FAZ 16.01.2026
17:00 Uhr

Superlative der Alpen: Höher, länger, weiter


Die Seilbahn hinauf auf die Zugspitze hält gleich drei Weltrekorde. Doch auch das Gipfelpanorama und das Skigebiet mit Naturschnee muss den internationalen Wettbewerb nicht scheuen.

Superlative der Alpen: Höher, länger, weiter

Als ob das Panorama nicht schon Wunder genug wäre. 400 Gipfel sollen es sein, die zur Zugspitze herüberwinken, ein unfassbares Gewirr an Zinken und Zinnen, an schneebedeckten Kuppen und Höckern: vom Hochkönig und Großglockner über den Olperer zum Zuckerhütl und weiter zur Wildspitze, Marmolada und Bernina. Eine Szenerie, wie man sie nur an wenigen Orten der Alpen imposanter erlebt. Doch in Garmisch-Partenkirchen, am Fuß der Zugspitze, will man seit jeher ein ganzes Stück höher hinaus. Als die Warteschlangen an der Talstation der früheren Seilbahn den Unmut der Gäste auslösten, beschloss man 2012 den Bau einer neuen Anlage, natürlich nicht irgendeiner: Gleich drei Weltrekorde galt es zu brechen und sich damit in den Olymp des Seilbahnbaus zu manövrieren. Das am­bitionierte Vorhaben, noch mehr Besucher auf den höchsten Berg Deutschlands und des Wettersteingebirges zu locken, gelang tatsächlich. Als die 4467 Meter lange Pendelbahn knapp vor Weihnachten 2017 eröffnet wurde, konnte man lauter Superlative verkünden. Mit 1945 Metern überwindet sie den weltweit größten Höhenunterschied zwischen zwei Sektionen. Zudem kann sich rühmen, mit ihren 3213 Metern über das längste freie Spannfeld zu verfügen, in diesem Fall zwischen der ersten und einzigen Stütze und der Bergstation. Und der dritte Streich: Die 127 Meter hohe Stahlbaustütze im unteren Streckenabschnitt ist die höchste ihrer Art. Zahlen, die alle anderen Luftseilbahnen unseres Erdballs abgeschlagen auf die hinteren Ränge verweisen. Beeindruckende Daten, grandiose Kulisse Mit freiem Auge aber ist von den Spitzenleistungen in Sachen Konstruktion und Technik kaum etwas zu sehen. Wer sich von der Talstation in Eibsee himmelwärts orientiert, spürt schnell, dass die beeindruckenden Daten der Bahn im Schatten der grandiosen Kulisse verschwinden. Dichte, prall grüne Wälder wachsen hinauf zu den Moränen und zerklüfteten Felswänden mit ihren kantigen Graten und Scharten. Und über allem strahlt das tiefblaue Firmament. Dorthin ziehen die Gondeln, jede von ihnen mit einer Kapazität von 120 Personen. An den frühen Wintermorgen sind die Kabinen schütter besetzt, keine Schwierigkeit also, einen der begehrten Fensterplätze zu ergattern, der Ansturm beginnt später. Die Türen schließen sich, die Kabine nimmt sanft an Tempo auf maximal 10,6 Meter pro Sekunde und steuert die Stütze an. Ein kaum merklicher Stoß, das Gefährt ruckelt über die Seilrollen und schwebt nun direkt auf die Felstürme der Zugspitz-Nordwand zu. Auch hier sind die Aus­blicke spektakulär: auf die Inselchen im türkis schimmernden Eibsee, zu den Lechtaler Alpen, nach Grainau und Gar­misch-Partenkirchen. In der Ferne sind die Masten der Tiroler Zugspitzbahn auszumachen, die von Ehrwald aus zum Gipfel startet. Nach zehn Minuten rückt die Berg­station näher, die 2944 Meter über dem Meeresspiegel liegt und an einen Flugkörper aus fremden Sphären erinnert. Jeder einzelne Zentimeter Beton, Glas und Stahl ist dem Gestein abgetrotzt, mäch­tige Masten bohren sich ins Innere des Massivs, um die Last des mehrstöckigen Gebäudes zu verankern. Die Sonnenstrahlen spiegeln sich in den gläsernen Fronten, ein Schauspiel des Lichts. Die Gondel bremst vorsichtig ab. Ein paar Stufen, ein paar hektische Atemzüge, die Luft ist spürbar dünn, und dann das 360-Grad-Panorama von der Aussichtsterrasse. Es ist umwerfend. 650.000 Menschen lassen sich Jahr für Jahr auf den Beinahe-Dreitausender tragen, vorzugsweise im Sommer. Wer nicht in Eibsee in die Kabine steigt, sitzt in der Zahnradbahn, die von Garmisch-Partenkirchen gemächlich zum Zugspitzplatt zuckelt. Von dort pendelt die Gletscherbahn auf die höchste Erhebung des Gebirgsstocks, auf der sich die Besucher an son­nigen Tagen gegenseitig auf die Füße treten, wenn zusätzlich noch die Ausflügler von der Tiroler Seite ankommen. Die Grenze zwischen Deutschland und Österreich verläuft direkt auf dem schmalen Grat. Die einstige Zollhütte ist verwaist und das altehrwürdige Münchner Haus, ehedem eine beliebte Schutzhütte, in eine Unterkunft für Selbstversorger verwandelt. Die neue Bergstation überragt alles, sie präsentiert sich wie der materialisierte Triumph über die Natur. Das goldglänzende Kreuz, das den Ostgipfel markiert, hat es schwer, sich neben dem Wunderwerk der Architekten und Ingenieure zu behaupten. Den Gierigen droht ein schrecklicher Tod Die Zugspitze zeigt sich hier als Tor zu einem alpinen Paradies, eine selbst­bewusste Inszenierung im Namen der Freizeitkultur. Vorbei am Souvenirladen, in dem Hoodies, Wasserflaschen und Kaffee aus Peru mit der Silhouette des steinernen Riesen in den Regalen liegen, geht es zur Ausstellung zum Bau der Zahnradbahn und weiter zur Fressmeile. Currywurst und Leberkäse, Linguine mit Trüffeln im Parmesanlaib serviert und Schwarzwälder Kirschtorten: Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Die meisten Tagesgäste, die sich hier durchschieben und nach Tischen an den Fenstern Ausschau halten, sind Halbschuhtouristen. Die Zugspitze, über Jahrtausende hinweg gefürchtet, ist längst handzahm geworden. Nur die alten Sagen erzählen von einem gefährlichen Geist, der tollkühne Kletterer abstürzen ließ, wenn sie sich auf die Jagd nach dem Springkraut gemacht hatten: eine wundersame Pflanze, die Gierigen zu ungeahntem Reichtum verhelfen sollte, wie man munkelte. Wehe dem also, der sich hochmütig Richtung Spitzen wagte, von denen man in Vorzeiten gleich drei zählte. Und so dauerte es bis zum 27. August 1820, ehe der Vermessungsingenieur Joseph Naus zusammen mit dem Bergführer Johann Georg Tauschl den östlichen von ursprünglich drei Gipfeln erstürmte, eine heikle Mission. Montblanc, Jungfrau und Ortler waren schon besiegt, doch der damalige Plattachferner mit seinen tiefen Spalten schien unüberwindbar. Dass Naus es schaffte, sicher ins Tal zurückkehrte und die exakte Höhe der Spitze, zu jenem Zeitpunkt 2964 Meter, zu vermelden wusste, wurde als Sensation gefeiert. Deutschland kürte seinen höchsten Berg, der immer mehr Alpinisten anzog. Ende des 19. Jahrhunderts sorgte die Zug­verbindung von München nach Garmisch und Partenkirchen – im Rahmen der Olympischen Winterspiele 1936 zu einer Gemeinde fusioniert – für einen hoffnungsfrohen Aufschwung des Fremdenverkehrs. Bald entstanden Pläne, die Zugspitze für eine breitere Öffentlichkeit zu erschließen. Ein Wettrennen setzte ein. Dies- und jenseits der Grenze zwischen Tirol und Bayern wurde an der Verwirklichung des Vorhabens gearbeitet. Die Österreicher hatten die Nase vorn und schickten 1926 erste Gondeln bergwärts. Ihre Nachbarn zogen eilig nach. Am 8. Juli 1930 erlebte die Zahnradbahn von Garmisch-Partenkirchen zum Schneefernerhaus, dem höchstgelegenen Hotel Deutschlands, ih­re Jungfernfahrt. Von der luxuriösen Herberge ließ man sich dann von einer Seilbahn auf den Gipfel schaukeln. Als SA- und SS-Männer die Hakenkreuzfahne hissten und sich auf dem Gletscher zur Swastika formierten, begann die unrühmliche Karriere der Zugspitze als vaterländisches Identifikationssymbol. Und das Massiv weckte das Interesse der Militärstrategen: Um einen Stützpunkt zur Überwachung des Luftraums schaffen zu können, sprengte man kurzerhand den Westgipfel. Im Frühjahr 1945 beschlagnahmte die US-Armee Bahn und Schneefernhaus als „recreation facilty“ für ihre Soldaten, ehe beide wieder für die All­gemeinheit freigegeben wurden. Auf die wachsenden Besucherzahlen reagierte man Anfang der 1960er-Jahre mit dem Bau der Eibsee-Seilbahn, Vorläuferin der heutigen Weltrekordbahn, und auf den boomenden Wintersport mit der Errichtung von Liften und Rodelstrecken auf dem Zugspitzplatt. Nirgendwo schnapsseliges Gegröle Das Skigebiet ist mit zwanzig Pistenkilometern klein geblieben, mit Abfahrten für Anfänger und flotte Carver. Wenn sie abschwingen, landen sie im „Gletscher 2600“, wo Vegetarier und Veganer glücklich werden, oder im „Sonnalpin“ mit seinen bayerischen Schmankerln und dem – was sonst? – höchstgelegenen Standesamt der Republik, für den Fall des Falles und nur nach Anmeldung. Es ist angenehm ruhig hier oben, zumindest unter der Woche, kein Gedränge in den beiden Lokalen, kein schnapsseliges Gegröle auf den Terrassen: eine Stimmung des Erholsam-Unzeitgemäßen. Das eigentlich Besondere aber ist die Schneesicherheit, die sich der Höhenlage und den Resten des Nördlichen Schneeferners verdankt. Zwischen Ende November und Anfang Mai laufen je zwei Schlepp- und Sessellifte. Stolz verweist man darauf, dass die Beschneiung in einem Naturschutzgebiet wie diesem verboten ist. Naturschnee pur also, inzwischen eine Seltenheit in den Alpen, dazu der Luxus wunderbar leerer Pisten. Der Preis für die Exklusivität ist die längere Anreise. Von Garmisch-Partenkirchen aus, das sich als komfortable Basisstation für das Zugspitz-Abenteuer anpreist, muss man für die Fahrt mit der Zahnradbahn eine gute Stunde veranschlagen. Mit Bus und den beiden Seilbahnen geht es etwas schneller. Doch vielleicht ist gerade die Entschleunigung Teil des Ferienvergnügens. Bloß keine Hektik, Garmisch-Partenkirchen gibt sich bodenständig-gemütlich: ohne wirkliches Après-Ski, ohne mondäne Shopping-Areas, ohne Fashion-Shows mit Modellen der teuren Labels auf den Straßen. Lüftlmaler, berühmt für ihre Freiluft-Kunstwerke, dekorierten die Fassaden der behäbigen Häuser. Szenen aus Bibel und Heiligenlegenden berichten von der Frömmigkeit ihrer Bewohner, Bilder von kühnen Jägern und lieblichen, sich im Tanz drehenden Frauen im Dirndlkleid von ihrer Lebensfreude. Tradition herrscht auch beim Wintersport vor. Die weltweit erste Bobbahn wurde 1910 hier eröffnet, die erste Sprungschanze 1914. Daneben setzt man auf Langlaufen, Biathlon, Rodeln und Eishockey – und natürlich aufs Skifahren. Die Alpinen Ski-Weltmeisterschaften von 1978 und 2011, die regelmäßigen Weltcuprennen auf der Kandahar-Abfahrt, die Vierschanzentournee: Die Weltrekorde der Seilbahn Zugspitze passen ins sportliche Selbstbild von Garmisch-Partenkirchen. Drei Jahre dauerte die Planung der Anlage, ehe 2015 die Ar­beiten begannen, anfangs parallel zum bestehenden Fahrbetrieb. Von April 2017 an dann die intensive Phase des Endspurts, eine logistische Meisterleistung. Sie wird zum Abenteuer für drahtige Männer mit eisernen Nerven. Das Aufstellen der Stütze gilt als besondere Herausforderung. Geländegängige Trucks müssen die Einzelteile über einen schmalen Forstweg vom Tal in die Einöde transportieren. In einem der Lkw, um nur ein Beispiel zu nennen, stapeln sich neuntausend Schrauben, die direkt an Ort und Stelle in den Stahl gedreht werden – kein Job für Menschen mit Höhenangst oder solche, die den Berechnungen der Statiker nicht trauen. Die Bahn läuft, keine Opfer sind zu beklagen Ähnlich diffizil ist die Errichtung der Bergstation. Das gesamte Baumaterial wird über eine spezielle hochgezogene, für schwere Güter zugelassene Seilbahn auf den Gipfel verladen, auf dem die Lagerungsmöglichkeiten begrenzt und die Anlieferungstermine straff getaktet sind. Wetterkapriolen lösen Verzögerungen im Zeitmanagement aus, das Näherrücken des Eröffnungsdatums sorgt für Hektik. „Ich habe nächtelang kaum geschlafen“, erinnert sich der stellvertretende Betriebsleiter der Bahn, Bernhard Thoma. „Gerade vor heiklen Aktionen war die Aufregung groß: als die Seile aufgezogen oder die Kabinen eingehängt wurden. Zum Glück fühlen wir uns als Familie, da greift eine Hand in die andere.“ Am 21. Dezember 2017 das Aufatmen: Die Bahn läuft, keine Opfer zu beklagen, keiner der Kollegen verletzt. Die Baukosten betrugen fünfzig Mil­lionen Euro, eine Investition für die Zukunft. Doch nicht alles ist so rosig, wie es scheint, das weiß man im Rathaus von Garmisch-Partenkirchen, dem Hauptaktionär der Seilbahn Zugspitze. Das Prä­dikat „Gletscher“ wird nicht zu retten sein, prophezeien die Untersuchungen des Schneefernerhauses, eines interna­tional vernetzten Kompetenzzentrums für Höhen- und Klimaforschung. Unter den elf Konsortialpartnern sind die Universitäten von München, Augsburg und Würzburg, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und der Deutsche Wetterdienst, der seit 1900 auf der Zugspitze Daten aufzeichnet. Etwa 200 Meter unterhalb des Gipfels ermittelt man die Parameter und Aus­wirkungen des Klimawandels auf Atmosphäre und Biosphäre, Hydro- und Kryosphäre sowie die Gesundheit: ein inter­disziplinärer Austausch auf höchsten Hö­hen. Der Stolz des Teams sind die Be­obachtungen und Analysen zum Thema Permafrost. In einem Tunnel, der früher den Norden der Zugspitze mit den Süden verbunden hat, findet man dafür ideale Bedingungen. Till Rehm, der die verschiedenen Projekte koordiniert, bremst die Höhenflüge der Erwartungen an die Klimapolitik. „Wir dokumentieren hier den Wahnsinn“, kommentiert er lakonisch. Für diese Erkenntnis reicht schon der Blick aus dem Fenster. Um 1900 spaltete sich der Plattachferner in den Nördlichen und Südlichen Schneeferner, die immer rascher abschmolzen. Heute stemmt sich lediglich die nördliche der beiden Eis­flächen gegen das Verschwinden. In drei oder vier Jahren wird der Gletscher Geschichte sein. Und auch die Zugspitze bleibt in Bewegung, so statisch sie sich geben mag. Die Faltung des Gebirgsstocks ist nicht zu Ende, die Hebung nicht abgeschlossen. Niederschläge und Stürme setzen dem Gestein zu, die Erosion schreitet voran. Entsprechend umsichtig kontrollieren Geologen die Messuhren rund um das Gelände der Seilbahn. Die Sonne ist müde und geht langsam schlafen. Die Touristen sind abgezogen, die Lokale leer. Nun kommen die Putztrupps, um alles für den Ansturm des nächsten Tages vorzubereiten, bis auch sie ihren Rucksack packen. Die letzte Gondel stürzt sich in die Tiefe, hinein in das schrundige Massiv, in dem Auge und Fuß keinen Tritt mehr fassen. Zu sehen ist niemand, nur ein paar Dohlen kreisen um den Gipfel. Die Stille kehrt zurück. Die Zugspitze gehört wieder sich selbst. Informationen unter https://zugspitze.de