FAZ 22.01.2026
16:18 Uhr

Stürmer Edin Džeko: Ein Transfer wie Balsam für das Schalker Selbstwertgefühl


Heldenerzählung oder Krisendrama? Mit Edin Džeko bekommt die zweite Liga einen Stürmer mit Weltruf: Der 39 Jahre alte Bosnier soll den FC Schalke 04 zum Aufstieg schießen. Kann das funktionieren?

Stürmer Edin Džeko: Ein Transfer wie Balsam für das Schalker Selbstwertgefühl

Tief hinein ins Befinden der Angehörigen von Schalke 04 reicht der erstaunliche Vorgang, der seit Donnerstagmittag offiziell Teil der wendungsreichen Geschichte des Revierklubs ist. „Prominente Verstärkung für den Angriff“, verkünden die Gelsenkirchener in einer Mitteilung, „der FC Schalke 04 nimmt für die verbleibenden 16 Spiele der Saison den international erfahrenen Stürmer Edin Džeko unter Vertrag.“ Was zu Beginn der Woche noch wie eine abstruse Behauptung irgendwelcher Transfermarktschreier klang, wird den Rest der Zweitligasaison überstrahlen – entweder als Heldenerzählung oder als Krisendrama. In jedem Fall wird der 39 Jahre alte Starspieler, der zuletzt bei der AC Florenz unter Vertrag stand und schon an diesem Sonntag (13.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur 2. Bundesliga und bei Sky) für Schalke gegen Kaiserslautern spielen kann, ein riesengroßes Thema bleiben während der kommenden Monate. „In den Gesprächen hat Edin uns glaubhaft verdeutlicht, wie hungrig er auf eine erfolgreiche Rückrunde mit uns ist“, sagt Youri Mulder, der Direktor Profifußball beim FC Schalke. Der Schmerz wird von aktuellen Erfolgen überlagert Das ist eine bemerkenswerte Pointe mit weitreichenden Verbindungen ins Schalker Innenleben. Der Absturz des Klubs vom etablierten Champions-League-Verein zu einem in seiner Existenz bedrohten Pleiteklub aus der zweiten Liga hat tiefe Wunden geschlagen. Der Schmerz der Gemeinde ist längst nicht verklungen, wird aber überlagert von den bemerkenswerten Erfolgen der laufenden Saison. Mit Džeko geht nun endgültig die Sonne auf, zumindest für den Moment. Auch wegen eines historischen Vorbildes. Džeko ist die größte Berühmtheit auf Schalke seit dem Spanier Raúl, der ab 2010 ein unvergessenes Sturmpaar mit Klaas-Jan Huntelaar bildete. Nun ist wieder ein Stürmer von Weltruf da. Džeko gewann neben etlichen weiteren Titeln eine deutsche Meisterschaft mit Wolfsburg, zwei englische Meistertitel mit Manchester City, noch 2023 stand er mit Inter Mailand im Champions-League-Endspiel und ist Torschützenkönig in Deutschland (2010) sowie Italien (2017) gewesen. Er war Fußballer des Jahres in Deutschland, England und Italien und hat während seiner 111 Einsätze in der Bundesliga 66-mal getroffen. Hinzu kommen 50 Treffer in 130 Premier-League-Partien und 107 Tore während 279 Spielen in der Serie A. „Gute Gespräch“ mit Muslić und Katić Vielleicht am wichtigsten für Schalke ist jedoch: Vor seinem Wechsel nach Florenz im vergangenen Sommer sind ihm während zwei Saisons bei Fenerbahçe Istanbul in der türkischen Süper Lig noch 35 Tore in 71 Spielen gelungen. Es ist also noch nicht lange her, dass der Torjäger in einer starken Liga voll mithalten konnte. „Ich habe mich seit dem ersten Interesse sehr intensiv mit Schalke beschäftigt und mir einige Spiele angeschaut“, sagt Džeko. „Die Gespräche mit den Verantwortlichen, Miron Muslić als Trainer und unter anderem natürlich Nikola Katić, waren sehr gut.“ Gemeinsam mit Schalkes Abwehrchef Katić spielt Džeko im kommenden März mit der bosnischen Nationalmannschaft um die letzten freien Plätze bei der WM. Er hat also noch etwas vor in seiner Karriere, wurde in Florenz aber kaum noch eingesetzt. „Qualitäten als Zielspieler und Torjäger“ Allerdings schließt er sich nun einem Klub mit ausgeprägter Angriffsschwäche an. 22 Tore sind dem Tabellenführer der zweiten Liga im bisherigen Saisonverlauf gelungen. Das Herausspielen von Möglichkeiten, die Džeko vollenden kann, fällt der Mannschaft schwer. Es ist völlig offen, wie der neue Star der Liga damit zurechtkommt, wobei Mulder sagt: „Neben der Erfahrung als Führungsspieler wird unsere Mannschaft von Edins Qualitäten als Zielspieler und Torjäger profitieren.“ Allerdings sollte Džeko schneller funktionieren als der große Gelsenkirchener Referenztransfer. Raul wird zwar als Held für die Ewigkeit erinnert, seinen ersten Treffer erzielte er aber erst in der 87. Minute seiner sechsten Bundesligapartie. Wenn Džeko eine ähnlich lange Anlaufzeit braucht, ist schon mehr als ein Drittel der Rückrunde vorbei. Und Bedenkenträger, von denen es viele gibt an diesem Standort, können weitere Argumente vortragen: Was passiert mit dieser als Gruppe hervorragend funktionierenden Mannschaft, wenn sich plötzlich die ganze Aufmerksamkeit auf den neuen Kollegen richtet? Wie passt ein Neununddreißigjähriger zu dem Hochintensitätsfußball, den Muslic eingeführt hat? Was passiert mit Kenan Karaman, der mit seinen 31 Jahren auch nicht mehr der Dynamischste ist? Muss der Kapitän und bisherige Held des Pu­blikums um seinen Stammplatz bangen? Sicher ist nur: Der FC Schalke wird der beste Geschichtenlieferant der Liga bleiben. Am Donnerstag gab es bei der „WAZ“ einen Džeko-Liveticker, und die ersten Stunden nach der Vertragsunterzeichnung dienten der Produktion von „Content“ für die sozialen Netzwerke, die mit der direkten Kaufoption für Džekos Trikot mit der Nummer 10 verknüpft sind. Aber nicht nur deshalb ist das wirtschaftliche Risiko für Schalke überschaubar. Džeko erhält einen stark leistungsbezogenen Vertrag bis zum Saisonende. Und wenn die Sache mit dem Aufstieg klappt, dann kann der Klub sich die fälligen Bonuszahlungen leisten, ohne vom eingeschlagenen Weg der wirtschaftlichen Konsolidierung abzukommen.