FAZ 25.02.2026
06:03 Uhr

TRiell in Baden-württemberg: Es fehlt der Triggerpunkt


Die Grünen hoffen immer noch auf eine Lage, in der ihr Spitzenkandidat Cem Özdemir seine Qualitäten zeigen kann. Das Triell am Dienstagabend war dafür ungeeignet.

TRiell in Baden-württemberg: Es fehlt der Triggerpunkt

Kann ein Triell mit den Spitzenkandidaten von CDU, Grünen und AfD noch einmal Bewegung bringen in eine recht stabile politische Stimmungslage? Grüne und AfD müssen darauf hoffen. Sie liegen in Baden-Württemberg in den Umfragen seit Monaten mehrere Prozentpunkte hinter der CDU. Mit der Fernsehdebatte des SWR wollten sie knapp zwei Wochen vor der Landtagswahl am 8. März den Abstand verkleinern. Das Ziel des grünen Spitzenkandidaten Cem Özdemir war es, das Studio mit einem Kompetenzgewinn in der Wählerschaft zu verlassen, um vom zweiten Platz mit derzeit 23 Prozent noch aufholen zu können. Vielleicht auf Platz eins. Auf dem liegt mit knapp 30 Prozent die CDU. Markus Frohnmaier von der AfD versuchte, die Bühne zu nutzen, um das Programm seiner in Teilen rechtsextremen Partei möglichst breit und mit seriösem Auftritt vorzustellen. Der SWR hatte sich zum Verdruss der Grünen wegen der vom Bundesverfassungsgericht verlangten „abgestuften Chancengleichheit“ für ein Triell entschieden und eine gerichtliche Auseinandersetzung mit der AfD gescheut, obwohl die Partei mittlerweile in den Umfragen nur die drittstärkste ist. Ein Duell zwischen den Spitzenkandidaten der beiden stärksten Parteien gibt es im gesamten Wahlkampf nicht. CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel dürfte an einem solchen Duell auch gar kein Interesse haben. Denn solche Duelle helfen in der Regel dem populärsten Kandidaten – wenn er sich gut schlägt. Und das ist nach allen Umfragen der 60 Jahre alte Özdemir. Özdemir dämpft die Erwartungen Das von Florian Weber und Hendrike Brenninkmeyer moderierte Triell im Stuttgarter Römerkastell beginnt dann eher lahm. Hagel sagt – wie in fast jeder Rede –, dass Baden-Württemberg wieder an die Spitze gehöre, er behauptet, die CDU habe dafür die Ideen. Der CDU-Mann plädiert für Sonderwirtschaftszonen und für zehn Zukunftscluster. Beide Vorschläge sind nicht neu. Özdemir dämpft die Erwartungen an die Wirtschaftspolitik des Bundeslandes etwas und sagt: „Bei vielem kann ich mich anschließen, die Zölle von Trump kann der Ministerpräsident nicht rückgängig machen, die Chinesen sollen hier einkaufen müssen, ich habe vorgeschlagen, alle Berichtspflichten ersatzlos zu streichen.“ Özdemir sagt, die baden-württembergische Autoindustrie habe den Fehdehandschuh aufgenommen und sei wieder konkurrenzfähig: „Ich habe den neuen Mercedes CLA gesehen, das ist ein hervorragendes Fahrzeug, was das Thema Reichweite, was das Thema Laden, was das Thema Fahrkomfort angeht.“ Das Auto sei heute auch ein „fahrendes Mobiltelefon“. „Wir müssen der Forschung ermöglichen, die bürokratischen Hürden wegzunehmen.“ Besonders deutlich werden die Unterschiede zwischen den beiden etablierten Regierungsparteien einerseits und der AfD andererseits in der Wirtschaftspolitik: Während der Spitzenkandidat der AfD die Notwendigkeit der Transformation der Autowirtschaft abstreitet, bejahen Hagel und Özdemir die notwendigen Veränderungen, die sie als Strukturwandel oder Transformation unterschiedlich gestalten wollen. „Mao, Moskau, MAGA“, wirft Hagel ein, als der AfD-Politiker zu den außenpolitischen Bedingungen der Wirtschaftspolitik spricht. Frohnmaier kommt immer wieder auf das Thema Migration zurück und wirft CDU und Grünen vor, die jetzt vorgebrachten Veränderungen nicht durchgesetzt zu haben. Hagel fordert sofortige Abschiebung von kriminellen Asylbewerbern Beim Thema Migration zeigen sich zwischen CDU und Grünen wohl die deutlichsten Unterschiede. Özdemir sagt, wer Deutsch spreche, arbeite und die Werte des Grundgesetzes akzeptiere, müsse im Land bleiben dürfen. Hagel fordert ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz und die sofortige Abschiebung von kriminellen Asylbewerbern. Frohnmaier definiert das Thema Remigration nicht nur rechtlich: „Remigration betrifft illegale Personen, die unsere Sprache nicht sprechen oder nicht erwerbstätig sind.“ Wer bleiben wolle, müsse Deutschland aber auch lieben und einen Beitrag zur Solidargemeinschaft leisten. Das verlangt das Grundgesetz aber nicht. Frohnmaier macht der CDU für die Sondersitzung des Landtags am Mittwoch sogar ein Kooperationsangebot, obwohl er gar nicht Mitglied des Landtags ist. Da wird Hagel sehr deutlich. Niemals werde die CDU mit der AfD koalieren oder auch nur kooperieren. „Wir werden unser Land und die Menschen in diesem Land vor Ihrer Partei schützen.“ Darauf erwidert Frohnmaier: „Das ist ja nett.“ Auf die von Hagel gestellte Frage, ob der russische Präsident Putin ein Kriegsverbrecher sei, antwortet Frohnmaier ausweichend. Das müssten später einmal die Gerichte entscheiden. Am Ende kommt das Gespräch noch auf ein aktuelles Ereignis: Von Manuel Hagel ist kurz zuvor ein Ausschnitt aus einem älteren Interview aufgetaucht, in dem er über einen Schulbesuch gesprochen hatte. „80 Prozent Mädchen. Da gibt es für einen neunundzwanzigjährigen Abgeordneten schlimmere Termine als diesen“, hatte Hagel im Jahr 2018 gesagt. Mit Blick auf eine bestimmte Schülerin schwärmte er: „braune Haare, rehbraune Augen“. Es handelte sich um Schülerinnen im Alter von 16 Jahren. Das Video mit der sexistischen Aussage hatte die grüne Bundestagsabgeordnete Zoe Mayer über einen Social-Media-Kanal veröffentlicht. Frohnmaier nutzt den Vorfall, für den sich Hagel entschuldigt hat, um Unfrieden zwischen CDU und Grünen zu stiften. Ob sich Özdemir vorstellen könne, fragte er, mit der CDU noch einmal zu koalieren. Der grüne Spitzenkandidat ist klug genug, seinen ärgsten politischen Wettbewerber zu verteidigen: „Ich bin mir sicher, Herr Hagel würde das heute nicht mehr so formulieren.“ Man sollte Frauen wie Männer immer nach gleichen Maßstäben beurteilen – nur nach ihrer Leistung. Nach anderthalb Stunden endet das Triell so. Die Bilanz: Frohnmaier nutzte die Bühne und konnte sich souverän präsentieren. Von den Spitzenkandidaten, um die es eigentlich geht, hörte man nicht viel, was sie nicht auch schon auf Veranstaltungen oder in Interviews gesagt hätten. Es fehlte auch an diesem Abend ein harter Triggerpunkt, der dem Wahlkampf eine neue Richtung geben könnte. Ein Triell kann niemals ein Duell sein.