Donald Trump hat in den ersten zwölf Monaten seiner zweiten Präsidentschaft Anspruch auf Grönland, Kanada und den Panamakanal erhoben, er hat dem libertären argentinischen Präsidenten Javier Milei mit einem 20-Milliarden-Dollar-Deal im Wahlkampf geholfen und sich mit einer Wahlempfehlung in Honduras eingemischt. Er hat Google Maps gezwungen, US-Kunden den Golf von Mexiko als „Golf von Amerika“ anzuzeigen. Er hat Kolumbien, Mexiko und Kuba gedroht. Und nun den venezolanischen Despoten Nicolás Maduro gestürzt. Trump selbst bezeichnete das als angewandte „Donroe-Doktrin“. Er griff damit einen medial geprägten Begriff auf. Erstmals verwendete ihn die Boulevardzeitung „New York Post“ vor knapp einem Jahr auf ihrem Cover. Darauf zu sehen eine spöttische Illustration: Trump mit einem Zeigestock vor einer Landkarte, auf der Bezeichnungen durchgestrichen und durch neue ersetzt wurden. Aus Grönland wird „unser Land“, aus Kanada der „51. Bundesstaat“, aus dem Golf von Mexiko der „Golf von Amerika“ und aus dem Panamakanal der „Pana-MAGA-Kanal“ – in Anlehnung an Trumps Make-America-Great-Again-Slogan. Die USA als „internationale Polizeimacht“ Donroe, das ist eine Wortneuschöpfung, eine Kombination aus dem Vornamen des aktuellen Präsidenten (Donald) und dem Nachnamen des fünften Präsidenten der Vereinigten Staaten (Monroe). James Monroe hatte 1823 dem Kongress drei außenpolitische Grundsätze vorgetragen. Erstens sollten die Europäer sich aus der westlichen Hemisphäre fernhalten. Andernfalls würden die USA eine Einmischung als Gefahr gegen sich selbst ansehen. Und drittens sollten die USA sich im Gegenzug aus Angelegenheiten in der Alten Welt, in Europa, fernhalten. Das erinnert im Kern stark an die neue amerikanische Sicherheitsstrategie, die im Dezember in Deutschland so manchen schockierte. Denn Europa, das macht die Trump-Administration darin klar, hat darin keine Priorität mehr. Etwas unter ging dabei hierzulande, welcher Region Washington stattdessen Priorität zuschreibt: Lateinamerika. Beziehungsweise: der gesamten westlichen Hemisphäre. Die Vereinigten Staaten, heißt es in dem Papier ausdrücklich, werden der „Monroe-Doktrin wieder Geltung verschaffen, um die amerikanische Vormachtstellung in der westlichen Hemisphäre wiederherzustellen und unser Heimatland und unseren Zugang zu wichtigen geographischen Räumen in der gesamten Region zu schützen“. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Vereinigten Staaten noch nicht die Weltmacht, die sie später wurden. So schauten sie zu, als die Briten 1833 im Südatlantik die Falklandinseln unter ihre Kontrolle brachten. Das änderte sich um den Jahrhundertwechsel. So vertrieben die USA etwa die Spanier aus Kuba und Puerto Rico, und sie sicherten sich die Bau- und Nutzungsrechte für den strategisch und ökonomisch wichtigen Panamakanal, nachdem die Franzosen mit der Errichtung der Wasserstraße gescheitert waren. Die Auslegung der Monroe-Doktrin änderte sich im Laufe der Zeit, immer wieder fügten amerikanische Präsidenten, so wie jüngst Trump, einen Zusatz (Corollary) hinzu. So zum Beispiel Theodore Roosevelt im Jahr 1904. Er sah in den Vereinigten Staaten eine „internationale Polizeimacht“, die bei Fehlentwicklungen in der westlichen Hemisphäre als „zivilisierte Nation“ eingreifen dürfe. Damit prägte Roosevelt noch weit nach seinem Tod die US-Politik in der Region. Auch Trump duldet keine Großmächte in seiner Nähe Die Liste der verdeckten und offenen Interventionen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert ist so lang, dass Bücher darüber ganze Regale füllen können. Manches Mal ging es um wirtschaftliche Interessen wie in den sogenannten Bananenkriegen. Und oftmals um den Kampf gegen den Kommunismus und den Sozialismus: So unterstützten die USA 1961 einen erfolglosen Putschversuch in Kuba, 1973 einen erfolgreichen Putsch in Chile und in den Achtzigerjahren Konterrevolutionäre in Nicaragua; auch führten sie 1983 in Grenada einen Regimewechsel durch. Am meisten an den Sturz Maduros erinnert die Militärintervention 1989 in Panama. Damals stürzten die Amerikaner den General Manuel Noriega, der zuvor in den USA wegen Rauschgifthandels angeklagt worden war und eine Wahl hatte fälschen lassen. Sie stellten ihn in den Vereinigten Staaten vor ein Gericht, das ihn zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilte. Grund für die militärische Intervention war aber nicht nur der Rauschgifthandel Noriegas, sondern auch die Angst, den Zugang zum Panamakanal zu verlieren. Präsident George H. W. Bush schickte damals Tausende Soldaten in das Land. Für den Sturz Maduros waren nun deutlich weniger Elitesoldaten notwendig. Im Kern ging es bei allen Interventionen im 20. Jahrhundert um die eigenen politischen, strategischen und wirtschaftlichen Interessen der Vereinigten Staaten. So manches Mal unterstützte man dafür auch Diktatoren, solange sie nicht mit der Sowjetunion zusammenarbeiteten oder anderweitig antiamerikanische Positionen vertraten. Auch Trump duldet keine Großmächte in seiner Nähe. Er will China und Russland aus der amerikanischen Einflusszone heraushalten. Maduro wurde zudem sein Antiamerikanismus zum Verhängnis, weniger seine politische Ausrichtung. Mit dem übrig gebliebenen Regime in Caracas kann sich Trump, wie er selbst sagt, vielleicht arrangieren, wenn Ölgeschäfte möglich sind. Auch dürfte er ein Interesse haben, weitere Migranten abzuschieben. Vor zwölf Jahren, in der Obama-Zeit, hatte der damalige Außenminister John Kerry die Hinterhofpolitik der USA für beendet erklärt: „Die Ära der Monroe-Doktrin ist vorbei.“ Unter Trump lebt sie als Donroe-Doktrin wieder auf.
