Auch die Segler stellten sich der Tragödie, die Australien verändert hat: Vor der Küste von Bondi Beach, dem Strand, der wie kein anderer für die Leichtigkeit des Seins Australiens stand, warfen die Mannschaften von 14 Rennbooten Blütenblätter in die See. Ihre Geste, der Opfer des antisemitischen Massakers zu gedenken, das am 14. Dezember über Bondi Beach hereingebrochen war und 15 Menschen das Leben kostete. Mit dem 80. Startschuss im schönsten Hafen der Welt am zweiten Weihnachtstag begann eine Tortur für die fast 1300 Segler, die sich auch bei der Jubiläumsausgabe über 628 Seemeilen (1163 Kilometer) über die Bass Strait bis in den mit seiner üblichen Flaute extrem fordernden Derwent River zum Hafen der tasmanischen Hauptstadt Hobart hinzieht. Am Ende geht es nicht um den Gewinner nach berechneter Zeit. Die Blicke gelten den Maxis – Großyachten von 100 Fuß, gut 30 Metern Länge, für die sich ihre millionenschweren Eigner Profis als Mannschaft leisten. Christian Beck mit seiner Law Connect ringt im Jubiläumsjahr um das Triple: Die vergangenen beiden Rennen konnte er mit seiner Law Connect unter teils dramatischen Bedingungen gewinnen. Doch auch vor dieser Regatta stapelt er, wie stets, tief mit Blick auf seinen Hauptkonkurrenten Comanche: „Sie machen für uns alles schwerer, denn unser Problem ist schlicht, dass die Comanche zwar dieselbe Bootsklasse, aber in jeder Hinsicht besser ist. Wenn es für uns also gut läuft, läuft es für die spitzenmäßig“, sagte er mit Blick auf die erwarteten Wetterbedingungen. Viermal hat Comanche das Rennen gewonnen. Comanche übernimmt die Führung Die Bedingungen waren schon am Start fordernd. Zwar herrschten nur rund 15 Knoten Wind, aber schon im Hafen und dann entlang der Küste stand eine hohe Welle, die den Mannschaften zu schaffen machte. Beck schaffte es auf einem Anliegerkurs wieder als Erster aus der Bucht. Sein Verfolger, die Maxi Comanche, hatte den Rekord 2014 bis zur ersten Tonne auf 4:35 Minuten gestellt. In diesem Jahr brauchte Law Connect knapp sechs Minuten, Comanche wenige Meter hinter ihr. Danach ging es für die beiden Führenden in ein Match Race gen Süden entlang der australischen Küste. Bis zum Einbruch der Nacht wurde es ein Kräftemessen der Navigatoren und Taktiker an Bord – auf den führenden Booten allesamt Profis mit jahrzehntelanger Erfahrung, oft Olympia-Teilnehmer. Gut sechs Stunden nach dem Start übernahm die Comanche die Führung. Bis dahin hatte Law-Connect-Chefnavigator Chris „Lew“ Lewis, zweimal australischer Segler des Jahres, aber bekannt dafür, bei diesen Bedingungen von Seekrankheit geplagt zu werden, ganze Arbeit geleistet. Er hielt sein Boot auf den ersten Schlägen vor Australiens Küste in Führung. Wind und Wellen legten auf dieser Kreuz beständig zu, über Bord gehen darf hier niemand; doch hat sich Beck als Prominenten den fünfmaligen australischen Olympia-Gewinner im Schwimmen, „Thorpedo“ Ian Thorpe, an Deck geholt. Natürlich hatte der frühere Weltklasse-Schwimmer vor dem Start gesagt, er freue sich, diesmal einen Wettkampf „auf und nicht im Wasser“ zu bestreiten. Unter Wasser allerdings saß auch er, denn aufgrund der gut drei Meter hohen Welle wurde es sehr nass für alle. Auf der ersten Kreuz gen Süden hielt sich der frühere Schwimmer offensichtlich komfortabel auf der Luvkante der Rennyacht unter der Dauerdusche des Spritzwassers. Am Nachmittag und in der Nacht sollte der Wind auf 25 Knoten auffrischen. Solche und wesentlich härtere Bedingungen kennt Jost Stollmann zur Genüge. Mit seiner Alithia ist in diesem Jahr wieder eine deutsche Yacht am Start. Stollmann, einst Gründer von Compunet und nach dem Verkauf Multimillionär, war 1998 auserkoren als Wirtschaftsminister im Schattenkabinett von Gerhard Schröder, segelte aber von 2002 an mit seiner Ehefrau Fiona, den fünf Kindern und einer Crew, einschließlich Lehrer, um die Welt. In Australien fand er seine zweite Heimat. Die Familie ließ sich in einem der schönsten Viertel an der Bucht nieder, Stollmann gründete den Bezahldienst Tyro, mit dem er das Bankenwesen aufschreckte. Nach seinem Rückzug ließ seine Frau der Familie ein zweites Boot bauen, mit dem Ziel, die sechs Kaps der Welt zu umsegeln. Stollmann machte unterdessen in Australien sein Kapitänspatent. Nach Jahren des Segelns zurück in seiner zweiten Heimat will er es mit der für das Rennen abgespeckten, aber immer noch 50 Tonnen schweren Alithia, übersetzt „Wahrheit“, in der Traditionsregatta wissen; nach rund 61.000 zurückgelegten Seemeilen auf allen Weltmeeren in den vergangenen fünf Jahren geht sie für den Düsseldorfer Yacht-Club, Stollmanns Heimatstadt, in ihr Rennen. Die Crew hat der Eigner vor allem mit Freunden besetzt, unter ihnen auch Vater und Sohn Böhnert aus Hamburg, die 2018 mit ihrer Lunatix als Teil ihrer Weltumseglung Sydney Hobart gesegelt waren. „Wir müssen rasend schnell dazulernen“, sagte Fahrtensegler Stollmann vor dem Start – obwohl auch er schon zuvor ein Sydney-Hobart-Rennen gesegelt ist. Auf der anderen Seite der Erfahrungsskala steht sein Navigator Jim Nixon, der schon 30 der Rennen zählt. Den Unterschied zwischen hochgezüchteter Rennyacht und „Performance Cruiser“ für die Weltumseglung zeigt die Bootsgeschwindigkeit auf der ersten Kreuz: Während die Law Connect mit gut 15 Knoten (28 Stundenkilometer) über die Wellen jagte, kam die Alithia auf 9,5 Knoten. Sechs Stunden nach dem Start lag sie auf Platz 26. Während die Teuren, die Großen und die Schnellen um den Sieg ringen, war die Maritimo Katwinchar schon vor dem Startschuss um 13 Uhr Ortszeit in Sydney Harbour der heimliche Gewinner: Die Jacht ist 121 Jahre alt und damit das älteste Boot, das die Regatta je gesegelt ist. 1951 hatte sie drei Männer von England nach Down Under gesegelt. Heute steht Michael Spies am Ruder. Er ist alles andere als ein verschrobener Oldtimer-Fan: 1999 hatte er mit der Nokia den Rennrekord gebrochen, 2003 Sydney Hobart dann über alles gewonnen. Eine solche Großtat zu wiederholen, wird schwer: Gut sechs Stunden nach dem Start lag die Maritimo auf Rang 98 der 128 Boote im Feld.
