deutschland zu faul sei, so hoch motiviert, engagiert, unruhig und dabei doch gut gelaunt, dass es ihn kaum auf seinem Stuhl hielt. Und es wirkte fast ein bisschen absurd, dass die anderen, während sie ihm zuhörten (für Claus Ruhe Madsen eine Herausforderung!), ganz ruhig dasaßen – und einfach nur nickten.
