FAZ 22.01.2026
07:08 Uhr

TV-Kritik: Markus Lanz: Trumps Egozentriksause im „Mafia-Style“


Angesichts aggressiver Unwilligkeit, wie Donald Trump sie gerade wieder in Davos an den Tag legt, stößt traditionelle Politik an ihre Grenzen. Bei Markus Lanz interpretierte ein Urgestein der Grünen diese neue Realität.

TV-Kritik: Markus Lanz: Trumps Egozentriksause im „Mafia-Style“

Dass Gefügigkeit eine Antwort auf Machtmissbrauch sein könnte, hält Jürgen Trittin für ebenso wahrscheinlich wie falsch. Dem mittlerweile aus dem Deutschen Bundestag ausgeschiedenen Politiker, Grünen-Urgestein, kam bei Markus Lanz die Aufgabe zu, gleichsam die deutsche Version von Mark Carneys Davoser Rede zu halten, jener Rede des kanadischen Premiers, von der es alsbald hieß, die Welt habe auf sie gewartet. Trump ist weltpolitisch potent, der Gamechanger, wo immer er auftaucht, und das macht die Kritik an seiner Präpotenz nicht einfacher. Lanz versuchte sich anhand eines Fotos vom Weltwirtschaftsgipfel als Bildinterpret: Da sei bei Trumps Gesprächen kein Däne zu erkennen, kein Grönländer: „Über die Köpfe von Menschen hinweg sagen Leute einfach an, weil sie es können, was sie demnächst vorhaben.“ Was sagt uns das, Herr Trittin, wenn es ausreichen soll, dass jemand etwas tun kann, um es dann tatsächlich auch zu tun? Carney verweigerte Trump einen Gefallen Trittin kam sofort auf die „Illusionslosigkeit“ der Rede Carneys zu sprechen, den Kontrapunkt zu Trumps noch mit Standing Ovations eingeleiteter achtzigminütiger Egozentriksause, aus der immer nur das eine sprach: Ich kann es, also tue ich es. Carney dagegen tat Trump nicht den Gefallen, nun seinerseits ebenfalls um ihn zu kreisen, von dem jedes Husten, jeder Gesichtsausdruck als Ansage wahrgenommen wird, sondern der Kanadier geißelte die Gefügigkeit von Trumps Speichelleckern, die mangelnde Unerschrockenheit derer, welche von der nicht nur unsublimen, sondern einfach auch unästhetischen Präpotenz fertiggemacht werden sollen. Es gebe, so hatte Carney festgestellt, eine starke Tendenz von Ländern, „mitzuschwimmen, sich anzupassen, Ärger zu vermeiden, zu hoffen, dass Gefügigkeit Sicherheit erkauft. Nun, das wird sie nicht.“ Ergebenheit und Willfährigkeit seien jedoch, so Carneys weltweit gewürdigtes Davoser Signal, die falschen Haltungen gegenüber derjenigen Person, die sich in ihrer äußeren Macht und inneren Hohlheit schrankenlos wähnt und die es in diesem Wahn von einem ungebührlichen Auftritt zum nächsten treibt. Status politischer Pennäler So etwas gelte es tatsächlich nicht ängstlich zu verschweigen, sondern offen auszusprechen, und genau das tat Trittin bei Lanz, als er auf einen Deformationszusammenhang hinwies. Trump und Putin verbinde offenkundig die machtpolitische Annahme, in ihren jeweiligen Hemisphären hätten die Staaten keine oder nur eingeschränkte Souveränität. Sie sollen grob angerempelt, gewissermaßen auf den Status des politischen Pennälertums herabgedrückt werden, dem man alles und jedes glaubt vorschreiben zu können. Andererseits reagiere Trump auf Gegendruck und folge hier dem Muster okkasioneller Drauflosrede: Habe man, so versteht man Trittin, mit einer solch japsenden Ich-versuch’s-mal-Narration ein Vorhaben wieder „ein Stück weit gegen die Wand gefahren“, werde es als Sieg uminterpretiert. Trittin sprach von einem rhetorischen „Mafia-Style“: „Man haut mal kräftig auf den Tisch, und wenn man Gegendruck spürt, erklärt man sich zum Sieger, auch wenn man verloren hat.“ Was wohlgemerkt nicht heiße, die angemaßten Ansprüche aufzugeben: Die würden womöglich „bei nächster Gelegenheit wieder hervorgeholt“. Aggressive Unwilligkeit Mit der ebenfalls anwesenden Politikwissenschaftlerin Jana Puglierin war sich Trittin einig, dass ein hergebrachter, a priori auf Verständigung zielender Politikstil angesichts solch aggressiver Unwilligkeit, die Form zu wahren, an sein Ende gekommen und aus der Zeit gefallen sei. Damit wurde Jens Spahns Davoser Dauerappell zur „Besonnenheit“ quittiert – wie am Vortag bei Lanz in der Sache schon durch Peter Neumann vom Londoner King’s College – der die Wahnhaftigkeit auf den Satz gebracht hatte: „Trump glaubt, es ginge alles.“