FAZ 25.09.2026
11:32 Uhr

Swifts „The Encore“: Nur einer findet sie nicht völlig unerträglich


Taylor Swift hat ihr Album „The Life of a Showgirl“ um vier neue Songs erweitert. Gerade der offensichtlichste Titel erzählt dabei am meisten über die Sängerin.

Swifts „The Encore“: Nur einer findet sie nicht völlig unerträglich

Das Rätselraten hört nicht auf, wenn Taylor Swift neue Songs veröffentlicht. Dann geht es sogar erst richtig los: Wer machte sie zum „Patient Zero“? In dem Song geht es um einen Mann, der reihenweise Frauen dazu bringt, sich in ihn sie zu verlieben – sich aber nur eine Weile in ihrer Zuneigung sonnen will. Einer dieser Frauen bietet Swift ihre Unterstützung an. Eine Anspielung auf Sophie Turner? Swift ließ die Schauspielerin nach ihrer Scheidung von Joe Jonas bei sich wohnen. Sie selbst war 2008 einige Monate mit Jonas liiert gewesen, da standen beide noch am Beginn ihrer Karrieren. Und bei wem entschuldigt sich Swift in „Pink Clouding“? In diesem Song ist sie diejenige, die jemandem das Herz bricht. Das könnte zu Taylor Lautner passen oder zu Tom Hiddleston. Sie habe selbst Liebeskummer gehabt, als sie die Person kennenlernte, das verrät sie noch. Unmittelbar vor Hiddleston war Swift damals mit Calvin Harris zusammen. Ist das also die richtige Fährte? Und für wen wird ein eigentlicher verhasster Song zum persönlichen „Babylon“? Keine Fragen offen lässt hingegen „Cleveland!“, der zweite der insgesamt vier Songs, die Swift am Freitag in der Erweiterung ihres Albums „The Life of a Showgirl“ veröffentlicht hat. Es geht (wieder mal) um die öffentliche Kritik an ihr und um Travis Kelce, geboren in Cleveland Heights, in dem sie die „Liebe ihres Lebens“ gefunden hat. Es ist trotz aller Offensichtlichkeiten der Song, der am meisten über die 36-Jährige erzählt. Sie ist doch längst die Erfolgreichste „Sie ist nicht so heiß, wie sie mal war, aber sie war ohnehin nur eine vier“, mit diesen Zeilen beginnt der Song. Und er erzählt weiter von allem, was tatsächlich seit Jahren über Swift gelästert wird: dass sie trotz ihres Vermögens schlecht angezogen sei, dass sie nicht tanzen könne, dass sie mit zu vielen Männern zusammen gewesen sei. Es ist nicht das erste Mal, dass Swift in ihrer Musik die öffentliche Kritik an ihr und Hasskommentare gegen sich aufarbeitet. 2014 war da etwa „Shake it off“, 2018 „Look what you made me do“, oder 2024 in „thanK you aIMee“. Und man darf ihr glauben, dass ihr vieles als junge Frau sehr zugesetzt hat: als ihr vorgehalten wurde, kein Mann würde es länger bei ihr aushalten, oder als Kanye West und Kim Kardashian 2016 einen veritablen Shitstorm gegen sie provozierten. Nur: Warum tangiert Swift noch, was Menschen im Internet über sie schreiben? Sie gilt als der erfolgreichste und einflussreichste Popstar der Gegenwart. Offensichtlich, das zeigt „Cleveland!“, ist Swift bis heute tief verunsichert von den Erlebnissen aus ihrer Vergangenheit – ungeachtet der unzähligen Charterfolge, die sie seither erzielt hat, der rekordbrechenden „The Eras Tour“, den rund zwei Milliarden Dollar, die sie mit ihrer Musik erwirtschaftet hat. Den Richtigen gefunden In „Cleveland!“ setzt Swift den Kritikern und Neidern nicht ihre Erfolge entgegen, sondern, dass sie endlich „die eine Person in der gesamten Welt gefunden hat, die sie nicht komplett unerträglich findet“. An anderer Stelle heißt es: „Jetzt trage ich Weiß, also hasst, so viel ihr wollt.“ Swift hat lange unter dem Pech in ihrem Liebesleben gelitten und darüber auch einige herzzerreißende Lieder geschrieben. Aber sosehr man der Sängerin ihr Liebesglück gönnt, kann man sich fragen, warum sie sich darauf reduziert, den richtigen Mann gefunden zu haben. Menschlich ist es nachvollziehbar. Taylor Swift weiß, wie schnell sie die Gunst der Öffentlichkeit wieder verlieren kann – und die ist ihr schon immer wichtig gewesen. Da ist es besonders schön, zu wissen: Wenn man nach Hause kommt, hat man einen Menschen an seiner Seite, der einen liebt, wie man ist. Aber es lässt auch vermuten, dass die Sängerin mit sich selbst nicht allzu gut auskommt, sich zuweilen selbst nicht immer erträglich findet. Schüttel es endlich ab, Taylor, möchte man ihr zurufen. Man kann nicht von jedem gemocht werden. Und sie hat auch abseits ihrer Ehe genug Gründe, zufrieden mit sich zu sein: Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch „The Life of a Showgirl: The Encore“ wieder Rekorde bricht – oder sich zumindest sehr gut verkauft. Die vier zusätzlichen Songs, die sie wieder mit den Produzenten Max Martin und Shellback geschrieben hat, reihen sich dabei nahtlos ein in den Rest des Popalbums. Und was die Rätsel um die anderen Songs betrifft: Zu „Patient Zero“ könnte das Musikvideo mit Dakota Johnson Aufschluss geben, das bei den MTV Video Music Awards am Sonntag Premiere feiern soll. Dort ist Swift in diesem Jahr nicht nur für neun Auszeichnungen nominiert, sondern soll auch mit dem neuen Preis „Artist Director Honors“ für die Regiearbeiten an ihren Musikvideos gewürdigt werden. Auch das kann ihr niemand mehr nehmen.