FAZ 02.01.2026
12:10 Uhr

Stützpunkt in Stuttgart: Warum die Aufarbeitung des Missbrauchs im Turnen stockt


Vorwürfe massiven Machtmissbrauchs erschüttern den Bundesstützpunkt Turnen Stuttgart. Ein Jahr später sind die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen noch nicht abgeschlossen.

Stützpunkt in Stuttgart: Warum die Aufarbeitung des Missbrauchs im Turnen stockt

„Wir sind weiterhin fest davon überzeugt, dass wir aufgrund der uns zum Jahreswechsel 2024/2025 bekannt gewordenen Vorwürfe die richtigen personellen Maßnahmen getroffen haben“, schreibt Matthias Ranke, Geschäftsführer des Schwäbischen Turnerbundes (STB), auf Anfrage der F.A.Z. mit Blick auf zwei ehemalige Toptrainer des Kunstturnforums Stuttgart. Am 23. Januar 2025 hatte der Landesverband Marie-Luise Mai und Giacomo Camiciotti schriftlich gekündigt. Beide klagten vor dem Arbeitsgericht Stuttgart gegen die Kündigung. Mai bekam Anfang November Recht, ein gleichlautendes Urteil in der Sache STB gegen Camiciotti erging kurz vor Weihnachten. Forderung nach Aufklärung nach Vorwürfen Vor einem Jahr waren Vorwürfe massiven Machtmissbrauchs am Bundesstützpunkt Turnen der Frauen in Stuttgart erstmals öffentlich geworden. Es geht um Drohungen, Demütigungen, Ignorieren, Schmerzmittel, Straftraining, ständige Überbelastungen, chronische Schmerzen, Wettkämpfe mit gebrochenen Knochen; und immer wieder um Essstörungen. Einige Schilderungen reichen über ein Jahrzehnt zurück, andere schilderten aktuelle Erlebnisse. Neben Aktiven wagten auch Trainerinnen und Eltern den Schritt in die Öffentlichkeit, insgesamt fast 20 Personen. Institutionen wie Athleten Deutschland e. V. und Verbände bis hin zum Deutschen Olympischen Sportbund bekundeten daraufhin Betroffenheit und Besorgnis, sie forderten Aufklärung. Keine Neuigkeiten nach einem Jahr Diese versprachen der Deutsche und der Schwäbische Turnerbund in einem gemeinsamen Statement an Silvester 2024. Das für den Sport zuständige Kultusministerium Baden-Württemberg drohte im Januar die Einfrierung von Mitteln an, Anfang Fe­bruar erklärte die Staatsanwaltschaft Stuttgart, sie habe Ermittlungen aufgenommen. Ein Jahr später gibt es zur Aufarbeitung keine Neuigkeiten. Was bleibt: Mai und Camiciotti, wie auch ihre jeweiligen Lebenspartner, die ebenfalls zum Trainerteam gehörten, arbeiten nicht mehr im Kunstturnforum, dafür wurden zwei Trainerinnen aus den USA verpflichtet. Die „Meistertrainerin“ – wie sie die Lokalpresse nannte Marie-Luise Mai, bei Bekanntwerden der Vorwürfe die verantwortliche Bundesstützpunkttrainerin, arbeitete mindestens seit 2004 mit Kaderturnerinnen, darunter zeitweise auch ihre Töchter Marie-Sophie und Giulia. Die „Meistertrainerin“ – wie sie die Lokalpresse nannte – leitete über Jahre die deutschen Spitzenturnerinnen Kim Bui und Elisabeth Seitz an; außerdem mit Tabea Alt, Kim Janas und Emelie Petz drei herausragende Talente, deren Karrieren auch aufgrund von Verletzungen viel zu früh endeten. Mit Ausnahme von Seitz haben all diese Turnerinnen im vergangenen Jahr den erlebten Machtmissbrauch in Stuttgart öffentlich geschildert. Giacomo Camiciotti begann – so seine Darstellung in einem Interview – seine Trainerlaufbahn 2007 in verschiedenen Vereinen nahe Mailand und arbeitete seit 2013 beim lombardischen Verein Pro Lissone. Von dort wechselte er nach Irland und betreute die Juniorin Emma Slevin bei den Olympischen Jugendspielen 2018, bevor er im Februar 2019 in Stuttgart eingestellt wurde. Dort übernahm der Sportwissenschaftler, der auch ein Jurastudium absolviert hat, eine Gruppe von Juniorinnen. Verschiedene von ihnen – wie Catalina Santos-Moran Diaz oder Amelie Pfeil – schilderten vor einem Jahr detailliert sein damaliges Vorgehen in der Halle. 2024 betreute Camiciotti Helen Kevric bei den Olympischen Spielen in Paris. Bei der öffentlichen Sitzung am Arbeitsgericht Stuttgart in der Sache Marie-Luise Mai gegen den STB Ende Juli saßen sich die ehemalige „Meistertrainerin“ und ihr Arbeitgeber in Person des STB-Geschäftsführers Matthias Ranke wortlos gegenüber. „Wir haben keinerlei Vorlage zu Taten“ Der Vorsitzende Richter Stefan Funk führte bereits einleitend aus: „Wir haben keinerlei Vorlage zu Taten, die wir behandeln können“, die vom STB vorgetragenen Sachverhalte seien „nicht beschrieben“. Aus seiner Sicht bestehe „kein Verdacht einer Straftat“, daher setze er das Verfahren auch nicht, wie vom STB beantragt, aus. „Vermutlich“ werde er der Klage stattgeben. Jürgen Schmitt, Anwalt des STB, verwies mehrfach auf die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen die Klägerin. Aber das Arbeitsgericht ist nicht die Staatsanwaltschaft, und diese gibt während des laufenden Verfahrens keine Akten frei. Er habe zehn Seiten Sachverhalte vorgelegt, erwiderte Schmitt, räumte aber ein, dass konkrete Angaben zu Verfehlungen fehlten. „Eine Drei davor und sechsstellig“ Er habe lediglich „diffuse Behauptungen“ aufgestellt, „alles maximal schwammig“, konterte Mais Rechtsanwalt Boris Dollinger, er hingegen habe Stellungnahmen von Turnerinnen vorgelegt, „die das widerlegen“. Dabei dürfte es sich um Erklärungen der vier noch minderjährigen Turnerinnen handeln, die zuletzt in Mais und Camiciottis Trainingsgruppe waren und weiterhin am Stützpunkt trainieren. Nach einem kurzen Schlagabtausch über die Höhe einer eventuellen Abfindung – „eine Drei davor und sechsstellig“, so die Forderung Dollingers – beendete der Richter nach knapp zwanzig Minuten den Kammertermin mit der Feststellung: „Eine Einigung ist nicht zu erzielen.“ Antrag auf Aussetzung des Verfahrens STB-Geschäftsführer Matthias Ranke antwortet nun mit Blick auf das ergangene Urteil, er könne nachvollziehen, dass der Richter der Klage stattgegeben habe. Schließlich habe man „auf Bitte der Staatsanwaltschaft im Vorfeld der Verhandlung keinen Kontakt zu den Turnerinnen aufgenommen. Somit konnten wir auch keine Zeugenaussagen einbringen, die unseren Standpunkt unterstützen.“ Genau deshalb habe man den Antrag auf Aussetzung des Verfahrens während der Ermittlungen gestellt: „Dieser wurde für uns unverständlicherweise abgelehnt.“ Auf Nachfrage bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart, ob eine solche Bitte dem STB gegenüber ergangen ist, antwortet ein Sprecher, dazu könne man angesichts der laufenden Ermittlungen „derzeit keine näheren Auskünfte erteilen“. Die Ermittlungen laufen seit mehr als zehn Monaten. Bislang wurden 13 Objekte durchsucht und 77 Zeugen vernommen. Längst geht es nicht mehr nur um ein Ermittlungsverfahren wegen Nötigung am Bundesstützpunkt Geräteturnen (weiblich), dem Kunstturnforum Stuttgart. Die Staatsanwaltschaft schreibt: „Gegen einen ehemaligen Trainer (...) wurden drei Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Nötigung in jeweils mehreren Fällen sowie Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung in sechs Fällen und wegen des Verdachts der versuchten gefährlichen Körperverletzung in zwei Fällen und der versuchten vorsätzlichen Körperverletzung in einem Fall eingeleitet. Gegen eine weitere ehemalige Trainerin (...) wurden Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung in fünf Fällen, wegen des Verdachts der versuchten gefährlichen Körperverletzung in vier Fällen, wegen des Verdachts der versuchten vorsätzlichen Körperverletzung in drei Fällen und wegen des Verdachts der versuchten Nötigung in einem Fall eingeleitet. Gegen einen weiteren Trainer (...) wurde ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der versuchten gefährlichen Körperverletzung in zwei Fällen eingeleitet.“ Tabea Alt schreibt Brief über die Missstände Eine Aussage über den Zeitpunkt des Abschlusses einzelner oder aller Ermittlungen „kann nicht getroffen werden“. Was die Bereitschaft einer Zusammenarbeit mit dem STB seitens derjenigen betrifft, die sich im vergangenen Jahr an die Öffentlichkeit wandten, sind Zweifel angebracht. So hatte Rechtsanwalt Schmitt nach der Verhandlung auch gesagt, die konkreten Aussagen fehlten, „weil sich die Damen uns gegenüber nicht öffnen“. Mehrere von ihnen hatten zunächst intern auf die inakzeptablen Trainingsmethoden aufmerksam gemacht, sowohl im Verlauf des Jahres 2024, aber auch schon im Sommer 2021, als Olympiateilnehmerin Tabea Alt in einem langen Brief die Missstände benannt hatte. „Wir haben vor, im Januar 2026 konkret Stellung zu beziehen“ Diese Erkenntnisse seien in „Maßnahmen“ eingeflossen, hatten der Deutsche Turner-Bund und der Schwäbische Turnerbund vor einem Jahr erklärt. Die Betroffenen haben den Eindruck, die verantwortlichen Vorgesetzten in STB und DTB hätten um die Praxis gewusst und es laufen lassen – schließlich war das System erfolgreich. Nach den erstinstanzlichen Urteilen könnten Marie-Luise Mai und Giacomo Camiciotti, beide beantworteten Fragen der F.A.Z. nicht, verlangen, in ihre Tätigkeit zurückzukehren. Das allerdings will der STB verhindern. Er hat Berufung eingelegt. Geschäftsführer Ranke formuliert einen Appell: „Nun ist es auch an den Turnerinnen, den von ihnen mitangestoßenen und von uns weitergeführten Prozess zu unterstützen. Ohne entsprechende Gerichtsaussagen wird es schwer, diese Prozesse zu gewinnen.“ Auf Fragen nach eventuellen Versäumnissen seines eigenen Verbandes sowie der weiterhin ausstehenden Bitte um Entschuldigung bei den Betroffenen antwortet er: „Dazu haben wir vor, im Januar 2026 konkret Stellung zu beziehen.“