FAZ 30.01.2026
06:39 Uhr

TV-Kritik: Maybrit Illner: Warum schaffen die Deutschen nicht einfach einen Feiertag ab?


Für Maybrit Illner sprang diesmal Shakuntala Banerjee ein. Die Zuschauer wurden daran erinnert, dass früher alles besser war. Und mit „Lifestyle-Teilzeit“ ist eigentlich niemand gemeint, wenn es nach Lars Klingbeil geht.

TV-Kritik: Maybrit Illner: Warum schaffen die Deutschen nicht einfach einen Feiertag ab?

Es war nur ein unbedeutender Versprecher von Autoindustrie-Verbandschefin Hildegard Müller. Doch als sie in der Talkshow „Maybrit Illner“ sagte, 2016 müsse ein Jahr großer Entscheidungen werden, dachte man gleich an den passenden Social-Media-Trend, der kürzlich auf Instagram und anderswo herumgeisterte: Nostalgie für die Welt vor zehn Jahren. In der Sendung ging es um die Weichenstellungen, die ein starker Standort Deutschland jetzt brauche. Da könnte wirklich kurz Sehnsucht aufkommen nach dem Jahr 2016: Nicht nur sprach da kein Kanzler von „Lifestyle-Teilzeit“ als Last – sondern natürlich hatte es noch keine Pandemie, keinen Ukrainekrieg und keine zwei Amtszeiten von Donald Trump gegeben. „Deutschland ohne Wachstum – Opfer bringen für den Neustart?“, lautete der Sendungstitel, stimmungstechnisch ein wenig so, als müsse das Land von vorne neu aufgebaut werden. Gastgeberin war diesmal nicht Maybrit Illner, sondern wegen eines Trauerfalls Shakuntala Banerjee, die die ZDF-Hauptredaktion Politik und Zeitgeschehen leitet und das „Auslandsjournal“ moderiert. Neben Müller waren Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) und Eva Quadbeck dabei, die Chefredakteurin des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) ist. Für wirtschaftswissenschaftliche Expertise sollte Gabriel Felbermayr sorgen, Direktor des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO). Düstere Zeiten für den Standort Am Anfang machte ein Einspieler wie üblich den Ernst der Lage klar: nur noch ein Prozent Wachstum, drei Millionen Arbeitslose, ein düster dreinblickender Kanzler Friedrich Merz, der in der „Lifestyle-Teilzeit“ einen Fehler im System ausgemacht hat. Damit lasse sich der Wohlstand nicht aufrechterhalten, so Merz. Und überhaupt sind bekanntlich die Standortkosten in Deutschland zu hoch, Energiepreise, Steuern, Kosten des Sozialstaats. In letzteren Punkten waren sich die Diskussionsteilnehmer dann auch weitgehend einig – mit Abstufungen. Zunächst ging es aber um die Folgen der amerikanischen Politik für Deutschland: Dass die Europäer Trumps Grönland-Säbelrasseln und seine Strafzölle durch einiges Auftreten mit verhindert hätten, das sei ein Erfolg, auf dem man sich nicht auszuruhen gedenke, sagte Klingbeil. Die Herausforderung der Zukunft werde es sein, als Europäer mit einer Stimme zu sprechen, während man die eigenen Volkswirtschaften so stark wie möglich machen müsse. Auch Felbermayr sagte, Europa sei keineswegs komplett ohnmächtig. Der Anteil europäischer Importe in den USA sei nach wie vor hoch. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssten die Regierungen nun erst recht Reformen angehen und Handelsabkommen wie Mercosur nicht verzögern. Quadbeck fragte wiederum, wie der Wunsch nach europäischer Stärke unterfüttert werden solle. Abseits von Davos und dem gemeinsamen Auftreten gegenüber Trump gebe es die europäische Einigkeit nämlich bislang nicht – was sei zum Beispiel, wenn in Frankreich die Rechtspopulisten an die Macht kämen? „Parteien wagen nichts“ Müller forderte arbeitgeberfreundlichere Politik: Ohne bessere Wettbewerbsbedingungen werde die Arbeitslosigkeit noch weiter steigen. Achtzig Prozent der Mitglieder des von ihr geleiteten Verbandes der Automobilindustrie verlagerten Investitionen ins Ausland. Bürokratie werde nicht wie versprochen abgebaut, mit den Steuern liege Deutschland nach wie vor am oberen Ende des OECD-Schnitts.  Klingbeil klang entschlossen, aber was die konkreten nächsten Schritte anging, blieb er vage. Ob er nicht gerade wieder Geld aus Schuldentöpfen verteile, während er Ressorts zum Sparen auffordere, wollte Banerjee wissen. Das wies der Minister zurück. Die Herausforderungen der vergangenen Jahre seien eben besonders teuer gewesen, die Pandemie, der Krieg in der Ukraine. Nun komme es darauf an, öffentliche wie private Investoren zu stärken. Deutschland jedenfalls dürfe sich in diesen Debatten auch nicht „in Grund und Boden reden“, so Klingbeil. Und eins weise er zurück: Die Deutschen seien nicht faul, auch die in Teilzeit nicht. Gut, werden sich da viele Menschen, besonders Frauen, gedacht haben – wo doch das Ehegattensplitting und der Mangel an Kinderbetreuungsmöglichkeiten das Teilzeitmodell bislang für sie attraktiv und häufig zwingend machen. Quadbeck brachte unterdessen einen weiteren Aspekt in die Debatte ein: Die Regierungsparteien hätten angesichts der kommenden Landtagswahlen so viel Angst vor der AfD, dass sie keine Veränderungen angingen, die Wähler schmerzen könnten. Die Journalistin nannte das das „Verhetzungspotential“ aller größeren politischen Projekte und Reformen, aus denen die Rechtsextremen Kapital schlagen könnten. Besonders die SPD sei im Stadium des „Existenzkampfes“ angekommen. Es war wie so häufig eine Sendung, in der vor allem bekannte Probleme beschrieben wurden. Der konkreteste Lösungsvorschlag kam dieses Mal von dem Ausländer in der Runde: Warum die Deutschen denn nicht einfach einen Feiertag abschafften, fragte der Österreicher Felbermayr – das gehe in Skandinavien schließlich auch.