Es war kein schöner Skitag in Cortina d’Ampezzo: Nebel hing in der Luft, der mächtige Gipfel des „Tofana di Mezzo“ über der Olympia-Piste war kaum zu erahnen. Ein Tag für die Hütte für jeden, der nicht unbedingt Skifahren musste. Das dachten sich hinterher auch die beiden deutschen Starterinnen beim olympischen Super-G. Kira Weidle-Winkelmann schied nach 33 Fahrsekunden aus. Emma Aicher hielt sich knapp zwanzig Sekunden länger auf der Strecke, dann war auch sie draußen. Zwei Tage zuvor hatten die beiden noch gemeinsam strahlend Silber in der Team-Kombination gewonnen, nun standen sie mit langen Gesichtern im Zielhang. 17 von 43 Fahrerinnen schaffen es nicht ins Ziel Doch wo viel Schatten ist, da ist manchmal auch Licht. Und so erwischte eine Skirennläuferin einen Glanztag, deren Teilnahme noch kurz vor den Spielen ausgeschlossen schien: Federica Brignone, die italienische Lokalheldin aus Mailand, zeigte eine herausragende Fahrt. Sie meisterte vor allem die Schlüsselstelle im oberen Teil, eine S-Kurve, an der viele Läuferinnen scheiterten, mit Bravour – und fuhr in 1:23,41 Minuten für sie selbst völlig unerwartet zur Goldmedaille. Ihr am nächsten kam die Französin Romane Miradoli, die ebenso überraschend Silber gewann (+0,41). Bronze sicherte sich die Österreicherin Cornelia Hütter (+0,52), hauchdünn vor ihrer Teamkollegin Ariane Radler (+0,53). Den Deutschen blieb die Analyse: „Eigentlich dachten wir, dass es nicht so ein komplizierter Super-G wäre“, meinte Kira Weidle-Winkelmann. Aber mit den Wellen auf dem ruppigen Kurs und der schlechten Sicht sei es „ein bisschen tricky“ gewesen. Dazu kamen die Schneeverhältnisse, weich, und die Wetterbedingungen, feucht und warm; diese Kombination machte es nicht besser. Emma Aicher wollte sich nicht beklagen. Sie habe über die eine Welle „zu wenig Richtung gemacht“, meinte sie: „Dann reicht es einfach nicht.“ Und insgesamt sei sie ja schon vor dem Ausscheiden „wirklich nicht so gut gefahren“. Brignones eindrucksvolles Comeback In ihrem Scheitern befanden sich die beiden Deutschen zumindest in großer, zuweilen prominenter Gesellschaft. Von den ersten neun Starterinnen schieden fünf aus, insgesamt kamen 17 der 43 Angetretenen nicht ins Ziel, darunter Ester Ledecka, Super-G-Olympiasiegerin von 2018, und Breezy Johnson, Goldgewinnerin der Abfahrt erst vor wenigen Tagen. Dem Augenschein nach verletzte sich aber keine der Gestürzten ernsthaft. „Bei Olympia musst du einfach riskieren“, nahm Weidle-Winkelmann die Ausfallquote und ihr eigenes Scheitern sportlich: „Besser als langsam runtereiern.“ Das Gegenteil einer Eier-Tour zeigte Federica Brignone. Der 35-Jährigen gelang ein Comeback auf Skiern, wie Lindsey Vonn es sich erträumt hätte – und sie krönte sich nebenbei zur ältesten Olympiasiegerin der Alpin-Geschichte. Schon im Vorwinter war Brignone die dominierende Athletin der Skiszene gewesen, gewann unter anderem den Gesamtweltcup sowie den WM-Titel im Riesenslalom. Doch dann erlitt sie bei den italienischen Meisterschaften im Fassatal, nur rund 50 Kilometer von Cortina entfernt, nach einem Sturz im Riesenslalom einen komplizierten Schien- und Wadenbeinbruch sowie einen „Totalschaden“ im linken Knie; dabei war auch das vordere Kreuzband gerissen. Noch beim Saisonauftakt der Alpinen in Sölden Ende Oktober konnte Brignone nicht richtig laufen. Sie schätzte ihre eigenen Chancen, bis Februar fit zu werden, nicht allzu hoch ein, gab aber an, alles dafür zu geben, es zu schaffen. Und sie schaffte es. Erst am 20. Januar gab sie am Kronplatz in Südtirol ihr Weltcup-Comeback – ebenfalls nur eine gute Stunde von Cortina entfernt – und fuhr auf Anhieb in die Top Ten. Sie habe „jeden Tag Schmerzen“, berichtete sie allerdings auch über die Nebenwirkungen ihres sportlichen Ehrgeizes. Doch bei den Spielen in ihrer Heimat wollte die Mailänderin unbedingt dabei sein. „Ich sah mich als Außenseiterin“, sagte sie nun unter Tränen, nachdem ihr nicht nur das Comeback, sondern gar der größte Coup ihrer Karriere gelungen war. Sie habe mit dem Start schon alles erreicht, meinte sie. Deshalb konnte ihr Motto auf der Fahrt auch kompromisslos „Alles oder nichts“ sein. Für Federica Brignone bedeutet der Olympiasieg die späte, absolute Krönung einer ohnehin famosen Laufbahn. Schon 2018 hatte sie Olympia-Bronze im Riesenslalom gewonnen, 2022 sogar Silber, dazu Bronze in der Kombination. Fünf WM-Medaillen, darunter zwei goldene, sowie 37 Weltcupsiege runden ihre Erfolgsbilanz ab. Brignone war an diesem grauen Skitag, der für sie ein goldener werden sollte, mit Startnummer sechs ins Rennen gegangen. Unmittelbar vor Emma Aicher. Und die junge Deutsche wusste im Zielraum, wohin ihr erster Weg sie führen sollte. Aicher stapfte zu Brignone und verneigte sich vor Italiens Comeback-Queen. „Das ist richtig stark, was sie gemacht hat. Hut ab, das schaffen die Wenigsten.“
