Unsicherheit oder Unbehagen befällt viele, die im Bahnhofsviertel zur Straßenbahn eilen – umgeben von Drogenhandel, Unrat und Prostitution. Der eigentliche Skandal liegt jedoch im Leid jener, die dort auf dem Asphalt leben. Wenn Menschen in Rinnsteinen liegen, körperlich derart verfallen, dass Leben und Tod kaum mehr unterscheidbar scheinen, ist das vor allem eine humanitäre Katastrophe. Das Viertel hat sich international eine zweifelhafte Reputation erarbeitet, jetzt steht Frankfurt an einem Wendepunkt. Das geplante Suchthilfezentrum setzt ein Zeichen, doch Gebäude allein schaffen keine Gesundheit. Stattdessen braucht es dringend den Mut, ergebnisoffene fachliche Debatten zu führen, die frei von ideologischen Zwängen sind und auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Die Forschungsergebnisse der psychiatrischen Klinik der Universitätsmedizin Frankfurt zeigen, wie dramatisch sich Stigmatisierung auf die Bereitschaft auswirkt, überhaupt ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Akzeptanz der Menschen ist die Voraussetzung für jede Therapie. Gleichzeitig erheben Bewohner, Gewerbetreibende und Pendler einen legitimen Anspruch, sich im öffentlichen Raum sicher zu fühlen. Dabei sind Ordnungspolitik und Hilfe keine Gegensätze, sie bedingen einander. Warum Repression ohne Hilfe nicht reicht Die Durchsetzung geltenden Rechts ist notwendig, um den öffentlichen Verkauf von Drogen einzuschränken, doch muss dies stets mit einem Angebot gekoppelt sein. Wenn Veränderungsbereitschaft erkennbar wird, brauchen wir ein Behandlungsangebot, das auf medizinischer Expertise fußt und sozialarbeiterische Erfahrung einbindet. Dabei gebührt jenen der allergrößte Respekt, die sich tagtäglich dieser Realität stellen. Die Mitarbeiter der Suchthilfe leisten insbesondere im niedrigschwelligen Bereich unter widrigsten Umständen Großartiges. Aber auch die Kolleginnen und Kollegen aus den medizinischen Praxen leisten einen entscheidenden Beitrag, die medizinische Versorgung vor Ort aufrechtzuerhalten. Der Ansatz der „Harm Reduction“ – der Schadensminderung – war und ist das wissenschaftlich belegte Fundament der Drogenhilfe. Spritzentausch, Konsumräume und die ärztliche Behandlung der Opioidabhängigkeit zum Beispiel mit Methadon retten nachgewiesenermaßen Leben. Doch die Szene hat sich radikal verändert. Statt Heroin dominiert Crack, oft im Mischkonsum. Crack führt zu rasantem körperlichem Verfall und schweren psychischen Folgeerkrankungen. Wir haben es mit einem psychiatrischen Notstandsgebiet unter freiem Himmel zu tun. Genau hier stößt das alte Dogma an seine Grenzen: Der Ansatz der Schadensminimierung darf nicht zum Selbstzweck verkommen. Wir müssen Harm Reduction bewahren, aber dringend um eine entscheidende Dimension erweitern: die ernsthafte Perspektive auf Ausstieg und Genesung. Akzeptanz ist kein Wegsehen Akzeptanz bedeutet aus ärztlicher Sicht, den Menschen in seiner Würde anzunehmen. Es darf aber nicht bedeuten: „Wir greifen nicht ein.“ Es ist nicht „human“, zuzusehen, wie schwerst abhängige Menschen mit unbehandelten Psychosen im öffentlichen Raum verwahrlosen. Das bloße Verwalten des Elends, ohne den Anspruch auf Stabilisierung zu erheben, gleicht einer Palliativversorgung ohne vorherige Behandlung – als hätte man die Genesung von vornherein aufgegeben. Eine palliative Behandlung kann notwendig sein, wenn alle anderen Optionen ausgeschöpft sind. Aber als Standardansatz ist sie eine Bankrotterklärung. Akzeptanz heißt, die Würde des Menschen zu wahren – und eben nicht die Selbstzerstörung tatenlos hinzunehmen. Akzeptanz braucht auch immer Veränderung als Gegengewicht. Hier müssen wir den medizinischen Ehrgeiz zurückgewinnen. Dabei verstellt das Elend auf der Straße den Blick: Wir sehen nur das Extrem, nicht den Finanzvorstand oder die Chefärztin mit einer Abhängigkeit. Diese selektive Wahrnehmung zementiert das Stigma, Sucht sei gleichbedeutend mit Verwahrlosung – was viele davon abhält, sich frühzeitig Hilfe zu suchen. Es fehlt an Betten in den psychiatrischen Kliniken Das Wissen über die komplexen Krankheitsbilder im Bahnhofsviertel liegt bei den psychiatrischen Abteilungen der Frankfurter Krankenhäuser. Diese sollten mit einbezogen werden, denn die Krise schlägt längst auch auf die Kliniken durch – in Form steigender Fallzahlen und zunehmend herausfordernder Behandlungssituationen. Hinzu kommt ein demografisches Missverhältnis: Während Frankfurts Einwohnerzahl stark gewachsen ist, sind die psychiatrischen Bettenkapazitäten nahezu gleich geblieben. Der Belegungsdruck auf die Klinken ist enorm und eine Frankfurter Besonderheit. Sogenannte „Drehtür-Patienten“, die mit Drogen intoxikiert aufgenommen werden und sich kurz darauf wieder entlassen lassen, sind arbeitsintensiv, und die wiederholten krisenhaften Zuspitzungen rund um die Aufnahme erzeugen gefährliche Situationen. Immer wieder bestätigen Beteiligte unterschiedlicher Institutionen den Eindruck, dass bei gleicher Krankheitsschwere außerhalb Frankfurts eine deutlich höhere Chance auf eine richterlich angeordnete Behandlung besteht. Ärztinnen und Ärzte sind hier machtlos: Wir müssen Menschen entlassen, sobald ein Gericht eine entsprechende Entscheidung getroffen hat, auch wenn noch kein nachhaltiger Behandlungserfolg eingetreten ist. Wir brauchen längere Behandlungszeiträume, damit schwer kranke Menschen überhaupt wieder erreichbar werden. Nur so erhalten sie die Chance auf ein lebenswertes Leben. Das haben auch die Betroffenen verdient. Mobile Teams und „Housing First“ gegen die Krise Wir müssen unsere medizinische Expertise aus den Krankenhäusern dorthin bringen, wo sie gebraucht wird, und eine enge Verzahnung von Psychiatrie mit der Suchthilfe sowie der somatischen Medizin erreichen. Mobile Teams (Assertive Community Treatment), die die psychiatrische Expertise direkt zu den Menschen bringen, sind notwendig, um jene zu erreichen, die den Weg in das fragmentierte Hilfesystem nicht mehr selbständig finden. Für diese Konzepte braucht es natürlich die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen – ohne Geld lässt sich keine Krise lösen. Geld allein reicht aber auch nicht. Parallel dazu muss die Wohnsituation gelöst werden. Frankfurt wirkt zurzeit wie ein Magnet: Die Szene am Bahnhof ist extrem sichtbar und zieht einerseits Leute aus dem Umland, wenn nicht der ganzen Republik, zum Konsum an, andererseits stolpern orientierungslose Menschen aus dem Bundesgebiet nach dem Verlassen des Zugs direkt in die Szene. Diese Sichtbarkeit ist unter anderem ein Symptom von Wohnungslosigkeit. Deutschland hat zugesichert, die Obdachlosigkeit bis 2030 beenden zu wollen. Derzeit hat Frankfurt etwa 250 Obdachlose und circa 4200 Wohnungslose, die in Notunterkünften untergebracht sind – teils in Mehrbettzimmern, teils in Hotels mitten in der Szene. Eine entscheidende Antwort ist „Housing First“: Bei diesem Ansatz erhalten obdachlose Menschen zuerst eine eigene Wohnung – ohne Vorbedingungen wie Abstinenz oder Therapieteilnahme. Erst danach erfolgt eine intensive Unterstützung durch multiprofessionelle Teams. Dieses Modell reduzierte in Finnland die Obdachlosigkeit drastisch und senkte die Kosten um etwa 15.000 Euro pro Person jährlich. Die Frankfurter Modellprojekte mit nur etwa 60 Wohnungen sind angesichts des enormen Bedarfs noch völlig unzureichend. Warum „Housing First“ nur mit echter Ausstiegsperspektive wirkt Housing First ist kein Allheilmittel – manche Menschen benötigen eine intensivere Betreuung. Hier braucht es auch genügend Angebote wie Wohnheime für psychisch Kranke und eine Flexibilität bei der Kostenübernahme, damit wir nicht an einer Stelle hundert Euro sparen und anderweitig Tausende Euro für Klinikbehandlung und Polizei ausgeben. Wenn es gelingt, Housing First flächendeckend einzuführen und den Wohnraum über das Stadtgebiet zu verteilen, gekoppelt mit intensiver Betreuung, dann entzerren wir die Szene. Ein Mensch, der vier Wände und eine Toilette hat, muss nicht im Bahnhofsviertel lagern, hat einen Rückzugsort, kann Medikamente aufbewahren, hat eine feste Postadresse und ist verlässlich erreichbar – die Voraussetzungen für eine effektive Hilfe. Fazit: Frankfurt braucht einen neuen medizinischen Ehrgeiz. Die ausstiegsbasierte Drogenhilfe ist in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen. Der Erfolg der Drogenpolitik bemisst sich dabei daran, wie vielen wir den Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Das erfordert Geld für innovative Behandlungskonzepte und Wohnraum – und den Mut, Akzeptanz als Voraussetzung für Veränderung zu begreifen, nicht als Endstation. Wer heute am Hauptbahnhof über Menschen steigt, sollte wissen: Das muss nicht so bleiben. Aber es wird so bleiben, solange wir Akzeptanz mit Kapitulation verwechseln.
