Wieder einmal hat Ahmed al-Scharaa seinen Machtinstinkt bewiesen. Er überrumpelte seine Rivalen, in diesem Fall die kurdische Autonomieregierung, mit einer Militäroffensive. Sie musste eine Waffenstillstandserklärung unterzeichnen, in der ihre eigene Auflösung festgeschrieben steht. Schon als im Dezember 2024 der Gewaltherrscher Baschar al-Assad gestürzt wurde, war der Vormarsch unter Scharaas Führung schneller erfolgt, als viele erwartet hätten. Die (erst einmal) geschlagenen kurdischen Milizen sind von ideologischen Kadern der PKK-Organisation durchsetzt. Es ist kaum zu erwarten, dass sie sich so einfach dem Willen der Damaszener Führung fügen. Scharaa hat dazugelernt. Eine Gewaltorgie, wie sie Drusen oder Alawiten erleiden mussten, blieb aus. Damaskus setzte nicht mehr allein auf rohe Gewalt, sondern flankierte seine Militärkampagne geschickt mit politischen Zugeständnissen, die Scharaa Wohlwollen im Ausland einbrachten – und womöglich auch die Kampfmoral seiner Gegner schwächten. Für die Erkenntnis, dass es für Stabilität einen echten Ausgleich braucht, reicht die Lernfähigkeit indes noch nicht. Mit seiner militärischen Machtdemonstration stellt Scharaa eine Lehre bereit, die all jene beunruhigen muss, die ihm kritisch gegenüberstehen. Der neue Machthaber mag der Brüderlichkeit und der Vielfalt Syriens das Wort reden. Aber Koexistenz findet nur unter einer Bedingung statt: Scharaas unangefochtener Herrschaft.
