Gletschereis umschließt den Felsturm des Klein Matterhorns von allen Seiten, einen lupenreinen Nunatak nennen Glaziologen ein solches Naturphänomen, und da lag es offensichtlich auf der Hand, den Berg in „Matterhorn Glacier Paradise“ umzutaufen und die hinaufführende Seilbahn als „Glacier Ride“ zu bezeichnen. Das Wort „Flight“ wäre noch treffender gewesen, denn auf ihrem Weg von der Station Trockener Steg gen Gipfel überfliegen die 28 Personen fassenden Gondeln mit ihren riesigen Panoramascheiben – eine hat auch einen Glasboden – den blaugrün schimmernden Eisbruch des Theodul-Gletschers mit einem Bodenabstand von bis zu 198 Metern. Die an der Bergstation erreichten 3821 Meter entsprechen dann fast der Reiseflughöhe auf Kurzstreckenflügen und machen die Anlage zur höchsten Seilbahn der Alpen. Ein sensationeller Rundumblick Die Aussichtsplattform auf dem 3883 Meter hohen Haupt des Berges, die man mit dem höchstgelegenen Aufzug Europas erreicht, bietet einen geradezu überirdischen Rundumblick auf 38 Viertausender. Gleich nebenan steht das von einer Eishaube gekrönte Breithorn, der bei Start am Klein Matterhorn am leichtesten zu bezwingende Viertausender der Alpen. Gegenüber erhebt sich der große Bruder, das Matterhorn, dessen dramatische Erstbesteigungsgeschichte Zermatt 1865 weltbekannt machte. Im Westen ragt der gewaltige Montblanc auf, im Süden jenseits des Aostatals der Gran Paradiso, der einzige Viertausender ganz auf italienischem Boden. Im Norden bilden Mischabel und Weisshorngruppe den beeindruckenden Rahmen. Zum Schauen kommen im Winter allerdings die wenigsten hier hinauf. Sie lassen den Aufzug zur Plattform links liegen und stiefeln durch den 100 Meter langen Tunnel inmitten des Gipfels südwärts zum Ausgang auf das Breithorn-Plateau. Dort startet die höchstgelegene Skipiste der Alpen. Sie führt über ununterbrochene 15,3 Längenkilometer und 2200 Höhenmeter bis hinunter ins Dorf Zermatt. Man kann die Ski zunächst laufen lassen und die Landschaft genießen. Vom Plateau Rosa an, an dem man nach Cervinia oder Valtournenche in Italien abbiegen kann, muss man das sogar, denn das Stück bis zum Trockenen Steg ist sehr flach. Dafür entschädigen die prächtigen Carving-Hänge hinunter nach Furgg. Die Markierung des Abschnitts als schwarze Piste soll allenfalls Anfänger abschrecken, dank guter Pistenpflege bedeuten die kurzen Steilstücke für geübte Skifahrer keine große Herausforderung. Zuletzt geht es durch Lärchenwälder, über Wiesenhänge und vorbei an alten, von der Sonne geschwärzten Stadeln. Aus manchen duftet es verlockend. Spätestens hier stirbt bei vielen der Plan, diese Abfahrt in einem Rutsch zu bewältigen – das Menü des Bergrestaurants „Blatten“ liefert einfach zu viele gute Gründe für den Einkehrstopp. Skifahren ist der schönste Sport der Welt Die Abfahrt ist der Star eines grenzüberschreitenden Pistenportfolios mit 254 Abfahrtskilometern und unvergleichlicher Vielfalt. Wer daran zweifeln sollte, ob Skifahren noch etwas für ihn ist, der findet hier einen Ort, um sich neu in diesen Sport zu verlieben: beim Gleiten durch mystischen Wald mit bis zu tausendjährigen Arven auf der Balmbrunnen zwischen Breitboden und Riffelalp, beim Stauben durch den Pulver hoch oben am Rothorn, beim Tanz durch die endlosen Buckelwände der Skirouten am Hohtälli, beim genussvollen Gasgeben auf tadellos präparierten schwarzen Abfahrten wie der Oberen National oder schlicht beim Staunen über diese unfassbar grandiosen Berge. Wem hier nicht aufgeht, dass Skifahren der schönste Sport der Welt ist, dem ist nicht mehr zu helfen. Die Erleuchtung hat ihren Preis: Zermatts Skipass ist der teuerste der Alpen. Ein Skigebiet in dieser Landschaft zu unterhalten, kostet aber auch enorme Summen. Schließlich ist es bloß teilweise ein Wunder, dass in diesem so hochalpinen Umfeld ein Skigebiet mit derart vielen, sehr angenehm zu fahrenden Pisten Platz findet. Hier und da half man dafür nach, etwa mit einer massiven Hangbrücke auf der Talabfahrt vom Riffelberg. Mehraufwand verursacht das extreme Gelände auch bei der Lawinensicherung, beim Aufschieben von Schneewällen zum Gletscherschutz oder beim jährlichen Versetzen auf Gletschereis stehender Liftstützen. Besonders aufwendig ist der Bau von Liftanlagen in so exponierten Lagen wie dem Klein Matterhorn. Dazu braucht es neben sehr vielen Franken auch ein hohes Maß an Ingenieurskunst. Sowohl den Bau des 2018 eröffneten „Glacier Ride I“ als auch des jüngsten Projekts, des 2023 in Betrieb gegangenen zweiten „Glacier Ride“, leitete Toni Lauber, dessen Händen man ansieht und bei dessen Händedruck man spürt, dass er dabei auch selbst ordentlich angepackt hat. Der kürzlich pensionierte Bauführer strahlt einen durch nichts zu erschütternden Glauben daran aus, dass es für jedes technische Problem eine Lösung gibt, und brachte die Megaprojekte ohne schlaflose Nächte pünktlich über die Ziellinien. Stürzt die Seilbahnstütze gleich in die Tiefe? Dabei schwebt die jüngste Bahn in einem kühnen Seilzug ganz und gar stützenlos von der Testa Grigia, der bisherigen Bergstation der aus dem italienischen Cervinia hinaufreichenden Seilbahnstaffel, über das Plateau Rosa, das Sommerskigebiet von Zermatt, auf den Gipfel. Sie kann das noch bei Windgeschwindigkeiten von bis zu 100 Stundenkilometern tun. Solche Bedingungen erhöhen die ohnehin enormen Zugkräfte, die auf die Stationen wirken, noch weiter – und die Beanspruchung des Berges, in den sie hineingebaut wurden. Der erste „Glacier Ride“ überfährt unmittelbar vor der Bergstation noch eine Seilbahnstütze. Sie ragt schräg ins Nichts und wirkt, als könne sie jeden Moment in die Tiefe wegknicken. „Das kann nicht passieren“, beruhigt Toni Lauber. „Sie ist mit zwölf Schwerlastankern gesichert.“ Sechs Stück davon reichen horizontal und sechs vertikal jeweils 17 Meter tief in den Fels hinein, jeder mit 2138 Kilonewton gespannt, macht zusammen 2500 Tonnen Gewichtskraft. Elektronik überwacht das Stützenfundament mit Submillimetergenauigkeit, schon geringste Bewegungen würden Alarm auslösen. Alle drei Monate vermessen Bergbahnmitarbeiter bei jedem Anker manuell die Spannung durch den bis zu zehn Meter dicken Permafrost hindurch bis zum Urgestein. „Granit, Fels so hart, dass er kaum sprengbar ist“, sagt Lauber. Bombensicher also. Aber woher bekommt man Leute, die in dünner Luft an einer senkrechten Wand bei eisigen Temperaturen mit großen Maschinen hantieren, um die Löcher für solche Anker zu bohren? Lauber konnte auf ein erfahrenes, eigenes Team der Zermatt Bergbahnen AG zurückgreifen. Die erste Bahn auf das Klein Matterhorn, eine Pendelbahn, wurde schon 1979 gebaut. Seitdem habe es da oben ununterbrochen etwas zu tun gegeben, sagt Lauber. Bei minus 30 Grad habe er die Leute dann aber doch von der Baustelle abkommandiert. „Eigentlich darf man in der Schweiz unter fünf Grad Celsius keine Betonarbeiten durchführen. Doch wenn wir uns daran gehalten hätten, würden wir heute noch bauen, dort oben herrscht ja fast immer Frost.“ Also wurde der Beton mit warmem Wasser angemischt, in isolierten Kübeln per Materialseilbahn von Italien heraufgeschafft, mit mindestens acht Grad eingebracht, sofort abgedeckt oder im Extremfall mit Heizgebläsen über zwei bis drei Stunden für die Dauer der Abbindung warm gehalten. „Ist er erst mal abgebunden, kann die Kälte ihm nichts mehr anhaben. Im Gegenteil, sie macht ihn noch fester“, sagt Lauber nicht ohne Stolz und ein verschmitztes Lächeln über seine clevere Umgehung geltenden Rechts. Den Ausschlag für den „Glacier Ride“ gaben die extremen Wartezeiten an der alten Pendelbahn. „Morgens zwei Stunden, wenn die Zermatter Gäste hinaufwollten, und nachmittags wieder zwei Stunden, wenn die Italiener zurück nach Cervinia mussten“, erinnert sich Lauber mit Schaudern. 2011 erhielt er den Auftrag, sich Gedanken über eine kapazitätsstarke Verbindung an der Nahtstelle des internationalen Skigebietes zu machen. Er entwarf ein halbes Dutzend möglicher Linienführungen und fand schließlich in der 2012 auf den Markt gekommenen 3S-Bahn der Südtiroler Firma Leitner einen Bahntyp, der alle Anforderungen erfüllte: sehr lange Spannfelder, maximale Windunempfindlichkeit und hohe Förderleistung. Das Erste-Hilfe-Team steht immer parat Fortan konnten statt 600 nun 2600 Personen pro Stunde auf den Berg fahren. Das bedeutete auch mehr Gäste für das höchste Restaurant Europas, in dem seit fünf Jahren Martin Hänni Regie führt. Der hochgewachsene Mittfünfziger aus dem gar nicht hochalpinen Berner Voralpenland kennt mittlerweile sämtliche Auswirkungen, die die große Höhe auf den Menschen und seine Nahrung hat. Da die Zermatt Bergbahnen nur dieses eine Restaurant betreiben, können die 16 Mitarbeiter nicht in andere Küchen wechseln, wenn sie die Höhe nicht vertragen. „Zwei, drei Wochen zur Eingewöhnung brauchen alle“, sagt Hänni, „aber bei manchen bleiben die Kopfschmerzen und die Übelkeit auch danach.“ Dann bliebe nur der Jobwechsel. Heftig können die Reaktionen auf nur 60 Prozent des Sauerstoffgehalts in Meereshöhe und den geringeren Luftdruck ausfallen, wenn Gäste direkt vom Flughafen Zürich hochkommen: Atembeschwerden und Kreislaufzusammenbrüche kommen regelmäßig vor. Daher ist ein Erste-Hilfe-Team der Bergwacht ständig auf dem Klein Matterhorn stationiert. „Sie können schnell mit Sauerstoff oder Traubenzucker helfen. Und dann heißt es: Nichts wie runter! Schon an der Station Trockener Steg erholen sich die Leute.“ Der Sauerstoffmangel beeinträchtigt auch den Geschmackssinn. „Wir müssen stärker würzen“, gibt Hänni Einblick in das Küchen-Einmaleins auf fast 4000 Metern. Man serviere kleinere Portionen, weil die Gäste schlichtweg weniger Appetit hätten und weil Lebensmittelabfall nicht nur ethisch problematisch, sondern hier oben auch sehr teuer in der Entsorgung sei. Alles muss mit der Bahn heruntergebracht werden – und herauf, auch das Trinkwasser. Davon ordern die Leute sehr viel. Der Siedepunkt von Wasser beträgt auf dem Klein Matterhorn 82 Grad Celsius. Ein Ei hart zu kochen, dauert 20 Minuten. Chips-Tüten werden gar nicht mehr verkauft. „Die explodierten hier oben, wenn sie nicht lange im Dorf zwischengelagert worden waren, und dann kamen sie immer erst kurz Ablauf der Haltbarkeit an“, erinnert sich Hänni. Alkohol würde hier oben viel weniger ausgeschenkt als weiter unten. Offenbar gebe der Körper schon Signale, was ihm gerade nicht so guttue. Auch im Paradies geht manchmal etwas schief Der schönste Weg, um vom Höhenrestaurant wieder in menschenfreundlichere Gefilde zu gelangen, ist die Ventina, eine rasante Piste mit traumhaftem Blick über das oft im Nebelmeer versunkene Aostatal. Sie ist die kürzeste Variante, um unter die kritische Marke von 3000 Metern Höhe zu gelangen. Und seit 2023 ist sie auch Symbol dafür, dass selbst im Paradies manchmal etwas schiefgehen kann. Das Vorhaben, auf ihr bereits im Oktober Weltcup-Abfahrten zu veranstalten und damit ein Signal überragender Schneesicherheit in die Welt zu senden, misslang gründlich. Die Ventina sollte nicht nur die frühesten Rennen in der alpinen Königsdisziplin ermöglichen, sie sollte auch die erste sein, auf der ein Skirennen durch zwei Länder führt: Start in der Schweiz, Ziel an den Laghi delle Cime Bianche in Italien. Schon im März des extrem schneearmen Winters 2021/22 ahnte man, dass es schwierig werden würde. Es fehlte an Schnee, um jene Depots zusammenzuschieben, mit denen ein halbes Jahr später die Streckenabschnitte unterhalb des Gletschers präpariert werden sollten. Ein früher Wintereinbruch hätte die höchstgelegenen Weltcup-Rennen aller Zeiten noch möglich gemacht. Doch er blieb aus. Beim zweiten Anlauf im Herbst 2023 war die Piste rechtzeitig fertig, doch das Wetter spielte nicht mit. Starker Schneefall und Windböen verhinderten die Männerrennen, Sturm eine Woche später die Frauenrennen. Dass der Wind hier oben zu dieser Jahreszeit mit Geschwindigkeiten von bis zu 240 Kilometern pro Stunde besonders brutal sein kann, wusste man eigentlich. Vielleicht gebar der Rausch der Höhe dann doch eine Portion Hybris. Nach diesen zwei gescheiterten Anläufen riss der allmächtigen FIS jedenfalls der Geduldsfaden: Sie vertrieb die Ventina aus dem Weltcup-Kalender. Zermatt kann das gut verkraften, schließlich bietet es im Winter ein breites Angebot auch jenseits der Pisten, sogar auf dem Klein Matterhorn. Dort gibt es außer Aussichtsplattform und Restaurant noch den Gletscherpalast mit seinen Eisskulpturen und einer begehbaren Gletscherspalte, die Cinema Lounge – natürlich das höchstgelegene Kino Europas – mit Kurzfilmen über die umgebende Bergwelt und seit November als neueste Attraktion den Gepäckservice beim Matterhorn Alpine Crossing. Europareisende auf dem Weg beispielsweise von Luzern nach Mailand können ihre Koffer in Zermatt aufgeben, per Seilbahn im Angesicht des Matterhorns über den Alpenhauptkamm fahren und das Gepäck in Cervinia wieder in Empfang nehmen. Das Matterhorn wandelt sein Antlitz während dieser Fahrt von der formvollendeten majestätischen Ikone des Alpinismus, die unzählige Produkte in den Zermatter Souvenirgeschäften ziert, erst zu einer filigranen Pyramide und schließlich auf der italienischen Seite zu einem etwas konturlosen Klotz in einer Reihe nackter Südwände. Ob der Berg wirklich der meistfotografierte der Erde ist, lässt sich schwer überprüfen. Weitere Zermatter Superlative sind hingegen unstrittig: das höchstgelegene Hotel der Schweiz auf dem 3100 Meter hohen Gornergrat, sechs Skiberge jenseits der 3000-Meter-Marke, das größte Sommerskigebiet der Welt und einzig verbliebene mit planmäßig 365 Skitagen im Jahr und der höchste Berg der Schweiz, die 4634 Meter hohe Dufourspitze im Monte Rosa Massiv, auf das man vom Gornergrat aus den besten Blick hat. Den Titel des in größter Höhe wachsenden Baums Europas verlor eine am Rothorn auf 2765 Meter gefundene Arve allerdings an eine auf 2971 Meter wachsende Lärche andernorts im Wallis. Möglich machen das die hohen Berge ringsum. Sie schirmen Zermatt vor Wolken ab, sorgen für viel Sonne und ein besonders mildes Mikroklima. Ganze 639 Millimeter Jahresniederschlag erhält Zermatt, so wenig wie Palermo. Das bedeutet aber auch, dass die winterlichen Schneefallmengen gering sind – und sie sinken. Den Blockschutt am Hohtälli bedecken oft Mitte Januar nur dünne Schneehauben, die Schotterfelder an Trockener Steg sind ganz und gar freigeblasen, Blankeis kommt mitten im Winter selbst am Breithorngipfel zum Vorschein. Früher trat man aus dem Tunnel durch das Klein Matterhorn auf eine breite Schneeebene heraus, während heute eine schmale Firnschneide an den Felspfeiler brandet. Der Gletscher reicht auch längst nicht mehr bis zur Station Trockener Steg. Skifahren über 1000 Höhenmeter Mitte August, das war einmal. Sechs von einst zehn Gletscherliften sind schon demontiert worden. So ist Zermatt bei all seiner Schönheit auch ein Ort, an dem man Vergänglichkeit erleben kann. Doch bevor die beiden Matterhörner und all die anderen großartigen Berge wieder zu dem Staub zerfallen, aus dem ihr Urgestein einst geformt wurde, wird es zum Glück noch lange dauern. Informationen: Das Skigebiet Matterhorn Ski Paradise liegt zwischen 1524 und 3821 Meter Höhe und bietet 254 Kilometer Abfahrten. Auskunft unter www.matterhornparadise.ch, www.zermatt.swiss und www.myswitzerland.com. Bisher erschienen: Die Weltrekordseilbahn auf die Zugspitze (15. Januar).
