Es war tiefer Winter, oben am Dôme de la Lauze, in 3500 Meter Höhe. Stürmischer Wind trommelte uns ins Gesicht, der Schlepplift, der uns anfangs noch mit beharrlicher Gleichmütigkeit Richtung Gipfelplateau gezogen hatte, verweigerte immer häufiger den Dienst und lieferte uns den urplötzlich einsetzenden Böen aus, die uns wie Peitschenhiebe trafen. Wir verkrochen uns tief in die Jacken, reglos auf dem Bügel kauernd, und konnten uns kaum vorstellen, dass wir uns am Ende dieser Skiabfahrt, die als die längste im gesamten Alpenraum gilt, wie im Frühling fühlen sollten. Als wir oben ankamen, auf knapp 3600 Meter Höhe, waren wir allein. Eine Holzbude für das Liftpersonal, ein knallgelbes Warnschild, das in drei Sprachen eindringlich vor den Gefahren des Hochgebirges warnte, die Mahnung „Zugang streng verboten“ vor einem Abgrund, am Pistenrand von Raupen aufgetürmte und vom Wind zusammengepresste Schneebänder, die wie Grenzwälle den Übergang ins freie Gelände markierten – mehr gab es nicht. In Liftrichtung geradeaus ging es hinüber nach La Grave, in das berühmte Freeride-Gebiet, allerdings nur in Begleitung eines Bergführers. Wir blieben, wo wir waren, und gaben uns den grandiosen Blicken hin: auf die Schneekuppe des 4806 Meter hohen Montblanc, die in der Sonne glänzte, auf die scharfen Zacken der 4102 Meter hohen Barre des Écrins, die am pastellblauen Himmel kratzten, auf Gletscherbecken, Felsgrate und bis zum Horizont aufgefächerte Bergkämme. Wir standen und staunten, sehr lange, bis uns irgendwann unser treuer Freund, der Sturm, so zugesetzt hatte, dass wir uns wieder daran erinnerten, warum wir eigentlich hergekommen waren. Ein Ort der Mythen im Sport Unser Ziel war die längste Skiabfahrt der Alpen. Das klang einfach, war es aber nicht. Denn der Superlativ erwies sich, ungewöhnlich für seinesgleichen, als relativ, und es gibt mehrere Orte, die ihn für sich reklamieren: Es gibt die längste Geländeabfahrt und die längste Pistenabfahrt, es gibt die längste blaue, rote und schwarze Piste, es gibt die längste Abfahrt ganz ohne Liftunterstützung. Und jede dieser Rekordabfahrten birgt genau genommen eine weitere Variable: Je weiter man sich von der Falllinie entfernt, je großzügiger man in weiten Schleifen über die gesamte Breite des Hangs kurvt, desto mehr Kilometer kommen zusammen. Eines immerhin war sicher: In Les Deux Alpes waren wir mit unserem Vorhaben gut aufgehoben, denn hier führt eine sehr lange Abfahrt vom Dôme de la Lauze hinunter ins Bergbauerndorf Mont-de-Lans – von 3600 auf 1300 Meter, und das ist der größte Höhenunterschied aller Pisten in den Alpen, ein absolut unzweifelhafter Superlativ. Les Deux Alpes liegt im französischen Département Isère, nicht weit von dessen Hauptstadt Grenoble entfernt, gleich neben dem Tour-de-France-Mythos Alpe d’Huez. Auch Les Deux Alpes ist vielen Radsportfans unvergesslich: 1998 hatte der Favorit Jan Ullrich dort beim Aufstieg in den Zielort, bitterlich im Regen frierend und an einem Hungerast leidend, die Königsetappe und damit die gesamte Tour an Marco Pantani verloren. Heute erinnert ein steinernes Denkmal im Ort an diesen 27. Juli 1998 und an den 2004 an einer Überdosis Kokain gestorbenen italienischen Radprofi. Jean-Claude Killy entfacht die Begeisterung In Mont-de-Lans beginnt die Geschichte dieses französischen Skigebiets der Superlative – nicht im Winter, sondern im Sommer. Die Bewohner der Dörfer Mont-de-Lans und Vénosc nutzten einst den höher gelegenen, sanft geschwungenen Sattel zwischen zwei Bergflanken, auf dem heute Les Deux Alpes liegt, als Weideland. In der warmen Jahreszeit zogen sie mit Schafen und Ziegen hinauf auf die zwei Alpen auf 1600 Meter. 1938 wurde dort der erste Skilift errichtet, von Mont-de-Lans aus, dann aber machte der Zweite Weltkrieg alle weiteren Ambitionen zunichte. 1946 begann der nächste Anlauf, mit der Zeit entstanden Skischulen, Geschäfte, Cafés, Hotels. 1955 wurde das Gebiet, an die Anfänge erinnernd, Les Deux Alpes benannt. Auch der Preis für den Liftpass in dieser Zeit ist überliefert: 2,50 Francs. In den folgenden Jahren fanden immer mehr Menschen Gefallen am Skifahren, besonders, nachdem 1968 die Olympischen Winterspiele nach Grenoble gekommen waren. Dass der Franzose Jean-Claude Killy dort in allen drei alpinen Skirennen der Männer die Goldmedaille gewann, ließ die Begeisterung weiter wachsen. Die Erschließung des Skigebiets schritt voran, 1972 wurde der Gletscher auf etwa 3000 Metern erreicht, ein Jahr später konnte man in Les Deux Alpes erstmals Sommerskifahren, 1975 führten die Lifte auf mehr als 3400 Meter. Heute verfügt das Skigebiet über 44 Lifte, 88 Pisten, 220 Pistenkilometer. Les Deux Alpes ist keines der rein funktionsorientierten, am Reißbrett erdachten Retortenskiresorts der französischen Alpen. Auch hier ist nicht jedes Gebäude ein architektonisches Meisterwerk, auch hier türmen sich überdimensionierte Apartmentkolosse auf, die wie urbane Fremdkörper in die alpine Landschaft geklotzt wurden. Dennoch ist eine lebendige Dorfgemeinschaft gewachsen, Hotels und Geschäfte sind wie Apotheken und Arztpraxen das ganze Jahr über geöffnet, allesamt aufgereiht entlang der zwei Kilometer langen Hauptstraße, die über den gesamten Sattel führt, der Lebensader von Les Deux Alpes. Dort findet man alles, was man zum Leben braucht: Sportläden und Supermärkte, Bars und Boutiquen, Kino und Kletterwand, Restaurants und Rathaus – und natürlich die Skilifte, die immer in der Nähe sind. Die Straße heißt Avenue de la Muzelle, und ihr Name ist eine symbolische Verbeugung, eine respektvolle Anerkennung der Existenzgrundlage des Dorfes und eine Hommage an die Berge, stellvertretend verkörpert von der prachtvollen Pyramide des Hausbergs von Les Deux Alpes, der auch die klobigsten Apartmentbauten in den Schatten stellt: der 3465 Meter hohen Roche de la Muzelle. Die schwersten Pisten sind nicht die höchsten Die Berge lassen uns auch bei der Abfahrt nie los, zu beeindruckend sind die Panoramen, um sich einzig auf Rechts- und Linksschwung zu konzentrieren. Vom Dôme de la Lauze führt die Gletscherpiste auf einem breiten, ideal geneigten Hang hinüber zum Dôme du Puy Salié auf 3400 Meter Höhe, dem Endpunkt gleich mehrerer Gletscherschlepplifte. Von dort aus geht es im Spalier zwischen den Lifttrassen hinab zur Bergstation der Jandri-Gondel. Die komfortable Kabinenbahn, benannt nach dem 3288 Meter hohen Gipfel nebenan und erst im vergangenen Winter eröffnet, benötigt ganze 17 Minuten, um die 1600 Höhenmeter von Les Deux Alpes hinauf zum Gletscher zurückzulegen – die Vorläuferin war mehr als doppelt so lang unterwegs. Die Bahn ist das Herzstück einer groß angelegten Investitionsoffensive in die Infrastruktur der Lifte in den vergangenen Jahren und die zentrale Achse des Skigebiets. Rechts und links erschließen Pistenvarianten ruhigere Ecken des Gebiets, die Bahn bleibt aber fast immer in Reichweite, was gerade Einsteigern die Orientierung erleichtert. Sie profitieren zudem davon, dass ganz oben nicht etwa die schwersten, sondern die leichteren Pisten zu finden sind. So können auch Anfänger schon bald im Hochgebirge ihre Schwünge ziehen, ohne sich zuvor wochenlang auf den Hängen am Dorfrand abplagen zu müssen. Die Höhe begünstigt außerdem Schneesicherheit und Schneebeschaffenheit: Drei Viertel der Pisten in Les Deux Alpes liegen auf mehr als 2100 Meter Höhe. Wir halten uns strikt an die blauen Jandri-Pisten, von der Jandri 5 auf 3400 Meter bis hinunter zur Jandri 1 ins Dorf, eine Abfahrt wie ein Countdown. Der Schnee ist griffig, das Gelände abwechslungsreich, die Hänge sind weitläufig und die Blicke spektakulär – so geht es genussreich dahin, bis wir eine Art Aussichtsbalkon erreichen, den wir angesichts fortschreitender Ermattung dankbar als Vorwand ergreifen für einen dringend benötigten Zwischenstopp. Wir stehen hoch über dem Dorf, die verschneiten Häuser ducken sich in der Senke zwischen die Bergflanken wie eine steinerne Herde, die sich zum Schutz vor den Gefahren des Gebirges eng zusammengedrängt hat. Auf dem Bergrücken gegenüber kreuzen sich Pisten und Lifte des Vallée-Blanche-Gebiets, einer kleineren Option zum Gletscherskigebiet auf der anderen Talseite, die immerhin bis auf 2100 Meter führt und gekrönt wird vom herrlich gelegenen Bergrestaurant „La Troïka“. In Les Deux Alpes soll heute ein Höhenlimit architektonische Exzesse verhindern. Statt große Neubauten zu errichten, werden bestehende Gebäude renoviert, modernisiert, aufgewertet. Die nächste Generation verwirklicht ihre eigenen Ideen, in außergewöhnlichen Bars, Restaurants, Cafés. Werte wie Regionalität, Tradition und Ursprünglichkeit sind vielen wichtig, etwa im Hotel Les Lutins. Dort dominieren Holz und Stein, die Betreiber setzen ganz auf lokale Lieferanten und Zutaten, und sie kultivieren die Erinnerung an das eigene Erbe. Das Les Lutins war 1959 die erste Bar in der heutigen Dorfmitte, 1972 entstand das zugehörige Hotel. Beides ist über Jahrzehnte in Familienhand geblieben, heute werden sie in dritter Generation geführt von Lisa Vareille und ihrem Partner Louison David. Das Haus fühlt sich an wie eine komfortable Berghütte, die Zimmer von unten bis oben in hellem Holz, die Atmosphäre freundlich und unverkrampft. Im Winter, sagt Lisa Vareille, kämen vor allem Skifahrer, im Sommer Menschen, „die einfach die Berge lieben“. Manchmal ist das eine vom anderen auch nicht zu trennen, allein schon weil die Skisaison in Les Deux Alpes bis Anfang Juli reicht, wenngleich am Ende vor allem Profi- und Klubteams auf dem Gletscher trainieren. Wir sind inzwischen ins Dorf abgefahren. Die Oberschenkel brennen, 2000 Höhenmeter liegen hinter uns. Die Piste schlängelt sich vorbei an Hofeinfahrten und Terrassen, an Bauernhöfen und Wertstoffzentren, sie unterquert Straßen und passiert Bushaltestellen. Wir erreichen den Einstieg ins Skigebiet am Ortseingang und biegen in eine Waldschneise ein, in die Abfahrt nach Mont-de-Lans. Auf dem Pistenplan ist sie ein unscheinbares Anhängsel, ein dünner roter Faden, der links unten, ganz am Rand, aus dem dichten Geflecht der zentralen Hauptverkehrswege seitlich hinausragt. Und tatsächlich sind wir auf einmal wieder allein, wie oben auf dem Dôme de la Lauze, nur ohne Wind, in milder Luft, auf weichem Frühlingsschnee. Zwischen kahlen Bäumen ziehen wir dahin, eine Lichtung gibt den Blick frei hinab auf die steinerne Kirche und die eng stehenden, spitzgiebeligen Häuser von Mont-de-Lans. Kurz darauf sind wir da: ein Holzhäuschen, ein Picknicktisch, ein paar Infotafeln und letzte Schneereste, die uns zum Drehkreuz des Lifts geleiten. Wir stelzen um das Lifthäuschen herum, stellen uns am Einstieg auf, fallen in den träge daherrumpelnden Sessellift und finden uns gleich darauf in einem anderen Skijahrzehnt wieder: Gemächlich schaukelt der betagte Lift durch den menschenleeren Winterwald, wir lehnen uns zurück, holen Luft, entschleunigen äußerlich und innerlich. Hightechbahnen, Apartmentbauten und Pistenrekorde sind weit weg. Und wie wir so dahinbaumeln, still, einsam und zufrieden, würde es uns nicht wundern, würde aus dem Sessel vor uns gleich Jean-Claude Killy grüßen. Minuten später sind wir zurück in der modernen Skiwelt von Les Deux Alpes. Trotz aller Nostalgie, trotz der unverhofften Zeitreise haben wir unsere eigentliche Mission natürlich nicht aus dem Auge verloren. Der Tracker auf dem Handy lief auf der Abfahrt vom Dôme de la Lauze immer mit, und als wir unten in Mont-de-Lans abschwangen, kurz vor dem Picknicktisch, informierte uns die bunte Streckengrafik auf dem Display über die zurückgelegte Gesamtstrecke: fast 16 Kilometer. Hätten wir hier und da eine flachere Ziehwegumfahrung gewählt, wäre vielleicht noch ein Kilometer mehr drin gewesen. Also doch: die längste Pistenabfahrt der Alpen? Wahrscheinlich. Ein bleibendes Erlebnis allemal. Informationen unter www.les2alpes.com, www.atout-france.fr und www.les-lutins-2alpes.com Bisher erschienen:“ Die Weltrekordseilbahn auf die Zugspitze (15. Januar); die höchstgelegene Gipfelstation der Alpen am Klein Matterhorn (29. Januar); die drei kulinarischen Superlative Südtirols (12. Februar).
