FAZ 16.02.2026
19:59 Uhr

TV-Film „Ein Pazifist im Krieg“: Ein ukrainischer Hippie im Krieg


Der Künstler Dok träumt davon, eine Krishna-Kommune in den Karpaten zu gründen. Durch den russischen Überfall auf sein Land wird er zum Soldaten. Arte zeigt ein lyrisches Film-Tagebuch, das vorführt, wie der Krieg das Leben zersetzt.

TV-Film „Ein Pazifist im Krieg“: Ein ukrainischer Hippie im Krieg

„Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal im Krieg sein würde, geliebte Menschen verlieren würde. Ich möchte weiterhin das Schöne sehen. Mit Menschen mitfühlen. Unbedingt meine Seele retten an einem Ort, an dem alles verschwindet.“ Mit diesen Worten – mit Schussgeräuschen im Hintergrund und visuell von Kämpfen im Wald aus Perspektive eines Schützen begleitet, der seine Kalaschnikow nachlädt – beginnt Dmytro Dokunovs Film-Tagebuch über den Krieg. Der 38 Jahre alte Digitalkünstler und Ka­meramann, den seine Freunde „Dok“ nennen, beschreibt sich selbst als „Kind der Natur“. Er ist Anhänger der Hare-Krishna-Bewegung und baut mit Gleichgesinnten ein Ökodorf im Karpatengebirge auf. Die Hippies ernähren sich vegetarisch, machen Yoga, träumen von einer friedlichen Welt und leben in den Tag hinein – bis der Krieg ausbricht. Als Dok im März 2022 den Einberufungsbescheid erhält, beschließt er, nicht zu fliehen, sondern Fallschirmjäger zu werden. Für „Ein Pazifist im Krieg. Tagebuch eines ukrainischen Soldaten“ hat Dokunov sich und seine Umgebung mit der Kamera aufgenommen, der Regisseur Oleksandr Tkachenko hat aus diesem Material den Film erstellt. Dieser ist Teil des Projekts #GenerationUkraine, mit dem Arte zwölf ukrainische Dokumentarfilme unterstützte, darunter auch den international re­zipierten Film „Intercepted“ von Oksana Karpovych, der Aufnahmen des vom Krieg verwüsteten Landes mit verstörenden abgehörten Gesprächen russischer Soldaten untermalt. „Wir sind keine Kommandotruppe“ Tkachenkos Film ist insofern besonders, als er die Perspektive eines Menschen einnimmt, der das Gegenteil eines Soldaten ist, und doch zu einem werden muss. Der Kontrast von Doks Leben vor und nach dem 24. Februar 2022 könnte nicht größer sein. Und obwohl er sich im Laufe seines Militärdienstes stark verändert, büßt er weder sein Können als Ka­meramann, gepaart mit seinem künstle­rischen Blick, noch die Aufrichtigkeit ein, mit der er seine Emotionen und Gedanken kommentiert. Dok versucht nicht, sich als Held zu inszenieren, sondern spricht mit seinen Kameraden über Ängste. Auf visueller Ebene besticht der Ansatz des Regisseurs, oftmals zwei Videosequenzen im Hochformat parallel zueinander abzuspielen, was zu der sensiblen, reflektierten Art des Protagonisten passt. Während man etwa links sieht, wie Dok mit seinen Kameraden im Wald eine Mahlzeit einnimmt, geht rechts eine Pusteblume in Flammen auf – untermalt mit spirituellen Klängen, die sich durch den gesamten Film ziehen. Doks Kameraden, die man zunächst beim Training im Norden der Ukraine und in Großbritannien kennenlernt, sind wie er keine professionellen Soldaten. „Wenn ich mir die Jungs so anschaue, denke ich: Wir sind keine Kommandotruppe. Eher ein paar Kumpels im Urlaub. Normale Menschen, die aus ihrem Leben gerissen wurden, aus ihren Familien, aus ihren Träumen“, erklärt der Krishna-Anhänger. Während er mit seinen Kameraden in der Ausbildungsphase noch im Wasser herumtollt und scherzt, wird schon die erste Mission in der Region Cherson zu einer grausamen Initiation. Von 15 Männern, die in den Kampf ziehen, überleben nur vier. Wenn seine Männer sterben, macht er sich Vorwürfe Und obwohl dieser Verlust Dok tief erschüttert, versucht er weiterzuleben. Er hält im Krieg nach schönen Momenten Ausschau, fängt sie mit seiner Kamera ein und kommentiert die Aufnahmen in seiner eigenwilligen lyrischen wie lakonischen Art. Seiner Freundin Daria schickt er etwa das Handyvideo einer hübschen violetten Blume, die er entdeckt hat. Und selbst die gefährlichen Brandbomben im Himmel, die orange Leuchtstreifen formen, sehen irgendwie schön aus. Mut macht Dok die Dankbarkeit der Menschen in den Dörfern, die von der russischen Besatzung befreit werden. Die Dorfbewohner empfangen die eigenen Soldaten freudig, weinen vor Erleichterung, möchten sie umarmen und Fotos mit ihnen schießen. Diese emotionalen Begegnungen erinnern Dok daran, warum es sich zu kämpfen lohnt. Doch dann wird seine Truppe in die Region Donezk verlegt, ins Epizentrum des Krieges. „Je weiter wir nach Osten ziehen, desto größer wird die Leere in mir“, sagt der frühere Hippie. Er habe immer weniger Lust zu filmen. In Bachmut und Soledar erlebt Dok die brutalen Häuserkämpfe als Kompaniechef mit, zu dem er inzwischen ernannt wurde. Wenn seine Männer sterben, macht er sich Vorwürfe, nicht die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. „Auf einen Menschen zu schießen, ist leichter, als ich dachte. Du zielst einfach und drückst ab. Ohne einen Moment des Zweifels“, sagt er. Man wird Zeuge, wie der einst spirituelle und lebensfrohe Künstler abstumpft. Gegenüber dieser Kriegsmaschinerie sei er machtlos, sagt er resigniert. Der Krieg mache ihn kaputt. Nach knapp einem Jahr ist der Krishna-Anhänger so sehr körperlich und geistig angeschlagen, dass er aus dem Dienst ausscheidet und in sein Dorf zurückkehrt. Doch den Krieg nimmt Dok dorthin mit – neben massiven Knieproblemen leidet er auch an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Seine Sinne funktionieren nicht, er empfindet keine Freude mehr. Das Ökodorf will er in ein Reha-Zentrum für Veteranen wie ihn verwandeln. Der Krieg wird Dok für immer zeichnen, niemals wieder wird er der naive Kreative von früher sein. Seine Offenheit, die Zuschauer an seinem Schicksal teilhaben zu lassen, und die poetische Bewegtbildsprache machen den Film „Ein Pazifist im Krieg“ zu einem einzigartigen Dokument. Ein Pazifist im Krieg läuft um 22.50 Uhr bei Arte.