Kwesi Appiah ist als bescheidener Mann bekannt. Doch wenn er auf seine Ziele beim gerade angelaufenen 35. Afrika-Cup angesprochen wird, kennt der 65 Jahre alte Fußballlehrer nur wenig Zurückhaltung. „,Sudan wird sensationell Afrikameister’ – das ist die Zeile, die ich nach dem Turnier lesen möchte“, sagt der gebürtige Ghanaer. Aber: Allein die Tatsache, dass sich die Nationalmannschaft des Sudan für die Endrunde der Afrikameisterschaft in Marokko qualifizieren konnte, kommt einer Sensation gleich. Im Sudan tobt seit Jahren ein brutaler Bürgerkrieg. Die UN spricht gar von der größten humanitären Katastrophe der Welt. Die gesamte Region ist für internationale Helfer kaum zugänglich, die EU schickt in diesen Tagen per Luftbrücke Wasser, Zelte und Medikamente in den Krisenherd. Ein normales ziviles Leben ist jedoch undenkbar und natürlich: Auch Fußball wird im Sudan schon lange nicht mehr gespielt. Seit 2023 pausiert die nationale Liga. Und dennoch: Das Nationalteam spielt unverdrossen. Organisiert aus Libyen, wohin eine kleine Delegation des sudanesischen Fußballverbandes umgezogen ist, absolviert das Team von Nationaltrainer Appiah Länderspiele und nimmt an Turnieren teil. Das Kuriose: Es sorgt für eine fußballerische Überraschung nach der anderen. Der Sprung zum Afrika-Cup gelang zum Beispiel, indem man den großen Favoriten Ghana in der Qualifikation hinter sich ließ. „Man muss einfach an sich glauben“, erklärte Erfolgstrainer Appiah nach dem Triumph über sein Heimatland. „Ich sage den Spielern immer wieder: Tut es für euer Land, für eure Heimat. Sorgt dafür, dass die Menschen im gebeutelten Sudan wenigstens einen Moment der Freude spüren können“, erklärt Appiah. 2014 war er als Nationaltrainer Ghanas noch umjubelter WM-Teilnehmer. Nun warf er das mit Topstars aus den europäischen Ligen besetzte Ghana mit unbekannten Spielern aus dem Bürgerkriegsland aus dem Wettbewerb. Die Spieler aus Sudan sind heimatlos Beim etwas tieferen Blick in den Alltag des Fußballtrainers Kwesi Appiah werden dessen Erfolge umso erstaunlicher: Appiah kann seine Nationalspieler nur aus einem Pool von rund 100 Aktiven aussuchen, die einigermaßen professionell Fußball spielen. Weil es keine einheimische Liga mehr gibt, haben die beiden großen Vereine des Landes, Al Hilal und El Merreikh, ihre Aktivitäten ins Ausland verlegt. In der Saison 2024/25 nahmen sie am Ligabetrieb des Nachbarlandes Mauretanien teil, seit dieser Saison sind sie in der Liga Ruandas mit dabei. Die Spieler sind heimatlos, fahren und fliegen von Hotel zu Hotel – es ist ein riesiger logistischer Aufwand. Beide Klubs haben dabei um die 40 Spieler unter Vertrag, weil sie nebenbei eben auch noch den Kader der Nationalmannschaft stellen müssen und die Auserwählten ständig unterwegs sind. Denn die „stolzen Falken“, wie Appiahs Team auf dem Kontinent genannt wird, sind quasi im Dauereinsatz. 2024 und 2025 spielte die Mannschaft neben der Qualifikation für den Afrika-Cup auch die WM-Qualifikationsspiele. Die WM 2026 wurde dabei nur hauchdünn verpasst. Gegen die großen Teams des Kontinents wie den Senegal, DR Kongo und Togo führte Appiahs Mannschaft die Tabelle bis in den September hinein an – erst in den letzten beiden Spielen rutschten sie noch aus den ersten beiden Quali-Plätzen heraus. Und das, obwohl sie ja nur Auswärtsspiele bestreiten. Formal angesetzte „Heimspiele“ können nicht im Sudan ausgetragen werden, sondern finden zumeist in Libyen statt. Ikone Abderahman kehrt zurück Hinzu kamen für die sudanesischen Vielspieler noch die Wettbewerbe des „Chan“, das ist die Afrikameisterschaft nur für Akteure, die auch im Klubfußball auf dem afrikanischen Kontinent aktiv sind. Und kürzlich war das Nationalteam dann noch beim FIFA-Arab-Cup mit dabei, der im November und Dezember in Qatar ausgespielt wurde. Appiah sieht es pragmatisch: „Den Arab-Cup haben wir als Vorbereitungsturnier für den Afrika-Cup genutzt.“ Das Team schied dort nach der Gruppenphase aus, doch man nahm es nicht tragisch: „Ich habe einiges ausprobieren können und für den Afrika-Cup bekommen wir noch ein paar starke Spieler mit sudanesischen Wurzeln dazu, die wir zuletzt in Malaysia und Australien aufgetrieben haben“, erklärt Appiah. In Marokko wieder dabei ist auch die Spielerikone des Landes – Mohamed Abderahman, der als Kapitän, Rekordspieler und Rekordtorschütze gleich mehrere wichtige Rollen einnimmt. Der mittlerweile 32-Jährige sorgt als Mittelstürmer seit fast zehn Jahren für die größte Torgefahr des Teams, war in den vergangenen Wochen allerdings verletzt. Abderahman ist schnell, wendig und hat gelernt, sich gegen scheinbar übermächtige gegnerische Abwehrreihen zu behaupten. Denn das sudanesische Spiel ist einfach wie klar strukturiert: Man spielt aus einer massiven Deckung heraus, bei Ballgewinn wird dieser meist steil auf Abderahman gespielt. Und dann rücken dessen Teamkollegen überfallartig nach. Zahlreiche Favoriten mussten sich dieser entschlossenen und beinahe perfekt eingespielten Taktik des Sudan schon geschlagen geben. In Marokko werden sich in der Vorrunde die Gruppengegner Algerien – den ersten Gegner an diesem Mittwoch (16.00 Uhr bei Sportdigital) –, Burkina Faso und Äquatorialguinea damit auseinandersetzen müssen. Sie werden auf ein höchst motiviertes Gegnerteam treffen. Denn für Appiah ist klar: „Wenn ich den Jungs in der Ansprache sage: ‚Kämpft für eure Leute in der Heimat. Sorgt dafür, dass sie wenigstens einen kleinen Moment Grund zum Lächeln haben‘ – dann kann man sich keine größere Motivation mehr vorstellen.“
