Rachel Etse, 34 Jahre, ist Ethnologin und promoviert an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. In ihrer Masterarbeit forschte sie zur Beleidigungskultur im deutschen Männerfußball. Seit 2021 ist sie freiberuflich als rassismuskritische Trainerin tätig und arbeitet dabei insbesondere im Fußballkontext. Frau Etse, Sie sind Ethnologin an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und beschäftigen sich unter anderem mit Rassismus im Fußball. Hat der deutsche Fußball nach wie vor ein Rassismusproblem? Absolut, ja, zu einhundert Prozent. Der globale Fußball hat ein Problem mit Rassismus, und der deutsche Fußball nimmt sich davon nicht aus. Wenn wir darüber reden, müssen wir uns davon lösen, dass es sich dabei nur um Einzelfälle handelt. Denn das ist vor allem eine Strategie der Vereine und Verbände, sich nicht näher mit dem Thema zu beschäftigen. Mit der Organisation „Roots“, an der auch Otto Addo, der ehemalige Bundesligaprofi und heutige Nationaltrainer Ghanas, beteiligt ist, geben Sie Workshops in Klubs. Von welchen Formen des Rassismus berichten Ihnen die Menschen dort? Ein großes Thema sind rassistische Beleidigungen innerhalb des Vereins. Rassismus kommt nicht nur aus Fankurven, die oft als rechts wahrgenommen werden, er wird nicht nur über soziale Medien verbreitet. Er steckt in den Strukturen des Fußballs. Können Sie uns ein Beispiel geben? Häufig glauben die Leute, Rassismus bedeute vor allem, man beleidigt jemanden, man wertet jemanden herab, weil er einen muslimischen Hintergrund hat, einen asiatischen Hintergrund oder weil er schwarz ist. Es gibt jedoch Studien, die aufzeigen, dass schon in der Art und Weise, wie Mannschaften aufgestellt werden, Stereotype bedient werden. Schwarze Menschen werden immer noch sehr stark auf ihre Körperlichkeit reduziert, sie gelten als athletisch und schnell; weißen Menschen hingegen werden Eigenschaften wie taktisches Denken oder Führungsfähigkeiten zugeschrieben. Deshalb werden viele schwarze Spieler in der Abwehr, auf den Außenbahnen oder im Sturm eingesetzt. Im Tor, im Zentrum des Mittelfelds oder als Mannschaftskapitän sieht man sie kaum. Hinzu kommt, dass wir auf dem Platz eine sehr hohe Zahl von Menschen mit Einwanderungsgeschichte haben – sowohl bei den Profis als auch bei den Amateuren. Geht man aber die Führungspositionen in den Vereinen und Verbänden durch, tauchen diese Menschen dort kaum noch auf. Zu Beginn der Neunzigerjahre war der Rassismus in deutschen Stadien sehr offensichtlich: Es wurden Bananen auf den Rasen geworfen, Affenlaute auf den Tribünen nachgeahmt. Souleymane Sané, Anthony Baffoe und Anthony Yeboah veröffentlichten deshalb einen offenen Brief mit dem Titel „Wir wollen kein Freiwild sein“. Der Rassismus heute hat sein Gewand verändert, oder? Die Masse, die wir aus den Neunzigerjahren kennen, ist geblieben. Sie sitzt nur nicht mehr auf der Tribüne, sondern im Netz. Der Rassismus ist noch da, er war nie weg. Es heißt immer, dass wir so tolerant und so divers sind. Aber wenn es um die Repräsentation von Deutschland geht, dann sieht man, dass Deutschsein für viele Menschen Weißsein bedeutet. Mehr als 3000 von Rassismus, Hass und Beleidigungen durchzogene Kommentare wurden während der U-17-WM 2023 im Netz unter einem Selfie von deutschen Spielern veröffentlicht. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat Strafanzeige gestellt. Es waren vier Spieler – und keiner von ihnen war weiß. Dass diese vier, die in den Augen mancher nicht deutsch aussehen, Deutschland repräsentieren, ist für einige da draußen mit der Angst verknüpft, dass sich innerhalb der Gesellschaft etwas verschiebt. Statistisch gesehen dauert es nicht mehr lange, bis die deutsche Gesellschaft mehrheitlich aus Menschen mit einer Einwanderungsgeschichte besteht. Auch in England, Frankreich oder den Niederlanden gibt es Rassismus, keine Frage. Aber in diesen Ländern gibt es trotzdem ein ganz anderes Selbstverständnis dafür, wer Engländer, Franzose oder Niederländer ist. Da kann jemand stehen, der schwarz ist, einen jamaikanischen Hintergrund oder einen muslimischen Hintergrund hat und sagt: „Ich bin Engländer.“ In Deutschland wird weiter darüber diskutiert, wer Deutscher ist und wer nicht. Erleben wir gerade einen Anstieg von rassistischen Vorfällen? Durch die gesamtgesellschaftliche Lage und durch den Aufstieg der AfD haben sich die roten Linien verschoben. Es darf viel mehr gesagt werden, und es wird viel zu selten Stopp gesagt. Haltung zeigen, Grenzen setzen, das findet seltener statt. Im Profifußball ist antischwarzer Rassismus medial am meisten präsent. Im Amateurfußball aber stellen wir einen merklichen Anstieg des antimuslimischen Rassismus fest. Dieser Gruppe werden ganz viele Eigenschaften zugeschrieben, zum Beispiel: Bei denen muss man aufpassen, die sind viel zu aggressiv. Diese Einstellung zeigt sich auch bei der Ahndung in Sportgerichtsurteilen. Was meinen Sie damit? Verschiedene Studien haben sich mit dem Thema beschäftigt und kommen zu dem Ergebnis, dass Spieler mit muslimischem Hintergrund für dasselbe Vergehen zum Teil deutlich härtere Strafen bekommen als Deutsche ohne Einwanderungsgeschichte. Offenbar ist es so, dass das Verhalten eines Spielers, der als muslimisch wahrgenommen wird, anders wirkt als das eines Spielers mit deutschem Hintergrund – weil schon Bilder herrschen, bevor die Person überhaupt handelt. Der Schalker Christopher Antwi-Adjei wurde im Sommer im DFB-Pokal-Spiel von Fans von Lokomotive Leipzig wiederholt rassistisch beleidigt. Der Mainzer Nadiem Amiri wurde nach dem Sieg in Dresden in sozialen Netzwerken wüst beschimpft. Danach war jeweils von einem Einzelfall die Rede. Warum nehmen die Verantwortlichen im Fußball das immer wieder als Erklärung? Die Aussage dahinter ist: Das ist kein Problem von uns, das sind Leute, die nicht Teil unserer Struktur sind. Dabei haben wir nicht nur ein Rassismusproblem im Fußball, wir haben auch ein Problem mit der Definition von Rassismus. In den Köpfen der Menschen ist Rassismus etwas, das draußen stattfindet, man sagt dann halt, es gebe immer ein paar Blödmänner. Aber Rassismus ist so viel mehr: Wer bekommt denn die Zugänge in die Führungsetagen des Fußballs? Wer gilt eigentlich als Straßenfußballer? Welche stereotypen Zuschreibungen werden getroffen? Hinzu kommt, dass Vereine und Verbände häufig überfordert sind, wenn es zu einem Rassismusvorfall kommt, weil sie keine Struktur geschaffen haben, um diese Fälle aufzufangen. Und mit Einzelfällen muss man sich eben nicht so intensiv auseinandersetzen. Ist die Situation mit Blick auf den Rassismus in ostdeutschen Stadien und auf ostdeutschen Amateurplätzen problematischer? Eigentlich haben wir überall ein Problem mit rechts. Aber wenn man nach Ostdeutschland schaut, haben wir dort ein noch größeres Problem mit rechten Gruppierungen. Das hat auch der DFB erkannt, als er vor zwei Jahren ein Antirassismusprojekt für den deutschen Amateurfußball ins Leben gerufen hat – aber nur im Osten. Das Projekt hieß „Fußballzeit ist die beste Zeit gegen Rassismus“ und endete im Dezember. Helfen derartige Projekte? Ich bin kein Fan von irgendwelchen Slogans und Kampagnen – beides ist nicht mehr als ein Signal nach außen, es führt jedoch nicht zu strukturellen Veränderungen. Projekte und vor allem Workshops, in denen Menschen sehr intensiv zusammenarbeiten, können dabei eine andere Wirkung erzielen. Was erleben Sie in den Workshops, die Sie geben, beispielsweise in Verbänden und Nachwuchsleistungszentren? Das ist unterschiedlich. Es gibt immer noch Räume, in denen ich erklären muss, dass das N-Wort nicht ausgesprochen wird. Manchmal wird das Narrativ umgedreht und die Leute sprechen davon, es gebe einen antiweißen oder einen antideutschen Rassismus. Da falle ich vom Stuhl. Es gab aber auch Situationen, in denen Jugendliche von ihren Erfahrungen erzählt haben, davon, wie sie beispielsweise nach dem Training an der Bushaltestelle beschimpft oder sogar bespuckt worden sind. Da waren sie 14 oder 15 Jahre alt. Wenn die weißen Spieler zum ersten Mal hören, was mit ihren Kumpels außerhalb passiert, wirkt das wie ein Schockmoment. Ich schaffe in meinen Workshops Platz für diese Emotionen. Wenn ich die weißen Spieler frage, was Rassismus für sie bedeutet, kommt: Hass, Ausgrenzung, Beleidigungen. Frage ich die rassifizierten Spieler, antworten sie: Wut, Ohnmacht, Minderwertigkeitsgefühle, kein Ausweg. Das sind ganz andere Begrifflichkeiten, das sind Traumata. Wie groß ist das Bewusstsein in den ersten beiden Ligen dafür, dass die Mitarbeiter und Spieler für das Thema Rassismus sensibilisiert und geschult werden? In den Nachwuchsleistungszentren passiert sehr viel, bei den Profis gibt es noch großen Nachholbedarf. Bei einem Verein habe ich gerade den Raum vorbereitet, ich hatte ganz viele Bilder ausgelegt, auch mit rassistischen Begriffen, als der Trainer der Bundesligamannschaft reinkam und sagte: „Was ist denn hier los? Ist Rassismus überhaupt ein Problem?“ Das, was er zum Ausdruck brachte, war nichts als Ignoranz. Obwohl er eingeladen war, hat er den Workshop nicht besucht. Fehlt Vereinen und Verbänden die nötige Expertise? Ja, Rassismus wird nicht als System oder Struktur verstanden. Wenn wir uns die Vereine und Verbände anschauen, also die Führungsebenen, dann arbeiten dort eben sehr häufig weiße Menschen. Man ist in seiner eigenen Bubble, hat daher kaum Perspektiven von Menschen, die gelebte Erfahrungen mit Rassismus machen. Zu oft fehlt es im Fußball noch an der nötigen Expertise. Das ist auch in Ordnung – man muss es nur anerkennen. Stattdessen heißt es: Fußball verbindet die Welt, die Nationen, ethnische Gruppen. Das stimmt nicht. Solche Narrative machen uns blind für die Ausgrenzungsmechanismen. Auch beim DFB-Verbandsdialog kommen immer wieder Schlagwörter wie Fair Play, Diversität und Vielfalt. Das sind Floskeln, das hilft uns nicht weiter. Ich würde mir stattdessen wünschen, dass der DFB einmal seine gesamte Struktur überprüft und aufhört, sich nur auf seine Leitbilder zu fokussieren. Sie wurden in das Kuratorium der DFB-Kulturstiftung berufen. Das ist für mich ein starkes Zeichen. Sie kennen meine Arbeit. Sie wissen, wie deutlich ich spreche. Mein Eindruck ist schon, dass es dort gewünscht ist, dass ich den Finger in die Wunde lege. Ich weiß, was Rassismus bedeutet. Ich weiß aber auch, was die Lösungen sein können. Der DFB hat gar keine Wahl mehr, er muss sich verändern. Die Nationalmannschaft hat es längst getan: Bei der WM in Qatar hatte mehr als die Hälfte der Spieler eine Einwanderungsgeschichte. Das spiegelt sich im Verband sonst nicht wider. Das zeigt das existierende Machtgefälle. Denn Rassismus hat immer etwas mit Macht zu tun. Denken Sie, dass es wieder etwas wie den offenen Brief von Sané, Baffoe und Yeboah braucht? Eine gemeinsame Stimme, die erzählt, wie es Betroffenen ergeht im deutschen Fußball? Eines der Ziele von Rassismus ist es, zu spalten. Wenn sich die Spielerinnen und Spieler stattdessen zusammentun und mit einer Stimme sprechen, würde das so viel ausmachen. Sie wissen immer noch nicht, wie viel Macht sie eigentlich haben. Das würde ganz viel sprengen. Der Fußball hätte keine Wahl mehr, er müsste sich verändern.
